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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-29 · Heft 33 (29.8.1890) · p. Seite 433

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 33 (29.8.1890)
Date
1890-08-29
Page
Seite 433 (sequence 5)
Language
German
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Besonders bemcrkenswerth ist wegen ihres Urhebers und ieiner Darstellungsweise die Skizze, die Salomon Maimon in seiner Lebensgeschichte" entwirft. Ein kleines Kulturbild in engem Rahmen, ,üt Blick auf die geistige Atmosphäre des Judenquartiers zu Posen t's, was er anläßlich dieser Lebensbeschreibung in dem Kapitel bietet, »oelches von seinem Aufenthalt zu Posen im Jahre 1777 und 1778 berichtet. Salomon Maimon, ein polnischer Jude, in irgend einem abgelegenen Winkel Lithauens geboren, hat dadurch ein allgemeines mtcresse erlangt, daß er unter den Schülern und Fortsetzern Kants -er Zeit und der Bedeutung nach in vorderster Reihe steht, und »ein Name daher in der Geschichte der deutschen Philosophie genannt werden muß. Ein philosophischer Kopf, von mehr trennendem und Zergliederndem als systematisch aufbauendem Charakter, ein Mann um haarspaltendem Scharfsinn, von außerordentlicher Kraft des l'iedächtnisses und von einer geradezu wunderbaren Schnelligkeit der lnffassung, hat er bis zu seinem zwanzigsten Jahre sich ausschließlich mit Talmud, mit dem philosophischen und mvstischen Schriftthum des Judenthums beschäftigt und es zu hoher Meisterschaft gebracht, r och das Alles konnte seinen Geist nicht befriedigen. Nach dem 'weltverlorenen Winkel seines Wohnortes war die Kunde gedrungen, :n in Deutschland die Quellen der Erkenntniß fließen, daß namentlich t Berlin die Weisheit heimisch geworden und schon die Luft, die in .inen Straßen wehe, weise mache. Von einem glühenden Wissensdurst getrieben, aber nur mit sehr geringen Baarmitteln versehen, und wohl auch von den entsetzlichen Verhältnissen seiner Heimath iigewidert, machte er sich ohne weitläufige Bedenkqp auf, um nach Berlin, dem Mekka der Gelehrsamkeit, zu pilgern und dort das verichleierte Bild der Weisheit sich enthüllen zu sehen. Er reiste zunächst nach Königsberg, und da hier seines Bleibens wicht war, nahm er aus ökonomischen Rücksichten von dort zur See » inen Weg nach Stettin. Aber wider alles Erwarten grollte Poseidon cm unbesonnenen Wicht fast ebenso sehr, wie einstmals dem udysseus homerischen Angedenkens; widrige Winde hielten ihn auf, » ine geringen Geldmittel schwanden vollends dahin, so daß er von Stettin aus zu Fuß sich nach der preußischen Hauptstadt durchschleppen wnißte. Als polnischer Betteljude kam er vor dem Rosenthaler Thore »u und bedurfte als solcher zum Eintritt in die Stadt einer Ermbniß vom Vorstand der jüdischen Gemeinde. Doch der Vorstand, er für das Seelenheil der ihm anvertrauten Heerde schwere Sorge »ug, hatte zufälligerweise davon gehört, daß Maimon sich mit der philosophischen Schrift des Maimonides „More nebochim“ (Wegweiser für Rathlose) allzuviel beschäftige, und versagte ihm daraufhin erbarmungslos den Eintritt in Berlin. Mit Schreck und Schmerz »wußte er, am Ziele seiner Sehnsucht angelangt, wieder umkehren. Er »wurde schließlich nach Posen verschlagen, und von hier aus gelang es »hin endlich, nach zweijährigem Aufenthalt, seinen Wunsch zu erreichen und Berlin zu betreten. Was hat sich nun dort als der Weisheit verschleiertes Bild vor ihm enthüllt? Was hat seinem unsteten Geist Ruhe und Halt verliehen? Sein Leben muß wohl als ein verfehltes bezeichnet werden. Mit dem Judenthum war er zerfallen; er hat den Rabbinismus pietätlos befehdet und verhöhnt; seinen Uebertritt zum Christenthum 9 wollte ein ehrenwerther protestantischer Geistlicher nicht vollziehen, weil er betreffs der Glaubenssätze Vorbehalte und Bedingungen gestellt hatte. Was seinem Leben denn doch Inhalt gab, was seinem irrlichtenden Geist nach planlosem Hin- und Hergreifen schließlich Ziel und Richtung bestimmte, das war die Kant'sche Philosophie. Wir können uns heute kaum noch eine Vorstellung davon machen, welche außerordentliche grundstürzende Wirkung die Kant'schen Gedanken, namentlich die „Kritik der reinen Vernunft", in Deutschland hervorgebracht haben. Man glaubte sich damals im sicheren Besitz eines zuverlässigen metaphysischen Systems, und nun fiel das Gebäude mit einem Mal von allen Seiten zusammen. Es trat eine solche Begriffsverwirrung ein, daß die philosophische Fakultät einer deutschen Universität sich nicht getraute, die Frage, ob das Impfen, das damals aufgekommen war, mit der Moral sich vertrage, schlechtweg zu beantworten, und dieselbe Kant zur Entscheidung vorlegte. Die Philosophie glich dem Schiff in der Sage, das in die Nähe eines Magnetberges gerathen. Nägel, Klammern, alles Eisen flog davon auf den Berg zu, und das stolze Schiff zerfiel in Bretter und Planken. Die philosophischen Flößer indeß, die der Spekulation das empirische Material heranführten, blieben freilich bei solchem Schiffbruch verschont und schlossen sich dem neuen Kurs der Philosophie wohlgemuth an. Zu diesen Letzteren gehörte ein Mann, der auch i sonst in der deutschen Litteratur, namentlich wegen seiner überaus abfälligen Beurtheilung der Schiller'schen Dramen, nicht unbekannt ist, Karl Philipp Moritz, Professor an der Akademie der bildenden und mechanischen Künste in Berlin. Ein Schützling Goethes, hatte er sich schon früher mit psychologischen Studien beschäftigt und mochte nun glauben, durch Sammlung empirischer Thatsachen auf dem Gebiete des Seelenlebens, die er in einem „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde" veröffentlichte, zur Rekonstruktion der Metaphysik beitragen zu können. In solcher Tendenz forderte er Maimon auf, mit! dem er sich geistes- und charakterverwandt fühlte, seine Lebensschicksale zu beschreiben und dabei nach dem Beispiel Rousseaus in seinen „Confessions“ seine innere Seelenstimmung zu berücksichtigen. Maimon kam dieser Aufforderung nach, übergab Moritz das Manuskript, und dieser veröffentlichte es, mit einem kürzen empfehlenden Vorwort ver- » sehen, unter dem Titel: „Salomon Maimons Lebensgeschichte". Das Buch hat Aufsehen in Deutschland erregt; Schiller und Goethe haben es gelesen, auf den Letzteren hat es besondern Eindruck gemacht, und er dachte eine Zeitlang daran, sich des Verfassers anzunehmen. Das letzte (22.) Kapitel im ersten Band dieses Buches behandelt Maimons Aufenthalt in Posen.! Als unser Held vor den Thoren Berlins abgewiesen wurde, blieb! dem Hilflosen nichts Anderes übrig, als sich einem jüdischen Landstreicher anzuschließen. Mit diesem führte er ein halbes Jahr hindurch ein zielloses Wanderleben voll bitterer Roth und schwerer Seelenpein, bis sie sich endlich entschlossen, nach Polen zurückzukehren. Es war Herbst geworden, die hohen Festtage standen vor der Thür, als sie in Posen anlangten. Die Kunst des Bettelns hatte Maimon,! so redliche Mühe sein Geführte auch darauf gewandt, weder gelernt j noch begriffen. Körperlich verwahrlost und seelisch heruntergekommen, j nahm er sich vor, in Posen der trostlosen Bettelfahrt um jeden Preis! ein Ende zu machen. Er kannte den damaligen Oberrabbiner Raphael! Kohen, und dessen Sekretär war sein Landsmann und näherer Freund, so daß er wohl hoffen durfte, bei ihnen Hilfe zu finden. Barfuß, halbnackt, mit zerschlissenen Fetzen nothdürftig bedeckt, machte er sich auf, um nach den Beiden zu fragen. Da ward ihm zu seiner schmerzlichen Enttäuschung die Kunde, daß der Oberrabbiner inzwischen einem Ruf nach Hamburg gefolgt sei und auch den Sekretär mit sich dahin geführt habe; einige Hoffnung schimmerte wieder in ihm auf, als

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