Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1892)
- Date
- 1892-12-02
- Page
- Seite 578 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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578 Lropold Stein. Zu seinem zehnjährigen Todestage (2. Dezember 1882). Wie der Genius der Menschheit für jede neue, fruchtbringende und lichtverbreitende Idee auch die Geister erweckt, welche bestimmt sind und sich berufen fühlen, Träger und Verbreiter des neuerwachten Geisteslebens zu werden, so fehlte es auch der Kulturbewegung im Judenthum zu keiner Zeit an Männern, die sich bleibende Verdienste um die Förderung und Neugestaltung unseres religiösen und sozialen Lebens erworben haben. Wie im Leben des Einzelnen, so scheint auch für die Gesammtinteressen des Judenthunis das Sprichwort sich zu bewähren: Wo die Noth am größten, da ist die Hilfe der Vorsehung am nächsten. Eine solche geistige Noth im allgemeinen religiösen, sowie besonders im synagogalen Knltusleben hatte in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreicht. Auf der einen Seite hatte die Aufklärung und das Streben nach Befreiung der Geister von jeder dogmatischen Fessel in der nachmendelssohnschen Zeit die besten und klarsten Köpfe dem Judenthum abwendig gemacht; auf der anderen Seite hatte die jeder Entwickelung und jedem Geistesfortschritt abholde, ja geradezu feindselige Richtung, die sich in Männern, wie Moses Sofer, verkörpert fand, das Judenthum in Gefahr gebracht, den Anschluß zu versäumen an die Errungenschaften des neuerwachten Lebens und Kämpfens für die Freiheit auf staatlichem und religiösem Gebiete. Das bekannte Wortspiel des genannten talmudischen Heros: DljüE *722 minn p -nOK EHPin „Alles Neue ist verboten und durchweg verwerflich", schien das Judenthum in zwei grundsätzlich verschiedene und sich feindlich gegeirüberstehende Richtungen zu trennen. Da traten Männer auf, die, geleitet vom heiligen Eifer für den Fortbestand der Religion und die Erhaltung ihrer Kern- und Grundwahrheiten, den öffentlichen Kultus so zu gestalten bestrebt waren, daß Synagoge und Leben sich fernerhin nicht fremd gegcnüberstehcn sollten. Dazu bedurfte es zunächst eines dem allgemeinen Bildungsstande unter den Israeliten entsprechenden Gottesdienstes Die Predigt in rein deutscher Sprache förderte nicht allein die Bildung im Allgemeinen, sondern war auch zugleich ein Mittel, um den Gottesdienst aus der bisherigen Verwilderung und Formlosigkeit in entsprechende und ansprechende Formen hinüber zu leiten. Die Reform hatte sich also nur die Aufgabe gestellt, die bisherige Mißgestaltung des Kultus in eine dem Zeitgeiste und Zeitbewußtsein angemessene Neugestaltung umzuwandeln. Zu den thatkräftigen und wirksamen Männern, welche nun die große und schwierige Arbeit übernahmen, nicht allein den Boden des Kultuslebens von vielhundertjührigem Schutt zu reinigen, sondern ihn auch im Kampfe mit den Anhängern des Erstorbenen für die Gegenwart und kommende Geschlechter zu erobern und neu zu belebe», das heißt, gleich dem fleißigen Gärtner neue Pflanzungen anzulegen an Stelle der alten und längst vertrockneten, gehört in erster Linie Leopold Stein. Wie Lessing seiner Zeit die Deutschen von der entwürdigenden Nachahmungssucht und Liebedienerei für alles Französische in Kunst und Litteratur zu befreien suchte, so gehörte Leopold Stein zu den Männern, welche die polnische Unsitte und polnische Unordnung, welche sich auf dem Gebiete des Kultus im Laufe der Jahrhunderte eingeschlichen hatten, zu beseitigen suchten. Dabei mußten diese Regeneratoren des Judenthums den Kampf auf zwei Seiten aufnehmen. Es galt nicht allein gegen Männer aufzutreten, die an und für sich als ehrwürdige und makellose Amtsbrüder dastanden, aber in ihrer Harmlosigkeit und Abgeschlossenheit den Ruf der neueren Zeit' überhörten, sondern auch gegen Jene, welche, genährt von dem Geist der Encyklopädiste», Voltaires und der französischen Revolution, milder abgeschmackten und abstoßenden Kulturformen gern das ganze Juden thum zugleich beseitigt hätten. Nur der schöpferische Idealismus von Männern wie Stein war im Stande, ohne zu erlahmen in einem ebenso schweren wie undank baren Kampfe als Führer an der Spitze zu stehen. Die gegenwärtige Zeit, in welcher die Wogen des Fanatismus auf beiden Seiten aus hier nicht näher zu bezeichnenden Gründer weniger hoch gehen, ahnt nicht, mit welcher uneigennützigen Selbst Verleugnung und Ausdauer diese Männer damals für die Neugestal tung des Judenthums in Kultus und Leben zu kämpfen und zu leide,: hatten. Auf Stein, den ersten deutschgebildeten Rabbiner in Frank furt am Main, der größten und intelligentesten Gemeinde im Süden Deutschlands, waren die Blicke vieler gleichstrebender Amtsgenossen und Gemeinden gerichtet. Durch seine hervorragende natürliche Redner gäbe, seinen fesselnden Vortrag und seine hohe poetische Begabung die ihn auf synagogalem Gebiete wahrhaft schöpferisch auftreten ließen war es ihm vergönnt, unvergängliche gottesdienstliche Einrichtungen zu schaffen. Es sei hier beispielsweise an das Einleitungslied an Vorabend des Versöhnungstages: „O Tag des Herrn" erinnert, welches an Stelle des „Kol Nidre" zum Gemeingut der meisten Synagogen Deutschlands geworden ist, die einen zeitgemäß geregelten Gottes dienst haben. Steins theologisch-wissenschaftliche Arbeiten, welche größtentheib: in den zehn Jahrgängen des „Jsr. Volkslehrers" und in der von ihn, herausgegebenen Zeitschrift „Der Freitag-Abend" niedergelegt sind zeigen uns seine tiefe Erfassung und kraftvolle Gestaltung jedes ihn beschäftigenden Gedankenstoffes. Er war ein vielseitig produktiver Geist der überall eine selbständige philosophische Durchdringung des Gegenstandes zeigte und dabei die Fähigkeit hatte, vermöge seiner Gemüths tiefe und ächt poetischen Gestaltungskraft auch die tiefsinnigsten Dinge in schönem Gewände vorzuführen. Noch ist die Zeit nicht gekommen, die kampfreiche Arbeit solche, Männer allseitig und objektiv zu würdigen. Hoffen wir, daß di, noch bestehenden religiösen Meinungsverschiedenheiten in unserer Mitt, bald zur allgemeinen Ueberzeugung führen werden, daß Leopold Steil, einer jener Geister war, die nichts Altes stürzen wollten, ohne neuem Leben aus den Trümmern des Erstorbenen erblühen zu lassen. F. U Wiener Briese. XXtl. . Daran hat wohl der arme „Jaule Plansch" nicht gedacht daß er Schule machen wird. Der gute Mann, ein würdiger Barkäufe der modernen Ritter von der Reklame, liebte es, die Aufmerksarnkeider Menge auf sich zu lenken. Da ihm aber die Berechtigung und Möglichkeit hierzu, die aus seiner gesellschaftlichen Stellung odcanderweitigen berücksichtigungswerthen Eigenschaften sich ergeben hätten absolut fehlten, so verfiel er auf den Gedanken, ein absonderlichem Mittel zur Erreichung seiner Absicht zu wählen: er „plauschte" den Leuten was vor. Er hatte gut gerechnet. Der Kreis seiner Zuhörer erweiterte sich immer mehr, er wurde gern gehört. In einem solchen Zirkel trat er einmal an einen mir einer Marmorplatte versehenen Tisch, steifte darauf den Daumen seiner rechten Hand mit der Bemerkung: „Mit diesem meiner Finger will ich in die Marmortafel ein Loch bohren." Staunen erfaßte die Anwesenden und mit wahrer Andacht harrten sie auf das Ende diesem