Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1891)
- Date
- 1891-01-22
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
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40 Wie Chanuka - Befcheerung. Von Theodor Oschinsky. Breslau, im Januar. Sie haben in den letzten Nummern Ihrer geschätzten Zeitung einige Berichte über stattgefundene Chanuka-Einbescheerungen gebracht, und ich gebe mich deshalb der Hoffnung hin, daß Sie auch post lestuor einem Berichte aus unserer Stadt, der die prinzipielle Seite dieser pädagogisch und religiös gleich wichtigen Angelegenheit erörtert, die Aufnahme nicht versagen werden. Ich möchte mich zunächst gegen den Rath wenden, der in der Israelitischen Wochenschrift ertheilt wurde; nach demselben soll, wie es bereits als nachahmungswerthes Beispiel in einzelnen Fällen geschieht, die Vertheilung der Kleidungsstücke nicht öffentlich erfolgen. Ich glaube wohl mit Recht anzunehmen, daß wir hier in Breslau den Anfang mit einer solchen Einbescheernng in größerem Umfange gemacht und deshalb auch größere Erfahrungen auf diesem Gebiete gesammelt haben; ich kann auch, ohne unbescheiden zu sein, hinzufügen, daß an keinem anderen Orte, selbst Berlin nicht ausgenommen, die Beschaffenheit und Vollständigkeit der Kleidungsstücke auch nur annähernd so ist, wie bei uns. Ich selbst habe die Idee einer Chanuka - Einbescheerung im Jahre 1883 hier angeregt und trotz der größten Anfeindungen aus dem eigenen Lager durchgeführt. Sowohl die Gemeindebehörden, als auch die hervorragendsten Glaubensgenoffen suchten mich von dieser Idee abzubringen, die nur geeignet sein würde, Aergerniß und Bitterkeit bei Andersdenkenden zu erregen aber vergebens. Ich ging von der Ansicht aus, daß, obwohl der größte Theil des Geldes für die von den hiesigen Bezirksvereinen veranstalteten Weihnachtsbescheerungen von unseren Glaubensgenossen gegeben wurde, doch nur naturgemäß eine ganz verschwindende Zahl jüdischer Kinder hierbei bedacht werde, dann aber, und was für mich die Hauptsache war, fand ich die bisherige Art dieser Bescheerung für jüdische Kinder ganz unschicklich; die wenigen, etwa 4—6 unter 200, mußten unter dem Weihnachtsbaum stehe», die üblichen Lieder initsingen oder wenigstens anhören, und dann kam noch die streng kirchliche Rede des Geistlichen. Ans diesen Gründen war ich von meinem Vorhaben nicht abzubringen und wurde darin auch von dem leider zu früh verstorbenen Rabbiner Dr. Joel bestärkt, der auch den ersten Aufruf für dieses Werk verfaßte. Mit ihm besprach ich eingehend die Frage, ob die ganze Feier öffentlich ftattfinden solle oder nicht, außerdem wandte ich mich an einzelne Rabbinen in den verschiedensten Orten mit dieser Frage, und fast Alle waren im Interesse der Sache für die Oeffentlichkeit. Als Gründe hierfür tvaren angegeben, daß in einer solch großen Gemeinde die zu beschenkenden Kinder, resp. deren Eltern oder Angehörige, von fast keinem Besucher eines solchen Festes gekannt sind, daß ferner nur solche Kinder bedacht werden sollten, die von den Lehrern als ordentlich und fleißig bezeichnet würden, dies demnach eine Auszeichnung sein solle, und daß endlich mit dieser Vertheilung eine religiöse Feier verbunden sein würde, an der sich sowohl die Kinder, als auch die Erwachsenen erbauen könnten. Daß wir damit das Richtige getroffen haben, geht aus den bis jetzt erzielten Resultaten hervor, denn während aus den gesammelten Beiträgen zu Chanuka 1883 nur 115 Kinder vollständig bekleidet werden konnten, waren es im nächsten Jahre 150 und von da bis jetzt jedes Mal circa 200, weil es öfters vorkommt, daß mehrere Gönner, nachdem sie gesehen, was wir geleistet, ihren Beitrag erhöht und verdoppelt haben. Würden wir diese Sachen nicht öffentlich ausgestellt haben, so hätten wir nie solche Resultate erzielen können; die meisten Menschen wollen nun einmal sehen, was mit ihreni Beitrage gemacht wird. Beschämend ist die Oeffentlichkeit auch deshalb für die Kinder nicht, weil wir sie nicht mit Namen aufrufen, und weil auch das Publikum bei Besichtigring der Gegenstände den Namen der Kinder nicht sieht. Die Sachen werden nämlich alphabetisch geordnet auf lange Tische gelegt, während die Kinder in einem ganz andern vom Publikuin getrennten Raume ebenso alphabetisch aufgestellt werden. Vor Beginn der Feier werden sie in den Saal geführt und direkt vor ihre Sachen gestellt. Um Ihren Lesern zu zeigen, daß wir Alles geben, was zu einem nothwendigen Anzug gehört, lege ich ein Verzeichniß') der einzelnen Gegenstände bei mit deni Bemerken, daß sämmtliche Kleidungsstücke, auch selbst die Hemden, nach Maß fiir jedes einzelne Kind neu angefertigt werden. Wir haben auch schon nach dem zweiten Jahre die Genugthuung gehabt, daß sowohl der Vorstand der Gemeinde durch seinen Vorsitzenden, als auch die Repräsentanten bei diesem Feste vertreten waren, ebenso sind jetzt immer zugegen Vertreter des Waisenhauses, der Krankenanstalt, der Armenkommission, der Religionsschulen, der Industrieschule rc., außerdem erscheint jedesmal eine so große Anzahl unserer Glanbensgenoffen, daß selbst der große Saal die Personen nicht fassen kann. Diese Chanuka-Einbescheerung, resp. Feier, hat sich in den acht Jahren hier so eingebürgert, daß dieser Tag zu einem Festtage für alle unsere hiesigen Glaubensgenossen geworden ist. Nicht zum wenigsten hat hierzu beigetrage», daß nach dem Antritt unseres Herrn Rabbiners Dr. Rosenthal die beiden Herren Gemeinderabbiner übereingekommen sind, abwechselnd jährlich die Festrede zu halten. Vor dieser Rede zündet der Kantor die Chanukalichter an, der Synagogenchor mit Harmoniumbegleitung singt den ersten Theil des Chanickaliedes lind nach der Festrede den zweiten Theil. Nachdem noch die Kinder an langen, schön gedeckten Tafeln init Chokolade und Kuchen bewirthet werden, endet die Feier mit der Uebergäbe der Geschenke an dieselben. U Briefe an einen jungen Theologen. Von Dr. G. Deutsch, Rabbiner. Der Talmud theilt sich bekanntlich nach seinem Inhalt in Halachisches und Haggadisches. Das Letztere gilt als das Verständlichere. Lassen Sie uns Einzelnes daraus betrachten, unb zwar in der Richtung, welche wir für die Belehrung der Gemeinde nöthig haben. Wir sind wohl in dieser Hinsicht absolut besser daran, als unsere Vorfahren, die noch ganz und gar in dem oberflächlichsten Rationalismus staken. Für diese Zeit ist das Wort Börnes bezeichnend, welches er in der Polemik gegen Holst gebraucht. Dr. Holst, sagt er, scheint uns zu beneiden, daß in dem Talmud noch mehr Unsinn steht, als in den Kirchenvätern. Heute ist man im Allgemeinen und auch in jüdischen Kreisen in Folge des regeren, antiquarischen Interesses gegen die litterarischen Denkmäler der Vergangenheit gerechter geworden. Aber auch die Verminderung der religiösen ') Bei der diesjährigen Vertheilung haben die Kinder folgende Gegenstände erhalten: A. die Knaben: 1 Kaisermautel, 1 kompletten Anzug (von reinwollenem Stoffe), 1 Paar Stulpenstiefel, 1 Krimmermütze, 1 Hemd, 1 Paar Unterhosen, 1 Paar Strümpfe, 1 Halstuch, 1 Taschentuch, 1 Paar Winterhandschuh, 1 Paar Hosenträger, 1 Gebetbuch. L. die Mädchen: 1 Wintermantel, 1 Kleid von reinwollenem Stoffe, 1 Unterrock, 1 Paar Hosen, 1 Hemd, 1 Paar Schuhe, 1 Paar Strümpfe, 1 wollenes Kopftuch, 1 Hut, 1 Halstuch, 1 Taschentuch. 1 Paar Winterhandschuh, 1 Paar Kniebänder, 1 Gebetbuch.