Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 33 (29.8.1890)
- Date
- 1890-08-29
- Page
- Seite 432 (sequence 4)
- Language
- German
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432 l ganz klar und faßlich; nun stehen aber noch zwei seltsame Worte dabei: veluti Judaei — „Wie die Juden werden wir euch noch dahin bringen, selbst unter die Dichter zu gehen." Merkwürdig! Hat man je in aller Welt gehört, daß es den Juden eingefallen wäre, einen Menschen, der kein Dichter ist, mit Gewalt zum Dichter machen zu wollen? Doch gewiß nicht! Wenn Horaz dergleichen von den Römern sagte, so wäre der Scherz schon eher zu rechtfertigen. Denn an verschiedenen Stellen spottet er ja sehr nachdrücklich und humoristisch über die Thorheit so vieler seiner Landsleute, die, ohne im Mindesten Beruf zur Dichtkunst zu haben, doch durchaus als Dichter gelten wollen, weil sie glauben, das könne jeder ohne Weiteres sein. Zum Beweise mag eine Anzahl dieser Stellen in Uebersetzung hier Platz finden. Epst. 2. 1. 108-110: Jetzt lebt leichthin das Volk. Sein Sinn ist ein andrer. Zn dichten Glüht es allein vor Begier. Und ganz wie die Jungen auch ernste Alte: im Haar ihren Kranz vortragen beim Mahl sie ihr Liedchen. Ebenda 114-117: Wer kein Schiffsmann, scheut sich, zu steuern ein Schiff; für die Fallsucht Traut sich nur, wer es versteht, Arznei zu reichen; nur Aerzte Ueben die ärztliche Kunst; Handwerker betreiben ihr Handwerk; Aber ob Dichter, ob nicht: Dichtwerke verfassen wir Alle. Ferner ^rs kost. 379—384: Wer nicht im Ringen geübt, der hält sich zurück von dem Kampfspiel; Wurfscheib', Kreisel und Ball läßt, wer kein Geschick hat, in Ruhe, Daß nicht das rings zuschauende Volk mit Fug ihn verlache. Verse zu machen jedoch, das getraut man sich, ohn' es zu können. Ei warum nicht? Was wär' man auch frei? Und von adliger Abkunft! Reich noch dazu, um ein Ritter zu sein! Ein Mann ohne Tadel! Und endlich ebenda: 416—418: Nicht ist's genug, daß man sagt: Ich mache Gedichte zum Staunen! Kratze sich, wer's nicht kann! Ich schämte mich, hinten zu bleiben! — Ja, fügt der Dichter spöttisch hinzu: Ja, und es einzugesteh'n, daß ich nicht kann, was ich gelernt nie. Wie gesagt also: wären anstatt der Juden die Römer in jener Stelle genannt, so würde sich ein sachlich zutreffender und höchst humoristischer Sinn ergeben. Aber wie wäre es möglich, daß die Abschreiber die Worte Judaei und Romani mit einander hätten verwechseln können! Das scheint doch ganz undenkbar! Gewiß ist es undenkbar. Aber hat denn Horaz die Römer durchaus nur mit dem Ausdruck Romani bezeichnen können? Hielten sich die Römer, auf Grund alter Bolkssagen, nicht für Abkömmlinge der Trojaner? Und konnte der Dichter ihnen als solchen nicht spottweise den Namen Idaei geben? Es wird in dieser Bezeichnung um so weniger etwas Unerhörtes gefunden werden dürfen, als sie auch bei späteren Dichtern in der nämlichen Bedeutung vorkommt. Jedenfalls kann der Scherz für die Gebildeten — und für diese schrieb Horaz ja ausschließlich — nichts weniger als unverständlich gewesen sein. Die Schreiber freilich, wie ihre sinnlose Aenderung zeigt, mochten sich die Idaei nicht zu deuten wissen und schoben daher ein u in das Wort ein, weil die Judaei ihnen wohl bekannter waren als die Idaei. Daß das letztere Wort aber allein die richtige Lesart ist, wird in Anbetracht der oben angeführten zahlreichen Stellen, in denen Horaz sich über die Dichtwuth seiner Landsleute lustig macht, nicht wohl bezweifelt werden können und erhält noch weitere Bestätigung durch die Worte: „Wir Dichter bilden ja weitaus die Mehrzahl", »am multo plures sumus — denn dieser Scherz kann ja offenbar und einzig und allein nur auf die Römer gemünzt sein, die sich fast alle für geborene Dichter hielten. Ho die tricesima sabbata! — Hodie tricosum, homo: sabbata! In dieser, der dritten Stelle, ist die Fälschung womöglich noch handgreiflicher. Die Worte finden sich in der neunten Plauderei des ersten Buches. Der Dichter ist einem Manne begegnet, der von unerträglicher Schwatzhaftigkeit ist und sich ihm wie eine Klette an hängt. Nach mehrfachen vergeblichen Versuchen, den Kerl los zu werden, trifft er auf seinen Freund Aristius Fuscus imb giebt ihm sofort durch Zeichen aller Art, durch Mienen und Blicke zu verstehen, er möge ihn doch von dem lästigen Begleiter befreien. Der schalthafte Freund aber, der den Schwätzer recht gut kennt, stellt sich, als begreife er gar nicht, was der Dichter von ihm wolle. Dieser steh! wie auf glühenden Kohlen. Da kommt ihm ein letzter Einfall. Richtig, ruft er, Du sagtest ja neulich, Du hättest unter vier Augen etwas mit mir zu besprechen; was war's doch gleich? — O ich weis schon, versetzt der Schelm von Freund, doch zu gelegenerer Zeit! Heut ist der dreißigste Sabbath (hodie tricesima sabbata!) und Du wirst die Juden doch nicht vor den Kopf stoßen wollen? (Der lateinische Ausdruck ist von der niedrigsten Komik und läßt sich hier nicht andeuten.) — Pah, ruft Horaz in komischer Verzweiflung, ick kümmere mich um gar keine Religion! — Aber ich! versetzt der Freund; ich bin darin etwas befangener, nur so ein Durchschnittskerl! Mit Verlaub! Auf ein ander Mal! — Und dainit ist er verschwunden. Eridlich koinmt des Wegs ein Prozeßgegner des Schwätzers lind erlöi: den Dichter von dem Menschen. Doch das gehört nicht weiter hierher. Hier fragt es sich nur, was es mit dem „dreißigsten Sabbath für eine Bewandtniß haben soll. Klar ist von vornherein, das Aristius Fuscus den Einwand nur scherzweise vorbringt, um Wenigstenden Schein einer Ausrede dafür zu haben, daß er den Dichter zappeln läßt. Aber ob auch nur scherzweise gemeint, das kann doch dir Sinnlosigkeit des Einwands nicht rechtfertigen. Die Juden, mein; er offenbar, haben heute ein Fest, und er will daher, mit Rücksich» auf den jüdischen Brauch, an diesem Tage nichts geschäftliches er ledigen. Schön! Wenn auch nur zuin Scherz gesagt, so liegt dock Sinn darin. Solche Feste aber haben die Juden jede Woche einenämlich den Sabbath, und es liegt daher kein Sinn mehr vor, wenn der Römer sagt, die Juden feiern heute den dreißigsten Sabbath. Denn an jedein andern Sabbath würde ja das Hinderniß, wenn eedenn einmal eines sein soll für ihn, ganz in der nämlichen Weis: vorhanden sein, wie am dreißigsten Sabbath. Zudem aber ist diese: Ausdruck zuverlässig schon darum unrichtig, weil die Juden ihre Sabbathe ja überhaupt nicht zählen und niemals gezählt haben. E-> ist also auf alle Fälle gewiß, daß die Lesart tricesima sabbata eine Fälschung enthält, und die Frage kann nur sein, woher dieselbe entstanden sein möge. Nun bedeutet das Wort tricosus „mit Schwierigkeiten verknüpf: heikel", denn tricari heißt u. a. „Schwierigkeiten verursachen". Und stellt man also dieses Wort, tricosum, in den Vers ein und berücksichtig: zugleich, daß für die Silben iina in tricesima ein Zwischenwort dag: standen haben muß, welches mit tricosum zusammen als triceshmi verstanden werden konnte, so ergiebt sich als ursprüngliche Lesart mit hoher Wahrscheinlichkeit folgende Fassung des Verses: Hodie tricosum. liomo: sabbata! Vin tu cet. „Heut hat es sein Aber! 's ii> Sabbath, Mensch du! Willst du den Festtag der Juden entheiligen?' Den Juden kann es ja gleichgiltig sein, ob die Philologen sick bemüßigt sehen werden, die erwähnten Stellen in der hier an gedeuteten Fassung zu berichtigen oder nicht; es genügt, von Neuen: die Aufmerksamkeit darauf gelenkt zu haben. Denn daß diese Stellen in der Form der Ueberlieserung sinnlos sind, wird jeder Fachmann nach unbefangener Prüfung einräumen müssen. 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