Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-08-29 · Heft 33 (29.8.1890) · p. Seite 434

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 33 (29.8.1890)
Date
1890-08-29
Page
Seite 434 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3227825-3227859--47307-3268821
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

434 er weiter hörte, daß der Letztere seinen zwölfjährigen Sohn bei dem stellvertretenden Oberrabbiner 311 Posen zurückgelassen habe. Scheu uud schüchtern wandte er sich an den Knaben, und es half; der Knabe erkannte, ganz erschrocken über solch elenden Zustand, .den Freund seines Vaters, und er wußte den Rabbiner für seinen Bekannten zu interessiren. Hirsch Janow, der Roscli jeschibali ') von Posen, der, nicht alter als 2(> Jahre, „ein vortrefflicher Mann, ein scharfsinniger Talmudist uud von einein sehr sanften Charakter war", ließ den Fremden vor sich kommen, unterhielt sich mit ihm über rabbinische Themata uud war erstaunt über die talmudische Belesenheit und den dialektischen Scharfsinn, welcher unter dieser unbeschreiblichen Hülle zum Vorschein kam. Sofort gab er ihm alles Geld, das er bei sich hatte, und entsandte einen seiner Jünger zu einer angesehenen wohlhabenden Familie mit der Bitte, den armen, fremden Gelehrten bei sich aufzunehmen. Es ist gewiß bezeichnend für den Einfluß des Rabbiners, wie für den herrschenden Wohlthätigkeitssinn, daß nicht blos der Bitte willfahrt wurde, sondern daß die Frau des Hauses einen solchen Gast trotz seines unsagbaren Auszuges uud verwahrlosten Aeußeren mit der grössten Zuvorkonnnenheit empfing. Es wurde ihn! ein hübsches, geräumiges Zimmer mit einem schwellenden Bett zur Verfügung gestellt, von dem Maimon gar nicht glauben wollte, daß es für ihn bestinnnt sei. Erst die freundlichen Worte der Hausfrau, welche es auch an Speise und Trank nicht fehlen ließ, lösten seine Verschüchterung. Als er am andern Morgen den Rabbiner besuchte und dieser ihn fragte, wie er mit seinem Quartier zufrieden sei, rief er voll Extase: „Ich habe in einein Bett geschlafen!" Ter Rabbiner ließ ihn darauf von Kopf bis Fuß auf seine Kosten neu kleiden und mit allem Röthigen versehen. „Run möchte der Leser vielleicht glauben", — so bezeugt der sonst gar nicht sentimentale, vielmehr kaustische Maimon, — „daß dieser Oberrabbiner ein reicher Mann gewesen sei, bei dem die Kosten, die er auf mich wandte, wirklich eine Kleinigkeit gewesen waren; aber ich kann versichern, daß es sich damit ganz anders verhielt. Ter Oberrabbiner hatte nur ein mäßiges Gehalt, und da er sich blos mit dem Studium abgab, so hatte seine Frau die Verwaltung seiner Geschäfte und seiner Haushaltung zu besorgen. Er mußte also dergleichen Handlungen ohne Wissen seiner Frau ausüben und vorgeben, daß ihm andere Leute Geld dazu gegeben!. Uebrigens führte' er für sich ein sehr mäßiges Leben, fastete täglich, außer am Sabbath, und aß die ganze Woche über kein Fleisch. Tennmgeachtet aber mußte er doch, um seine Neigung zum Wohlthun zu befriedigen, Schulden machen. Die strenge Lebensart, das viele Studiren und Rachtlvachen schwächten seine Kräfte so sehr, daß er, nachdem er zmn Oberrabbiner in Fürth ausgenommen worden, wohin ihm eine große Anzahl Schüler folgte, ohngefähr in dem sechsunddreißigsten Jahre seines Alters starb. Nie kann ich ohne die tiefste Rührung an diesen göttlichen Mann denken." Auch bei seinen! Hauswirth und dessen Sohn, welche Beide zu den Talniudgelehrten der (Gemeinde zahlten, fand Maimon wegen seiner rabbinischen Gelehrsamkeit großes Wohlgefallen; er wurde wie ein Verwandter gehalten und ihm freigestellt, in ihrem Hause so lange zu bleiben, als ihn! beliebe. Tie Kenntnis; des Talmud ward Das Posener Rabbinats-Kolleginm bestand damals, wie aus den Gemeindebnchern hervorgeht, ans dem Ab belli <lin, der früher Oberrabbiner von ganz Grvßpoteu war, aus bem Rosch jeschibali, dem ersten stellvertretenden Rabbiner, und aus den! Dai-schau. dem zweiten stellvertretenden Rabbiner, der jedoch der eigentliche Prediger war; außerdem fnngirten noch mehrere Kollegien von Rajjaiiiin. Hirsch Janow, oder wie er auch hieß, Hirsch Charis, war wahrscheinlich nur Rose!« jeschibali. nicht aber Ah heih <li 11. | von jeher in Posen eifrig gepflegt und überaus hochgehalten. Es! gab hier ein Betli hamidrasch (Lehrhaus), in welchem „der Vortrag j der Thora dem Munde niemals ausging". Bei Tag und bei Nacht wurde ununterbrochen die Stimme der Talmudjünger im Lehrhaus I gehört; um dies zu ermöglichen, hatten sich sämmtliche talmudisch gebildete Gemeindemitglieder, Kaufleute und Handwerker, zu verschiedenen Gruppen vereinigt, welche nach einander im Lehrhaus alll zwei Stunden antraten und sich gegenseitig ablösten. Für diese Kreise war die Ankunft eines neuen, scharfsinnigen Talmudisten ein Ereigniß, zumal man vernahm, welch hohe Anerkennung der Rab - biner dem neuen Ankömmling entgegenbrachte. Die hervorragenden Gelehrten des Ghetto beeilten sich daher, Maimon aufzusuchen, sie; disputirten mit ihn!, und da er in der That eine umfassende Be lesenheit im Talmud und eine ungewöhnliche Schlagfertigkeit ent; wickelte, so gelangte er zu großer Gunst und Achtung. Die Theill i nähme und Anerkennung verminderte sich selbst dann nicht, ah 1 die verfängliche Thatsache bekannt wurde, die ihn! schon die Thon Berlins verschlossen hatte, daß er sich viel und eingehend mit Maimonides philosophischen! Buch „Moreh nebochim“ beschäftige. (5* scheint damals ein frischer Luftzug durch das Posener Judenquartier I geweht zu haben. Die Kommission der guten Ordnung, welche um i jene Zeit überall in Polen die aus den Fugen gegangenen staat-! lichen und wirthschaftlichen Verhältnisse wieder einzurenken suchte. . hatte 1774 auch in Posen ihr Werk gethan. Der Rath und dir ' Bürgerschaft, welche Jahrhunderte lang unaufhörlich die sonderbarsten Händel und weitläufigsten Prozesse gegen die jüdische Gemeinde anhängig geinacht hatten, kamen nun doch zu der Einsicht, daß es für : die städtische Obrigkeit eine fruchtbarere Thatigkeit gebe, als die Juden j durch kostspielige, Kraft und Zeit raubende Rechtshändel zu ■ schikaniren, und daß selbst der Stadtschreiber nützlicher zu verwenden! sei als zur Abfassung weitschweifiger Verse und gräßlicher! Hexameter in den! denkbar abgeschmacktesten Latein, um nur I den Juden die rohesten und schmählichsten Lästerungen anj zuheften. Vornehmlich war die ganz unglaubliche Schulden- und j Steuerlast, welche in Kurzen! die Gemeinde unaufhaltsam ruinin! hätte, von der Kommission in soweit herabgesetzt worden, daß dir; Posener Judenschaft überhaupt wieder aufathmen konnte. Dazu tarn I daß zwischen der Berliner und Posener Gemeinde nachweislich ein | ziemlich lebhafter Geschäftsverkehr bestand, und daß daher die in Berlin | sich regende neue Geistesströmung einzelne erfrischende Wellen auch; nach Kroßpolen Hinuntertreiben mußte. In den jungen Leuten des Posener Ghetto stieg der Wunsch auf, die Philosophie des Maimonid^ j kennen zu lernen, und sobald sie erfahren, daß der zugewanderu! Fremde auch hierin guten Bescheid wisse, trat eine Anzahl von ihnen! zusammen, um Maimon dafür zu bezahlen, daß er sie in die Gei Heimnisse jenes Philosophen einführe und ihnen sein schwer verstäub' liches Hauptwerk, den „Moreh nebochim“, erläutere. | Moses Maimonides, eine der größten talmudischen Autoritäten.! war zugleich der einflußreichste Philosoph des jüdischen Mittelaltern! der ebenso sehr auf die arabische Theosophie, wie auf die christliche! Scholastik nachhaltig eingewirkt hat. Selbst der deutsche Philosoph Leibnitz hat ihn! mancherlei entlehnt'); seine Theodieee erinnert lebhaft an Maiinonidische Gedanken, und seine Monadenlehre klingt! deutlich an die Partie des Moreli an, in welcher der jüdische Philosoph das System der Mutakallimun darstellt. Die Schrift des Maimonides . ist zwar von einen! tief religiösen Geist getragen, sie bemüht sich ') Leibnitz hat den Moreli in der lateinischen Uebersetzung von; Buxtorf gelesen und hat sein Handexemplar mit interessanten Rand'! glossen versehen. aber , der il namei Gerick dieses Gesim Beson käbbal innne! More] Autor glüubi Beden ihren Maim 9 seines einzig« Mi S behan' durch e höchste Müdck oerlob Besuck inerkse 2chwi ovglil mit 1! Run 1 gebem jagum Oas! scharfe;n ge deinem Oabbl dem $ und j uomin 'MMN, gelehr den s allen mit i In de Begeb Karpf ich dc doch s ') als w kein T nicht i graber Ueberl blicken derart auf di

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.