Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1892)
- Date
- 1892-12-02
- Page
- Seite 579 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Diese Sorte von „Plauschern" hat zu oft in gegenwärtiger Zeit ihre Wirkungssphäre in die Gemeindestuben verlegt. Was weiß diese nicht Alles über Alles zu „plauschen"? Die Mitglieder der Gemeinde sind voll Erstaunen über das, was sie darüber hören — für die möglichst weite Publizität all' dessen, was am grünen Tisch verhandelt wird, wird ja gesorgt — preisen und loben die Weisheit der Väter -hrer Gemeinde, wissen Wunder zu erzählen von dem, was an Gutem and Schönem der Vorstand ins Leben zu rufen beschlossen hat; der Wahn ist aber bekanntlich kurz, man wird ungeduldig und möchte anstatt all der vielen schönen Worte einfache schlichte Thaten, ein Aufschub geht nicht mehr, da platzt er heraus: man will, aber es zeht nicht. Für die „Plauscher" ist wohl der Effekt erreicht; man spricht aon ihnen, wenn auch nur eine Zeitlang, aber das Gemeindewesen rleidet dadurch den empfindlichsten Schaden. Wie die Zuhörer des ,Jaule Plausch", sind die Mitglieder der Gemeinde nur zu Narren gehalten und der mittlerweile in Anspruch genommene Aufwand an Zeit, Mühe und Geld unwiederbringlich verloren. Der für de» 6. September geplant gewesene Kongreß der hauptstädtischen Gemeinden von Oesterreich-Ungarn, Deutschland, Frankreich und England durch Delegirte ist, wie Ihnen bekannt ist, nicht zu stände gekommen. Pest und Paris haben abgelehnt, Berlin hat öie Antwort sich Vorbehalten, bis die dortigen maßgebenden Männer oon ihren Sommeraufeuthaltsorten zurückgekehrt sein werden, und tondon soll angeblich es für nicht nöthig erachtet haben, auf die Einladung zu reflektiren. Interessant ist dabei das Detail, daß der Chef des Pariser Welthauses sich veranlaßt fand, den Chef des nesigeu dazu zu bestimmen, dahin zu wirken, daß der Kongreß-Geoanke auch hier fallen gelassen werde. Ob die nun aufgetauchte Zdec, die größeren Kultusgemeinden des Inlandes zur Beschickung iner Konferenz in Wien von glücklicherem Erfolge sein wird, ist erst .bzuwarten. Zur Unzeit scheint die Einberufung einer solchen Konerenz im gegenwärtigen Momente in jedem Falle zu sein; es liegt arm gewissermaßen eine Konzession an den Antisemitismus. Als b wir erst durch diesen zur Regenerirung unseres ethischen und reliiösen Lebens uns bestimmt fänden. Ist es auch richtig, daß der öcgner uns sagt, was wir sollen, so trifft dies in gegebenem Falle anz und gar nicht zu, da der Antisemitismus an sich schon die cößte Jmmoralität, die absonderlichste Religionslosigkeit ist. Wie von hiesigen Blättern gemeldet wird, hat die Regierung as vom Kultusvorstand zur Genehmigung vorgelegte Statut abgelehnt nd den Auftrag ertheilt, daß ein solches neuerdings berathen und >r Genehmigung vorgelegt werde. Gleichzeitig ernannte die Regierung ier Vertrauensmänner, welche bei der Ausarbeitung des Statuts ntzuwirken haben. Es sind dies die Herren Emanuel Baumarten, Advokat Dr. Alfred Berger, der Prokurist des muses Rothschild Moritz Dub, Polizeirath Bernhard rrankl. In der Gemeinde ruft dieser Umstand nicht geringes Aufsehen hervor. Bekanntlich nahm die Ausarbeitung dieses nun wrückgewiesenen Statuts nicht weniger als nahezu ein halbes hundert Sitzungen in Anspruch. Die Ablehnung soll aus formellen und meritorischen Gründen geschehen sein. Der formelle Grund soll darin gelegen haben, daß der Vorstand zur Zeit der Ueberreichung des Statuts zur staatlichen Genehmigung die Kompetenz hierzu in Folge der Neugestaltung der Gemeinde durch die Einbeziehung der Vororte und der mangelhaften Vertretung der hinzukommenden früHern selbstständigen Kultusgemeinden nicht besessen hat. Der meritorische Grund scheint jedoch der ausschlaggebende gewesen zu sein, weil sonst nicht die neuerliche Ausarbeitung des Statuts angeordnet und die Ernennung von vier Vertrauensmännern für nöthig erachtet worden wäre. Das Jnslebentreten der Bildungsanstalt für Religionslehrer und Rabbiner erfolgt nicht so rasch, als angenommen wurde. Auch hierin bewährt sich die bekannte Sentenz von dem Bessern, das oft ein Freund des Guten ist. Anstatt es vorderhand dabei bewenden zu lassen, dieses Institut unter Beobachtung der diesfalls bestehenden gesetzlichen Bestimmungen, wie es ursprünglich intendirt war, zu aktiviren und erst nach einiger Zeit seines Bestandes nach Recht und Billigkeit um eine Staatssubveution einzuschreiteu, entschloß man sich, schon jetzt diesbezüglich bittlich zu werden; Finanzminister haben aber in der Regel nur offene Hände, wenn cs sich ums Nehmen, aber geschlossene, wenn es sich ums Geben handelt. Es wird daher die Effektuirung der Anstalt schon aus diesem Grunde eine geraume Zeit auf sich warten lassen. Es läßt sich auch nicht leugnen, daß in dieser Sache, wie dies bei uns im öffentlichen Leben jetzt gang und gäbe ist, viel zu viel hin und her gesprochen wird, und viel Rederei verwirrt eher, als sie Klarheit schafft: vor lauter Reden kömmt man zum richtigen Gedanken nicht. Eines ist zweifellos: die oberste Studienbehörde kömmt diesem Unternehmen mit aller Sympathie entgegen und darüber müssen wir uns freuen. Mittlerweile legen auch die Orthodoxen der „Schiffschule" ihre Hände nicht in den Schooß. Ohne viel Reden und Gethue kauften sie ein Bauareal von größerem Umfange, um ein Gebäude für die Zwecke ihres „Beth-hamidrasch" aufzuführen. Sie sind schon rüstig bei der Arbeit. Näher betrachtet, kann man sich darüber nur freuen. Mag man über diese und ähnliche Institutionen wie immer denken; das Judenthum und seine Wissenschaft braucht diese nnabweislich als Hinterland. Die Seminare und Lehranstalten zur Heranbildung von Rabbinern von heute sind vermöge ihrer Organisation und der in ihnen herrschenden Lehrmethode nicht darnach angethan. um bedeutende Kenner der talinudischen und halachischen Littcratur aus ihrer Mitte hervorgehen zu lassen. Es kann daher nur als ein Gutes angesehen werden, wenn für die Pflege des gesammten Schriftthums entsprechende Stätten kreirt werde». So paradox es klingen mag, so wird es doch schwer zu bestreiten sein, daß die aus den neueren jüdisch-theologischen Lehranstalten hervorgehenden Rabbiner die Stabilität im Judenthum mehr favorisiren als diejenigen, welche ihre rabbinischen Studien in alter Weise absolvirt und daneben auch moderne Bildung sich augeeignet haben. Von diesem Gesichtspunkte aus ist es nur zu begrüßen, wenn dem talinudischen und halachischen Studium ein weiterer Spielraum ermöglicht wird, als ihn ein Rabbiner-Seminar bietet, abgesehen davon, daß die Thorapflege überhaupt als erstes und höchstes Ziel jüdischen Strebens gilt. Mit Genugthuung konstatire ich, daß Dr. Jellinek wieder sein Predigeramt kultivirt und an Kraft der Rede noch immer Bedeutendes leistet. Wenn er sich gegenwärtig auch nur auf die Abhaltung von Exhorten beschränkt, so umfaßt deren Volumen so viel Geist und' Gedankeninhalt, daß sie auf die Zuhörer den wohlthuendsten Eindruck machen. Je größer aber dieser Effekt ist, desto dringender ist die Aufforderung an den Vorstand, dafür Sorge zu tragen, daß die Kanzel Mannheimers und Jellineks stets und immer von ihnen wenn auch nicht gleich, doch nahe kommenden Autoritäten an Beredtsamkeit eingenommen werde. Nur hierdurch ist die Möglichkeit geboten, den Jndifferentismus durch Mithilfe der Kanzel zu bekämpfen.