Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 27 (18.7.1890)
- Date
- 1890-07-18
- Page
- Seite 368 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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368 verachtungsvoll herabblickt, so war der Unwissende — der jvixn Di* — der jüdische Plebejer, von den Juden verachtet, und so ist es bis heute geblieben, nur das; man jetzt die Kenntniß der Lehre — wenigstens in den civilisirten Ländern — den Theologen und Fachmännern überläßt und die allgemeinere Bildung erstrebt. Dieses Streben der Eltern für ihre Kinder eben ist cs, welches zum Schrecken der zum Schein um das Heil der christlichen Schüler Besorgten die höheren Bildungsanstalten mit jüdischen Schülern füllt, und jeder besser Gesinnte wird sicherlich die Zeit fern wünschen, wo dieser höhere Zug den Inden abhanden kommt und sie auf blos schnöden Erwerb gerichtet sein werden. Ich für meine Person kann es Shakespeare nie verzeihen, das; er einen Shylock geschaffen hat, wie ich dies bereits vor einigen Jahren in diesen Blättern das Nähere ausgcführt habe. Leider bilden sich gar Biele ihre Vorstellung vom Juden nach diesem nichts weniger als treuen Typus eines solchen, und ich beklage, namentlich in jetziger Zeit mit ihre uns so zuwidcrlaufeudcn Strömung, wo selbst der einst so viel gesuchte jüdische Arzt für eine Assistentenstelle nicht für erwünscht gehalten wird — v Schmach über solche Gehässigkeit! —, jede neue Aufführung des „Kaufniann von Venedig". Hütte Shakespeare Spinoza gekannt, wie ganz anders hätte er daun vielleicht die Inden gezeichnet! Doch um von dieser abermaligen Abschweifung auf mein Thema wieder zurückzukommen. Hatte ich auch wohl die Absicht, ein theologisches Studium in Berlin zu verfolgen — Rabbinerseminare gab es damals noch nirgends —, so konnte doch keine Rede davon sein, mich mit jenen Männern aus der alten Schule zu befreunden, denen selbst ein Rappaport, Zunz und Luzzatto — jene Schöpfer der neueren jüdischen Wissenschaft, der historisch-kritischen Schule — ein Dorn im Auge waren, ja, deren Leistungen sic wohl kaum zu würdigen verstanden, wenn sie dieselben überhaupt kannten. Nun leuchtete zwar der größte der genannten drei Sterne am Berliner Firmament selbst, ich meine natürlich Zunz, doch führte er zu jener Zeit schon das abgeschlossene Leben eines Stubengelehrten, der sich lediglich seinen tiefgehenden Forschungen hingab, sonst aber wenig zugänglich war. Zu seinen Füßen saß wohl mcthaphorisch die ganze jüdische gelehrte Welt und gewiß auch mancher christliche Theologe, der nicht umhin konnte, in seinem Hauptwerke: „Die gottesdienstlichen Vorträge der Inden", von dem ein Exemplar aufzutrciben schon damals schwer war, ei» bahnbrechendes Werk zu erblicken und anzucrkcnnc»; außer seiner Thütigkeit als Leiter des Lehrerseminars (bis 1852) jedoch stand er in keinem Verkehr mit der studirenden Jugend. Es leuchtete aber noch ein anderer Stern erster Größe — eine wahre Sonne — am jüdischen Berliner Horizont, die Licht und Wärme Jung und Alt spendete und nach allen Richtungen hin verbreitete: es war der erst kürzlich in diesen Spalten mit Recht gefeierte und in treffenden Zügen geschilderte Tr. Michael Sachs, der Prediger der jüdischen Gemeinde. An ihn, den gottbegnadeten Kanzelredner und gründlichen Gelehrten, wenngleich er als solcher einem Zunz nicht ebenbürtig war, wandten sich die der jüdischen Theologie Beflissenen um Belehrung, und er war uneigennützig und aufopferuugsfähig genug, ihnen seine kostbare Zeit zu widmen und ohne allen Entgelt Unterricht im Talmud, spezieller der Agaddata, zu ertheilen. Die jetzigen Rabbiner Dr. Cohn in Potsdam, Feilchenfeld, Joel, Rosin, Franklin u. A., die damals meine Kommilitonen waren, werden sich gewiß mit mir jener Stunden erinnern, wo wir das Glück hatten, aus dem Munde des gefeierten Mannes so manchen Weisheitskern mit nach Hause zu tragen, so manchen tiefen Einblick in Legende und Sage sowie in die Etymologie zu thun, seine, des Lehrers, Leutseligkeit und Liebenswürdigkeit zu bewundern und an einem Anblick uns zu erfreuen. Ja, Dr. Sachs war eine imposante Erscheinung und ein wahrhaft schöner Mann. In ihm entsprach das Aeußere dem Innern vollkommen. Von zwar nur mittelgroßer Gestalt, glich sein Kopf dem eines Löwen oder richtiger eines Adlers. Macht und Ernst waren in seinen Gesichtszügen ausgeprägt, und aus seinen dunklen Augen leuchtete das innere Feuer, wohlthuend jedoch, nicht verzehrend. Und wie quoll der Rede Fluß bei der Unterhaltung mit ihm, wie flogen da die Pfeile des Witzes und manchmal auch der Satire aus seinem scheinbar unerschöpflichen Köcher! So schart aber der Geist war. so weich war auch das Herz. Für das Leid, das man ihm klagte, empfand er aufrichtiges Mitleid und drückte es nicht blos in billigen Worten, sondern durch Rath und That aus. Die Worte versagen mir aber, wenn ich daran gehe, ihn als Kanzelredner zu schildern. Ich hatte vorher auf einer Durchreise in i früheren Jahren Mannheimer in Wien und Salomon und Kley in! Hamburg gehört. Hinreißend, wie namentlich die Predigt des Elftere» i war, so überragte doch Sachs' Beredtsamkeit sie alle drei an mächtiger! Wirkung. Wie gebannt stand die Kopf an Kopf geschaarte Menge j in der Heidereitergasse-Synagoge, den Worten des Redners lauschend I und an seinen Lippen hängend. Da war kein Laut zu vernehme».! als der Strom seiner Rede ihm entquoll, bald ruhig und klar dahinfließend, bald, von der Gluth seiner Begeisterung in Wallung gcrathend, stürmisch dahinbrausend und Alles mit sich fortreißend. Ja. wie ein gottbegeisterter Prophet stand er da, mit seiner würdevolle» Gestalt wie zu lichteru Höhen cmporstrebend und alles Irdische und Gemeine unter sich zurücklasscnd; aber auch alle seine Zuhörer mit sich emporziehend zum Throne Dessen, des; Wort er verkündete, wie nur Wenige je es vermochten oder je es vermögen werden. Dal»» war sein Organ ebenso vollwie wohltönend und einschmeichelnd. Süß wie Honig waren die Worte, die von seinen Lippen flösse», ebenso wie es von der Lehre heißt, die er predigte: •DUIX DBT31 Wlö pine Und wie schön und gefällig waren seine Handbewegungen dabei: Alles war künstlerisch vollendet an ihm. Jetzt kennt man das Geheimniß dieser Kunst; hat es ja Dr. Rippner erst kürzlich in diesen Spalte» denen verrathen, welchen cs früher noch nicht bekanntwar. Damals aber hatte Niemand eine Ahnung davon, ebenso wenig wie davon, daß diese Predigten gut vorbereitet und memorirt waren; man hätte vielmehr geschworen, sie wären aus dem Stegreif gehalten, von der Begeisterung des Moments eingegeben, so schön und vortrefflich verstand er das Geheimniß aller echten Kunst — das celare artein. Nur dann und wann, wenn die Begeisterung ihn wohl selbst über wältigt haben mochte, griff er nach seinem Sammetkäppchen und lüftete das Haupt ein wenig; es war dies ein Zeichen der innere» Erregung, welches die Zuhörer nur zu immer noch größerer und gespannterer Aufmerksamkeit weckte, und nie wird der gewaltige Eindruck des einst von ihm in einem solchen Momente gehörten Ausrufes des Ainos: ->1NL2N “[,1 „Schlage den Knauf, daß die Pfosten erzittern" u. s. w. meinem Gedächtniß entschwinden. Hiermit mögen für diesmal meine „Erinnerungen" abgeschlossc» sein. Sollten sie den Beifall des Lesers sich erworben und dessen Interesse so weit angeregt haben, das; er nach einer Fortsetzung verlangt, so würde ich, mit Erlaubuiß der geehrten Redaktion, gern cr- - bötig sein, später eine solche zu liefern, welche indessen nicht spezifisch Jüdisches, sondern auch Allgemeines enthalten würde. Leipzig, im Juni. Druck und Vertag von Rudols Moste in Berlin, i Verantwortlich für die Redaktimi: Max Bauchwitz in Berlin.