Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 37 (26.9.1890)
- Date
- 1890-09-26
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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',4. Lchrgang. Nr. 37. Berlin. 26. Septcnüier 1890 Weikcrge zur „AAgemeinen Zeitung des IuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten Deutschland. X Berlin, 22. September. Alls der gestrigen S i tz u n g des Aepräsentantentollegin ms sind die folgenden Beschlüsse hervormheben: Als vierter Rabbiner der Gemeinde ist Herr Dr. Stier ans -teinamanger gemäß dem Beschlüsse des Vorstandes gewühlt. Der Amtsantritt des neuen Rabbiners wird nach Erwerbung der Naturalisation des Gewählten erfolgen. Das Gehalt des neuen Rabbiners l-urde dem des Herrn Dr. Rosenzweig gleichgesetzt, welch' Letzterer statt; es bisherigen Titels „Nabbillatsassessor" fortall den eines Rabbiners 'ähren wird; das Gehalt der Rabbiner Dr. Ilngerleider linb Dr. INay- -aum wurde entsprechend erhöht. Von ganz besonderer Bedeutung I war die Einsetzung einer gemischten Kommission behufs Vorberathnng! iier Revision des Ge me indesta tut s. Der betreffende Antrag! 4t von dem Vorsitzenden des Kollegiums, Herrn Justizrath Mako wer,! estellt worden. Die Aendernngen sollen sich den Bedürfnisseil anpassen, > welche sich infolge des Anwachsens der jüdischen Bevölkerung in Berlin | während der letzteil 30 Jahre geltend gemacht habeil ltnb hall Pt sachlich! ' e treffen: 1. Maßregeln zur besjereil Ueberwachung aller Spezial- I crwaltullgen und BewältiglUlg der nngelvachseilen Geschäfte. 2. Elende- 1 llllgen solcher Bestimmnllgen, welche sich als linallsführbar oder oecklos erwiesen haben. 3. Aellderullgen iu der Form der Wahlen. — JiMr tomlliell auf diese wichligell Vorschläge demllächst ausführlicher arnck. * Berlin, 20. September. Wir erhalten von hochachtbarer Seite ie folgellde ElltgegllUllg. In 9tr. 21 des vorliegenden Jahrganges neser Zeitnllg theilt Herr Rabbiner Dr. Rippner mit, daß mein wrewigter Vater, Dr. Michael Sachs, „oft bekannt habe, daß er tel voll dem Bertiller Hofjchanspieler Seydelmann gelerilt habe". Er 'ägt hinzu, es sei „durch sichere Zengell sestgestellt, daß dieser große Redner seille Rede wohl vorbereitet uild bis nilfs Wort memorirt habe", /ach würde gegell diese uiib ähnliche Mittheilungen anderer Blätter kein a>ort der Erwiderllng sagen; beim All eil, die meinem seligen Vater im 'eben nahe gestanden haben, liluß die Grundlosigkeit derselben eillteuchteil. i 1 nb wer ihn nicht gekannt hat, der kann aus authentischen Quellen,! en Lebensbeschreibungen der Herren Tr. Nosin, Professor Dr. Grätz j ild Professor Dr. Kaufmann, erfahren, daß mein verewigter Vater viel j l hoch vom Berufe des Predigers dachte, um bei Schauspielern in die 1 schule zu gehen, und daß er eine viel zu ursprüngliche Natur war, j mit feine Reden auswendig zu Iernen, wie ein Schulkunde. Ausdrücklich . ezeugell and) No sin und Kaufmann, daß er tu den letzten Jahren feiner j lmtsthätigkeit Predigtell überhaupt llicht niedergeschrieben habe. Jll inein Blatte der „Israel. Wochenschrift" (April d. I. S. 109, wird! mt aber eine, der Rippnerschen entsprechende Angabe durch Berufung > ms „Sachs' nächste Familiengenossen" zu bestätigen versucht. Damit i : im nicht Schweigell als Zustimmung angesehen werde, erkläre ich 1 agleich im Na mell aller heute lebenden „lläch stell Fa milienenoffen" meines verewigten Vaters Folgendes: Nie haben nur; nseren Vater sagen hören, daß er Seydelmaltn oder sollst eilten Schau-! 'vieler sich zum Muster genommeil oder von ihm für seine Predigtell , egend etwas gelernt habe. Wäre diese Ntittheilnng wahr, hätte er gar j ii dieser Schülerschaft sich „oft bekanilt", wie Dr. Rippner erzählt, so j litte das Einem von uns Wannt sein müssen. Diese Mittheilung ■ ntspricht also der Wahrheit llicht! Predigtell hat mein Vater in den rsten Jahren feiner Amtsthütigkeit niedergeschrieben, aber in eiligen 'Entwürfen, die nie ganz so gehalten wurden, wie sie Vorlagen, und die baher auch nicht bis aufs Wort memorirt wordell finb. In den letzten; 10—20 Jahren seiner Wirksamkeit hat er seine Reden überhaupt nicht nfgezeichnet; für diese Zeit ist die Richtigkeit der Angabe, er habe sie ' w sorgfältig memorirt, daß sie „stets vorher allen seinen Familieni genossen bekannt waren", gänzlich ausgeschlossen. Wohl aber hat mein 1 Rater das Thema seiner Rede aln Nüsttage des Sabbnths oder der; Feiertage sorgfältig überdacht, und diese Thatsache mag mißverstallden zu dem grundlosen Gerede Anlaß gegeben haben, das auch Herrn Dr. Ripplter irre geführt hat. Berlin, den 12. September 1890. Leonhard S a ch s. X Berlin. 21. September. Heute Nachmittag wurde eines der angesehensten Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herr- Her rm ann I. Me y e r, welcher ant 19. d. M. einem lültgeren gnal vollen Leiden unterlag, ans dem alten Friedhöfe in der Schönhauser Allee bestattet. Der Verstorbene, welcher als Bruder des ersten Vorsitzenden der Gemeinde, des Herrn Jnstizrath Meyer, weder innerhalb des Vorstalldes noch der Repräsentantenversammlnllg dem Gemeindewohle dienen durfte, hat nichtsdestoweiliger so verdienstvoll für die jüdischen Interessen gewirkt, daß der Gemeindevorstano ihnt folgenden ehrenden 9tachruf widmet: „Durch das Hillscheiden des Herrn Herrmann I. Meyer beklagt die jüdische Geliteillde beit Verlust eines ihrer besten lind angesehensten Männer. Während einer langen Reihe von Jahren und selbst ltoch in der Zeit seines schweren körperlichen Leidells widmete er seine schätzenswerthe Kraft ben Interessen unserer Gemeinde nach ben verschiedenstell Richtungen. Mit ganz besonderer Hingebung aber förderte er unsere Wvhlthätigkeits- Jnstitntiollen, zu deren Verwaltung er durch das Vertrauen der (§emeinde-Organe immer von Neuem berufen wurde. Seilt edles Schaffen unb Wirken sichert ihm ein dankbares und ehrendes Andenken." Der Verstorbene war jahrelanger Vorsteher der Vereine Marine renn, Uaspaclmt ewjonim, sowie des Vorschnßvereins der jüdischen Gemeillde. Herr Rabbiner Dr. Nt ay bäum, welcher die ergreifende Leichenrede hielt, pries an ihm besonders die „alte Berliner Tugend" des stillen Wohlthnns. Möge dem wahrhaft frommen Mann die Erde leicht sein! * Berlin, 21. Sept. Von einem B r a n d u n g l ü ck s n rch tb a r st e r Art ist eine achtbare Familie der hiesigen jüdischen Gemeinde betroffen lvvrden. In der Nacht zum 19. September brach ans bisher noch unaufgeklärte Weife in der Wohnung des Rentiers I. Fuchs, Friedrichstraße 134, Feuer aus, und vier Menschenleben sind dem verheerendell Element zum Opfer gefallen. Zwei blühende Kinder im Alter von 14 und 10 Jahren, sowie die zwei Dienstmädchen der Familie haben in ihren Zimmern dem Rauch und den Flammen unterliegen müssen, ehe ihnen von außen Hilfe gebracht werdell kollnte. Tie Zeitungen geben ausführliche Berichte des Brandes mit genauer Erwähnung aller Einzelheiten. Gestern Nachmittag hat die Bestattnlig der beiden Töchter, Margarethe und Irma Fnchs, ans dem netten Friedhof eer jüdischen Gemeinde in Weißensee stattgefultden. Die Theilnahme für die tiefgebeugte Familie trat dabei in wahrhaft überwältigender Weise zu Tage. Scholl nach der Wohnullg wareil so viel Kränze gesalldt ivorden, daß ein Kremser erforderlich war, um sie ltach dem Begrübnißplah zu überführen. Der Andrang von Theilnehmendelt und Neugierigen war ein ganz gewaltiger. Die Pferdebahn, die hinaus ltach Weißensee führt, wurde geradezu bestürmt. Ali jeder Haltestelle harrten dichte Mellschenmassell der Beförderung. Die Zahl der Eguipagen unb Droschken war so gewaltig, daß schließlich die ganze Lothringerstraße in Weißensee mit den harrenden Wagen sich füllte. Die Meisten aber wareil zu Fuße hinausgeeilt all die Stätte des Friedens und umstanden in dicht gedrängten Massen Leichen- und Bethalle. Bor der Leicheilhalle. in der die beiden Särge mit prachtvollem Kranzschmuck aufgebahrt waren, nahnt der Hnmanitätsverein der jüdischen Gewerbtreibenden, ..bewultow", Aufstellung, mit den Tranerzng auf dem Gange nach dem Betsaal zu eröffnen. Dann folgten, auf hoher Bahre getragen die beiden Särge, ganz verhüllt von den Blumen, mit denen sie bedeckt waren. Hinter den Särgen wurde von Schauspieler Kadelburg und einem Verwandten des Hauses der unglückliche Vater der beiden Killder geführt, eilt Bild des Jammers, ein völlig gebrochener Mattn, der wahrhaft herzzerreißend wehklagte und bei jedem Schritt zusammenzusinkell drohte. Dann folgten die Brüder der Heimgegangenen und die übrigen Verwandten. Die Mutter mußte der erschütterndell Feier fern bleiben; sie liegt leider schwer erkrankt