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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-12-02 · Heft 49 (2.12.1892) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 49 (2.12.1892)
Date
1892-12-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Rcdacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Uabvrner II*- Eu-wig Philippson-Äonn Vertags-Trpe-ition: 13 erlin, Jerufalemerffr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3ttl)Cllt. Leitartikel: ..Ter übertriebene Nationalismus".— Leopold Stein, »on P. — Wiener Briese. XXII. Von T. — Ilelp Yourseif. Von Tr. Jan. liegt er. — Zacharias Frankels Berufung nach Berlin. Von Emil Lehmann. -Feuilleton: Die Tochter des Philosophen. Erzählung von Max Ring. lForti.) - Neue Mittheilungen über Heinrich Heine. Von G. K. — Der Verwaltungsbeicht und das Verzeichnis der Verliner Gemeindemitglieder. In kunstlosen Reimen ekrachtet von einem — Dichter? - Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Breslau. Hannover. Altona. Frankfurt a. Nt., Wien. Budapest. Holleschau. London, karis, Marokko. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. — Briefkasten. „Ber übertriebene Nationalismus." Berlin, 30. November. So lautete ja wohl das Schlagwort, das Herr Professor Förster it der letzten Sitzung der „Ethischen Gesellschaft" als eine große Gefahr bezeichnet und vor der er namentlich seine jüdischen Zuhörer gewarnt hat. Er sagte da nach den übereinstimmenden Zeitungserichten: „Der größte Fehler, den die Juden mitten in unserer lation jetzt begehen könnten, und eine sehr große Gefahr für das mische Volk sei die Fortführung oder gar Verstärkung des engeren stisammenschlnsses der Juden unter einander." Dagegen haben wir nun Verschiedenes zu sagen. Schon in ner Sitzung protestirte Herr Professor Löw dagegen, daß die Juden on dem Vortragenden als eine besondere Nation bezeichnet wurden, »c deutschen Juden haben sich stets als Deutsche gefühlt. Diesem notest und diesem Bekenntniß schließen wir uns aus vollem Herzen Was aber „die Fortführung oder gar Verstärkung des engeren Zusammenschlusses der Juden unter einander" betrifft, so hat auch Förster wieder, wie so Viele schon von ihm, Nationalität ud Religion verwechselt. Wir Juden gehören der deutschen 'ation an; wir denken nicht im Traume mehr an eine besondere Nationalität und an einen engern politischen Zusammenschluß. Dagegen haben wir als Religionsgesellschaft allerdings die ilige Pflicht, die Gemeinschaft mit Allen, die denselben Glauben >f dem weiten Erdenrund bekennen, fortzuführen und zu verstärken, iese Pflicht werden wir nie verletzen, von dieser Aufgabe wird uns "chts abbringen! Wir thun da nur dasselbe, was unsere protestanti- »m Brüder in dieser Beziehung thun, aber lange noch nicht »'selbe, was unsere katholischen Brüder leisten. Unsere „Alliance" ‘ nichts Anderes, als der „Gustav-Adolf-Verein", unser Zusammen- »ig mit den französischen, englischen, amerikanische» Juden hat gar ' ine nationalen, sondern ausschließlich religiöse Motive. Wenn wir, wo nden als Juden leiden, ihnen helfen und rathen, so thun wir dasselbe, >as die deutschen Protestanten thun, um „die Noth ihrer Glaubensgenossen zu heben, welche sich nicht selber helfen können und deshalb u Gefahr sind, der evangelischen Kirche verloren zu gehen". Einen andern Zusammenhang giebt cs nicht, — und wer von einem solchen spricht, der sagt die Unwahrheit oder er spricht ohne Kenntnis; der thatsächlichen Verhältnisse. Daß wir uns zurückziehen, wo wir geschmäht werden, daß wir verletzt sind, wenn man gegen uns hetzt, daß wir dem Worte des Propheten folgen: „Geh mein Israel in deine Zelte, bis der große Sturm vorüber!" das kann uns doch wahrhaftig kein edel oder auch nur rechtlich denkender Mensch verargen. Um so weniger, wenn wir trotz aller Verdächtigungen und Schmähungen und Angriffe doch unsere nationale Pflicht als Deutsche, unsere allgemeinen Pflichten als Kulturmenschen im vollen Umfange wie bisher und ohne jedes Säumen erfüllt haben und weiter erfüllen werden. Ja, dieser Pflichtenkreis war uns schon heilig und theucr, lange bevor man irgendwo an eine „ethische Kultur" und an Gesellschaften zur Beförderung derselbe» gebadit hat. Wenn sich die Juden diesen ethischen Gesellschaften in Deutschland aus dem Grunde nicht anschließen, weil deren Kampf vor Allem der christlichen Orthodoxie gilt, so kann man dies doch wahrhaftig nicht „übertriebenen Nalionalisinns" nennen. Wir halten das vielmehr für einen Ausfluß richtigen Taktgefühls. Im Uebrigen gilt ja der ethische Kampf nicht.nur der Orthodoxie, sondern auch der Bibel, wie der Vortrag des Herrn v. Gizycki über den Krieg sehr klar bewiesen hat. Und daß kein Jude, sei er orthodox oder reformirt, an einem Kampf gegen die Bibel sich betheiligen wird, so er überhaupt nur auf den Namen „Jude" noch Anspruch erhebt, das wird man uns doch nicht etwa wieder als „übertriebenen Nationalismus" auslegen wollen! Die Bibel ist und bleibt für uns das Buch der Bücher. Sie ist das heilige Fundament des Judenthunis. Wer die Bibel angreift, der greift das Judenthum an, wer sie schmäht, der schmäht eben unser heiligstes Besitzthum. Gerade aber, weil Herr Prof. Förster ein so ausgezeichneter und vorurtheilsfreier Kämpfer für Menschenrecht und Humanität ist, haben wir geglaubt, diesen unser» Standpunkt seinen Anschauungen gegenüber so scharf wie möglich präzisiren zu müssen. Auf der Seite, wo Herr Prof. Förster kämpft, herrscht eigentlich nur ein Borurtheil gegen das Judenthum: dieses trage sich mit Nationalitätsgedanken! Auch Herr v. Egidy hat kürzlich diese Ansicht unumwunden ausgesprochen. Solchen Borurtheilen müssen wir aber mit um so größerer Entschiedenheit entgegen treten, als die Männer, die sie hegen und freimüthig bekennen, unseren offenen und loyalen Erklärungen gegenüber auch dieses Borurtheil sicher gern aufgebcn werden. Erst dann aber werden wir ihnen die Hand zu gemeinsamer Arbeit reichen können. O

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