Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 37 (26.9.1890)
- Date
- 1890-09-26
- Page
- Seite 488 (sequence 12)
- Language
- German
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-i()or ]u dem naliiiiidjcit Hanptcincgang Deutschlands, in unserem unbestreitbaren Besitz?" (n* machte hier eine längere Panse, als wollte er sich an der Niederlage seines ungläubigen Widersachers weiden, während ich die gute Gelegenheit zu einer Entgegnung dadurch verpaßte, daß ich der Ueberraschung Raum gab. als ich in diesem Moment auf der an feinen Reisesack geknüpften Karte zufällig seinen vollen Ramm entdeckte: ^eremiah Sampson Esq. — Klang das nicht etwa ominös? „So weit ist die Prophezeiung in Erfüllung gegangen," Hub er wieder an. „Doch passen Sie auf. was ich Ihnen mm sagen werde (er erhob sich zu seiner vollen Länge und sprach salbungsvoll): Keine 'Macht der Welt wird uns den Besitz je entreißen und mögen auch Russen und Türken sich um Konstantinopel streiten, mögen auch alle Mächte der Welt gegen uns, unsere winzige Armee nnb unseren „einzigen General" in Waffen stehen, werden wir doch auch vom Bosporus, dem Thor zu den Landern am Schwarzen Meere und schließlich, um das Wert zu krönen, auch von Palästina Besitz er-! greisen; denn so steht es geschrieben, und Jehovah ist mit uns!"; Es schien mir an der Zeit, meinen letzten Drmnpf auszuspieleu,! und ich warf demgemäß ein: „Heißt es nicht in Zephania, daß die! Israeliten „von jenseits der Flüsse des Kusch" nach Palästina zurück-! berufen werden sollen - also crakt der gegenwärtigen Heimstätte der : 'Afghanen?"! „Mit Nichten!" erwiederte Jeremiah, indem er sich rasch von j einer momentanen Berblüfsung erholte. „Der Punkt kommt aller-! diugs in den „Identifikationen" nicht vor und bedarf noch einer! gründlichen Interpretation. Ilebrigens läßt sich schon jetzt einwenden, daß ja auch unser indisches Reich „jenseits der Flüsse des Kusch" liegt. Sie müssen zudem gesehen haben, daß wir zur Sicherung dieses Reiches mts langsam, aber sicher eine Schnitte um die andere von afghanischem Boden aneignen — ein Prozeß, der durch einen weiteren! russischen Aggressionsversuch jedenfalls sehr beschleunigt würde." Wir waren zu diesem Zeitpunkt in der zur Einnahme des j Diners bestimmten Station angekommen, und Jeremiah, der ja doch j auch ein Sterblicher war und nicht allein von Worten und Whiskey! leben konnte, brach das Gespräch mit der Bemerkung ab: „Sie sind! ein ungläubiger Thomas, ich mag aber noch nicht an Ihnen ver-! zweifeln." In Allahabad trennten nur uns; unsere Wege gingen so! uu'it auseinander, daß es uns gar nicht einfiel, „auf Wiedersehen:"! zu sagen.! Dieser Fuge schleiwerte ich in London gedankenvoll vom Hyde- Part nach dem Pieeadilly-Zirkus; ich hatte das mir selbst gestellte! Problem noch nicht gelöst: ob es drei Stunden nach Tisch bei 60 Grad Fahrenheit reichlich sei, um einen kühlen Trunk in die unterirdische! Lagerbierhalle am besagten Zirkus zu tauchen, statt überirdisch am! Schreibtisch zu schmachten, als mir Jemand in die Quere kaut.! „Halloh!" rief ich höchlich überrascht, beim ich sah meinet: alten Freund! Jeremiah Sampson Esq. vor mir. „Wie kommen Sie hieher — auf ' Urlaub?" - „Ja, reise aber schon wieder zurück," sagte er, „doch ich habe noch eit: Ständlein übrig, das wir anderswo verplaudern j können.." Damit nahm er mich am Arm und schob tnich in die nahe! St. James Hall. Roch ehe ich tttich dessen versehen, war mein Problem! mit dem beliebten schottischen Trinkspruch ..Mild langsyne“ in i Whiskey und Sodawasser aufgelöst. Wir hatten schon eine Weile geplaudert, als mir seine Prophezeiung einsiel. „Wie denken Sie nun! über Helgoland?" fragte ich mit einiger Spannung, denn die Ab-! tretuug der Insel war Tags vorher vollzogen worden. „Wehe über Israel!" antwortete er ernst. „Tie Lehren der! Siutfluth. des Unterganges von Sodom und Gomorha, der Sklaverei j in Aegypten, der vierzigjährigen Wanderung in der Wüste, der baby Ionischen Gefangenschaft und der Zerstörung Jerusalems sind an ihm verloren gegangen. Es hört nicht die Stimme der Propheten, widersetzt sich dem Willen Gottes, liefert das von der Vorsehung ihm anvertraute unveräußerliche Gut atls und tanzt lustig um das goldem Kalb. Die Strafe wird nicht ausbleiben, und ich hoffe nur, daß ich ihr volles Ausmaß nicht mehr erleben werde. Ich fürchte jetzt für unseren anderweitigen Besitz, für unsere Oberhoheit zur See und für unseren Handel. Ich bin von der Leichtfertigkeit, mit der man Helgoland unseren immer dreister werdenden Konkurrenten aus händigte, so disgustirt, daß ich mir gar nicht wünsche, dies alle Jnselreich nochmals zu sehen." Das waren Jeremiah's letzte Wort', über Helgoland. Ich sah die Pflicht klar vor mir, ihn zu trösten, und sagte daher begiitigend: „Wie verderbt auch Ihre Landsleute sein mögen, lassen Sie uns dem Genius Ihres Volkes danken, daß es heutzutage rnü der Redefreiheit nicht so schlimm bestellt ist, wie unter deren Bor fahren zur Zeit des alten Propheten Jeremiah, der nach den glaub würdigen Angaben des Flavins Josephns für ähnliche Musterungen wie die, die Sie soeben thaten, von seinen Landsleuten in eine Grube bis an den Hals versenkt wurde, in der er wohl umgekommen wäre, wenn ihn nicht der Mohr des Königs Zedekiah mit Hilfe von Tauen herausgezogen hätte. Wie schrecklich es lväre, wenn Sie in dies, hilflose Lage kämen und ich die Rolle des Mohren übernehmen müßte!" Mein Vergleich ztoischeu sonst und jetzt hatte zwar keine durch schlagende Wirkung, doch kann ich den Lesern, welche die Geduld hatten, mir bis hieher zu folgen, die Beruhigung geben, bin; Jeremiah Samson Esq., als er sich in selbiger Stunde die Weltlag durch ein zweites Glas besah, dieselbe nicht mehr so ganz hoffnungs los zu finden schien. G. S. U MisoeNen. * Iüdiseh es Blut in e u ropä i seh eu F ü r st e n h ä use rn dürfe in der Gegenwart häufiger zu finden sein, als mau allgemein vermnthet. Der Gothaer Hvftälender belehrt uns nach dieser Riebtung in viele.' Punkten. So ist Prinz Ludwig von Bayern, der Bruder bei Kaiserin von Oesterreich, morganatisch mit einer Jüdin, Henriette Mendel, Tochter eines Münchener Juweliers verheirathet, die jetzt der Titel „Baronin von Wallersee" führt. Die einzige Tochter der Prinzessin Al a t h i l d e B o n a p ar t e heirathele ihren Zeichenlehrer, Herrn Ster liug, den Sohn errmer jüdischer Eltern; welcher später ben Rainen nu■ Rang eines Grafen Wnlewski erhielt. Prinz Heinrich XIV-. vor. R eu ß -Greiz heirathete Marianne Meyer aus Berlin, später bekäme als Baronin Eybenberg. Kürzlich erst hat sich der regierende Fü r v von M on ae o mit Alice Heine, einer Verwandten des Dichters, ver heirathet. Ein anderes Mitglied dieser Familie, Marie Embden-Heim wurde die Gattin des Prinzen: Al i eh e t E i to - F i l o m a ri n o Vvi Rocca d'Aspide. Prinz Radziwill heirathete 1870 eine Jüdin Namens Luise Blaue. Der verstorbene Fürst Alfons von Poligna war der Gatte von Ieanne Mires, und sein Sohn, Prinz Eamill von Polignae war in erster Ehe mit Katharina Langenberger, dere; Mutter eine Erlanger war, vermählt. Fürst Emil von Sayn Wittgenstein-Sayn heirathete 1868 morgatlatisch Pauline Lilien thal, welcher der Titel eitler Baronin votl Kleydorff verliehen wnrd- Ihre Schwester Amalie wurde 1867 die Gattin des Fürsten Louii voll Sayn-Berleburg. Das sind nur die Namen ans den erste, drei Theilen des Hofknlenders. Nachher, wo es sich um den kleinere' Adel handelt, werdet: die jüdischen: Ratneu noch zahlreicher. O Gra Pfeil, Gras Pfeil! Truck und Becbia von Rudolf Messe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauebwii; in Berlin.