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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-07-18 · Heft 27 (18.7.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 27 (18.7.1890)
Date
1890-07-18
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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54. Lahrgang. Mr. 27. Berlin. 18. Lnli 1890 WerLcrge zur „Allgemeinen Zeitung öes Zuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. * Berlin, 14. Juli. In Johannisbad ist am 9. d. M. während 'Ines Kuraufenthaltes der Prediger der Berliner Reformgemeinde, Ir. Immanuel Heinrich Ritter, nach kurzem, aber schwerem leiden gestorben. Sein Ableben hat in zahlreichen Kreisen, besonders 'einer hiesigen Gemeinde. Trauer imb Bestürzung hervorgerufen, umsomehr, eis man iiod) bis vor wenigen Wochen den beliebten Kanzelredner in oller Kraft seines Amtes wirken sah. Auch diese Blätter haben erst Angst noch eine Probe seiner litterarischen Thätigkeit gegeben, lieber iehieit Lebensgang können wir Folgendes mitthellen: Immanuel Heinrich Ritter, geboren den 13. März 1825 zu Ratibor als zweiter lohn des daselbst allgemein beliebten Lehrers P. Ritter, sollte in Folge Arperlicher Schwächlichkeit das Gymnasium erst später besuchen. Als öer der ältere Bruder, der jetzige Sanitätsrath Dr. Ritter, Quintaner /.'worden war, ließ ihm sein Wissenstrieb keine Ruhe, und er bewog Leu Bruder, ohne Wissen der Eltern, mit ihm zum Direktor des Ratirorer Gymnasiums behufs seiner Aufnahme zu gehen. Er drang auch -um Leiter der Schule vor, welcher, überrascht von den Fähigkeiten des nrebsamen Knaben, ihm sofort eine Freistelle am Gymnasium versprach, welche er auch zum Erstaunen der Eltern, die bis dahin keine Ahnung oon dem kühnen Unternehmen ihres Sohnes hatten, erhielt. Rach schneller Absolvirung des Gymnasiums (er machte mit 17 Jahren das Abitnrienten-Examen, trotzdem er erst mit 10 Jahren ausgenommen war) lieb er noch ein Jahr in Ratibor, um talmudische Studien unter Leitung es damaligen Rabbiner Löwy zu treiben. Nach Vollendung seiner philosophischen und philologischen Studien in Breslau, wo er ein flotter und allgemein beliebter Student war, ging er. nachdem er sein Oberlehrergramen trotz der Schwierigkeiten, die man ihm als Juden bereitete, gemacht hatte, nach Ratibor zurück, und es gelang ihm, an demselben Gymnasium, dessen Zögling er einst gewesen, als Lehrer angestellt zu werden. Aber die eingetretene Reaktion machte ihm die Laufbahn als Gymnasiallehrer unmöglich, und so ging er im Jahre 1851 nach Berlin, woselbst die neu entstandene jüdische Reformgemeinde sein Interesse für eine fortgeschrittene und frei entwickelte jüdische Theologie, welches schon irüh von seinem Vater iu ihm erweckt worden war, gewonnen hatte, ler Zufall hatte es gefügt, daß ein Jahr vorher durch den Rücktritt A. Bernsteins die Stelle eines Lehrers an der Religionsschule der Reformzemeinde frei geworden war, und Holdheim erkannte in Ritter die geeignete Persönlichkeit für die Besetzung des so lange verwaisten Postens. Io wurde Ritter erst der Gehilfe, dann der Vertreter und endlich der Nachfolger Holdheims. Als solcher hat er sich in fast vier Jahrzehnte '-rührender Thätigkeit trefflich bewährt. Seine Bedeutung als Kanzelredner ist durch die Veröffentlichung zahlreicher Predigten weit über den engen Kreis seiner Gemeinde hinausgedrungen. Unter seinen wissenschaftlichen Arbeiten nimmt seine „Geschichte der jüdischen Reformation" die erste Stelle ein. Der Schluß dieses Werkes hat sich im Nachlaß gefunden :md wird demnächst im Druck erscheinen. Von sonstigen Schriften jüdischen Inhalts seien „Die jüdische Freischnle in Berlin", sowie feine trefflichen Aampfbroschüren während der antisemitischeil Bewegung hervorgehoben. Aber auch außerhalb dieses engeren Gebietes hat Ritter sich als Gelehrter Auen bedeutenden Namen erworben, so besonders durch Uebersetzungen ans dem Englischen. Seine Uebertragungen von Locke und von Buckle's Geschichte der Civilisation verdienen ilm so höhere Anerkennung, wenn man bedenkt, daß Ritter die eliglische Sprache erst in späten Jahren durch Selbstuntericht erlernte. Was dem Verstorbenen eine so allgemeine Beliebtheit verschaffte, das war in erster Linie das offene, heitere und tolerante Wesen, welches er bis zil seiner letzten Lebensstunde bewahrte Und diese Beliebtheit erklärt die überaus zahlreiche Betheiligung bei der Bestattungsseierlichkeit am jüngsten Sonntag. Das schwarz drapirte Gotteshaus der Reformgemeinde in der Johannisstraße vermochte die Aahl .der Theilnehmenden kaum zu fassen. In den ersten Reihen bemerkten wir den Wirklichen Geheimrath Ministerialdirektor Dr. Schneider, den Geheimen Regierungsrath Dr. Spinola, Professor Lessing, ferner die Vertreter der jüdischen Gemeinde, Justizrath Meyer und Direktor- Hermann, zahlreiche Repräsentanten, die Vertreter des deutsch-israelitischen Gemeindebundes und der Alliance israelite, ferner eine Deputation des Akademischen Vereins für jüdische Geschichte und Litteratnr, dessen Ehrenmitglied der Verstorbelle war. Nach einleitendem Gesänge des Chors nahm der Prediger der Reformgemeinde, Dr. M. Levin, das Wort, um dem entschlafenen Amtsgenossen ergreifende Worte des Abschieds nachzurufen. Vom Herzen kommend ilnd zu Herzen dringend war die Rede und übte in ihrer Wärme und Natürlichkeit einen tiefen Eindruck auf alle Hörer ans. Nach abermaligem Chorgesang wurde der blumenbedeckte Sarg emporgehoben und hinausgetragen, in endloser Reihe folgten die Leidtragenden und der Zug setzte sich in Bewegung nach dem Friedhof in Weißensee, woselbst der Entschlafene in der Ehrenreihe der Rabbiner beigesetzt wurde. Auch wir rufen dem verstorbenen Mitarbeiter bewegten Herzens ein Lebewohl zu. Wenn auch in so vielen Dingen seine Meinung von der unsrigen weit abwich, so sind wir doch voll Anerkennung für die Verdienste, die der edle Kämpfer für Geistesfreiheit sich erworben hat. Ueberall, wo es galt, zu Zeigen, wie Judenthum und moderne Wissenschaft Hand in Hand gehen, stand Ritter in den ersten Reihen, begeisterten Herzens und überzeugenden Wortes predigte er Liebe und Duldung. Möge ihm die Erde leicht sein! ££ Berlin, 13. Juli. Das Bestreben, Unglücklichen zu helfen, geistige und körperliche Gebrechen zu heben, ist in heutiger Zeit Gegenstand allgemeiner Beachtung geworden. Dafür legen zahlreiche Schöpfungen für humanitäre Zwecke beredtes Zeugniß ab. Während früher in. der guten alten Zeit Stumme, Blinde und andere mit körperlichen und geistigen Gebrechen Behaftete bettelnd sich in den Straßen der Städte und Dörfer nmhertreiben mußten, werden gegenwärtig diesen Bedauernswerthen schöne luftige und geräumige Wohnrüume angewiesen. Schon das Aeußere dieser Gebäude zeigt uns den erleuchteten Geist unseres Jahrhunderts! Wiederum stehen wir vor der Eröffnung einer derartigen Anstalt. In W e i ß e n s e e (Parkstr. 18) wird in wenigen Wochen ein Gebäude fertig sein, das zur Aufnahme von israelitischen taubstummen Kindern aus Deutschland bestimmt ist. Wer einen erfreuenden Anblick haben will, der unterziehe sich der Mühe, die neuerbaute Anstalt zil besichtigen. Die mit der Ausführung des Baues Betrauten, Herren Maurermeister Joseph Fränkel und Architekt Johann Höniger, haben ihre reichen Erfahrungen hier recht wohl angewendet und den zeitgemäßen hygienischen Allforderungen vollkommen Rechnung getragen. Das gelungene Aeußere des Baues wirkt, trotz der Einfachheit, wohlthuend und läßt auch die innere Verwendung der einzelnen Räume erkennen. Die Hauptfront mit ihrem stattlichen Erdgeschoß ltub den beiden hohen Stockwerken hat ein recht vornehmes Aenßeres nnb deutet den Zweck dieses Gebäudes an. Treten wir in dasselbe ein, so empfangen uns in allen Stockwerkeil helle, stolze Korridore, welche in gerader Linie in der ganzen Länge der Front sich hinziehend, in die sämmtlichen Räumlichkeiten münden. Im Souterrain befindet sich die Wohnung des Hauswarts, der anderen Bediensteten, die Anstaltsknche, das Badezimmer und die Vorrathskeller. Im Erdgeschoß liegen der Frontlänge nach vier aneinanderstoßende Schulzimmer, diesen gegenüber die Speisesüle für Knaben imb Mädchen, das Konferenz- und das Wartezimmer. Das erste Stockwerk enthält die Wohnung des Dirigenten, den Schlafsaal der Mädchen, daneben ein Zimmer für die Erzieherin. Jin zweiten Stockwerke ist der große Prüfungs- und Betsaal, der Schlafsaal der Knaben, daneben das Zimmer für den Erzieher; ganz getrennt von diesen Räumen liegen zwei Krankenzimmer, zwischen beiden der Raum für die Wärterin. Hinter dem Gebäude als Verlängerung des großen Hofraumes liegt ein schöner mit hohen, alten Laubbäumen bewachsener, etwa 150 □ Ruthen großer Park. Umgeben von Gärten und Parkanlagen wird die Anstalt den Zöglingen einen recht gesunden und angenehmen Aufenthalt bieten. Beim Verlassen dieses neuen menschenfreundlichen Baues konnten wir der frohen Empfindung Raum geben,

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