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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-06 · Heft 21 (6.6.1890) · p. Seite 289

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 21 (6.6.1890)
Date
1890-06-06
Page
Seite 289 (sequence 5)
Language
German
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289 Mm. Mannelheit «>,! on Löö as, wn> en, was freilich, esfürstei, efen Ge ulassung, Talmud, sind ihr,;er leben könnte». sprediger nie. Es fei, Ver dreizehn Sozial die de» aldemv ja von mehr, icht der Beifall werthe ck, der Berlin dem er;en de» Aller- >»ch bei worden, jatsache, hundert ten nur kannte, Seine kathowohl, , das: e Ge- Kirche mar i» Worte Geste der Das; - Ab INld mit ist in Mahal. Sache kens- -s zu öerichte». Bon Interesse ist allenfalls nur der Kampf, der über die Frage der Reform des Gottesdienstes jetzt von unseren Glaubensgenossen in England in Zeitschriften und Bersannnlungen mit großer Lebhaftigkeit geführt wird. Die englischen Juden beschäftigen sich jetzt mit den Fragen, die wir in Deutschland bereits seit etwa dreißig Zähren erledigt haben. Auch dort handelt es sich nicht etwa um ,veitgehende religiöse Reformen, sondern um eine würdige Ausstattung ocs Gottesdienstes, um die Einführung der Orgel, der Landcsiprache u. dergl. m. Tie Wahl eines neuen Chief Rabbi für Großbritannien hat den Anlaß zu diesen Kämpfen gegeben, deren Ausgang »ns wenigstens nicht zweifelhaft sein kann. Haben doch unsere englischen Glaubensgenossen ein Vorbild eben in den Kämpfen, die wir m Deutschland über diese Fragen geführt, und in der Art und Weise, uüc wir zu einer friedlichen Lösung der Gegensätze gelangt sind, um nch danach richten zu können. Ausnahmsweise einmal ist in dieser Woche sogar aus Rußland etwas Erfreuliches zu berichten. Der Gesetzentwurf gegen die Juden ist, wie es heißt, ans direkten Wunsch des Zaren von der Berathung m> Reichsrath zurückgezogen worden. Hoffentlich bedeutet hier einmal .aufgeschoben" wirklich und endgiltig „aufgehoben". U Die jüdische Homiletik.*» Von Rabb. Tr. B. RiPPner. „Ein Komödiant tonnt' einen Pfarrer lehren," meint Faust's Famulus, und dieser erwiedert: „Ja, wenn der Pfarrer ein Komödiant ist." Hier ist kurz und bündig aller Künstelei auf der Kanzel der Krieg erklärt; wenn wir Goethe's Autorität für uns anführen können, io dürfen wir schon wagen, auf der Kanzel natürlich zu sprechen und alles Komödiantenthum von ihr zu verbannen. Aber der Dichter hat mit gutem Grund den fremden verächtlichen Ausdruck gewühlt; er wollte nicht leugnen, daß der Kanzelredner von dem tüchtigen Schauspieler, dem es ein heiliger Ernst um seine Knust ist, der das Wort des Dichters durch den Vortrag belebt und beseelt, ohne darum in Komödiantenmanier zu verfallen, „in dieser Kunst des Vortrags profitiren könne". Um ein Beispiel beizubringen, das gerade die jüdische Gemeinde ',» Berlin interessiren wird: Dr. Michael Sachs, der Prediger, der lveniger durch seine gedruckten Reden als durch die mächtige Wirkung seines Vortrages länger als ein Vicrteljahrhundcrt nach seinem Tode noch unvergessen ist, hat es oft ln kamst, daß er viel von dem Berliner Hofschauspieler Sehdelmauu gelernt hat. Sachs hatte zweifellos die höchste Meinung von der Würde der Kanzel, aber Seydelmann lag auch mit solchem Ernst seinein Berufe ob, daß ihm die Bühne an Werth und Weihe nicht viel hinter der Kanzel zurückstand. Wenn auch die schlichte Wahrheit in Gedanke. Empfindung und Vortrag, ihres Erfolges auf der Kanzel gewiß sein darf, wenn von der Predigt am ehesten gilt: cs trägt Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selber vor, ein „wenig Kunst" ist immerhin sowohl beim Aufbau der Predigt wie beim Vortrag derselben nothivcndig (vcrgl. Mahbanm S. 109), und vielleicht ist gerade dies die Schwierigkeit, mit einfachen Mitteln eine Wirkung zu erzielen. Um im Goethe'schen Gleichniß zu bleiben, der Schauspieler ist der tüchtigste, der nicht schauspielert, und der Prediger ist der Künstler, der natürlich ist in Gedanke, Wort und Darstellung, ohne darum vulgär zu werden. Alle diejenigen, die Jahrzehnte bewundernd an den Lippen Michael Sachs' gehangen haben, waren überrascht, als *) Die jüdische Homiletik nebst einer Auswahl von Texten und Themen. Von Dr. S. Maybaum, Berlin, Dümmler 1890, 385. S. durch sichere Zeugen sestgestellt wurde, daß dieser große Redner seine Rede wohl vorbereitet und bis aufs Wort memorirt hat; denn wenn er auf der Kanzel stand, so schien es, als ob im Moment erst die Gedanken erzeugt würden und sich die Worte von den Lippen lösten; welch' ein Triumph der Kunst war diese Natürlichkeit, welche! die kongeniale Natur des Redners an Seydelmann studirt hatte, j Wir sehen sonach, wenn schon die Beredtsamkeit an sich eine! Kunst ist, so ist es die Kanzelbcredtsamteit in erhöhtem Maße, bei sonders dann, wenn der Pfarrer kein Komödiant sein, nicht mit rohen! unwürdigen Mitteln wirken will. Tenn der Prediger soll eigentlich i nichts Neues sagen, er soll Altes, Wohlbekanntes Vorbringen und i dennoch nicht trivial werden; das stoffliche Interesse, das der Redner i auf dem Katheder, auf der Tribüne für sich hat, steht dem Kanzel-; redner nur in geringem Maße zur Seite; er spricht ans der Kanzel | das Bewußtsein der religiösen Gemeinde ans; und diese Gemeinde j soll dennoch aufhorche», ja sie soll begeistert iverden durch die Verl kündung ihr längst vertrauten Gedanken; wie kann er dies zu Stande i bringen, wenn er nicht seine religiösen mrd sittlichen Ideen vertieft i und so schön ausschmückt, daß der Zuhörer in geivissem Sinne demroch den Reiz des Neuen empfängt. Hier gilt das Wort Lessing's: „Meine ersten Gedanken sind nicht besser als Jedermanns erste Gedanken, und mit Jedermanns Gei danken sollte man ruhig zu Hause bleiben." Gerade der religiöse Redner bedarf der Vorbereitung, wenn er nicht alltäglich werden soll. Freilich muß diese Vorbereitung nicht immer gerade all hoc sein; wer; Jahre lang über Religion ernstlich nachgedacht hat, ist eben in jedem; Moment vorbereitet, Tieferes zu sagen, als die Menge weiß; er braucht; dann aus dem wohlverwahrten Schrein seines Geistes nur die! gleichsam dort bereit liegenden Gedanken herauszuholen. Aber die Känzelbercdtsamkeit ist nicht überall dieselbe. Schon die Stellung des Predigers zur Gemeinde bedingt wesentliche Unterschiede bei den verschiedenen religiösen Bekenntnissen. Wenn der Geistliche gleichsam wie ein Halbgott seinen Zuhörern gcgeniibcrstcht, so wird Ton und Haltung der Rede unwillkürlich dadurch bestimmt; : die Lehren nehmen den hohen Ton der Offenbarung an, die Mahnung i füllt wuchtiger und energischer nieder; aber das Judenthnm weist dem i Prediger seine Stellung innerhalb nicht oberhalb der Gemeinde an; das i mag mancher bedauern, weil die Wirkung der Rede dadurch abge- . schwächt werde; aber weder in den Grnndschriftcu, noch in der spütcrn geschichtlichen Entwicklung ist ein Anhalt dafür, den Rabbiner anders aufzufassen denn als einen Lehrer der Envachsencn. Wer in Reih und Glied mit den Andern steht und nur für eine kurze Stunde heraustritt, um erbaulich zu reden, der hat gar keinen Anlaß, die Gemeinde als tief unter ihm stehend zu betrachten und demgemäß zu ihr zu sprechen; wenn er mahnt, wird er nicht schelten; wenn er tadelt, wird er sich nicht ausschließen, er wird stets erwägen: ich bin, was ihr seid; dieser Umstand wird ans die Kanzclbcredtsamkeit i nicht ohne Einfluß bleiben und der jüdischen Predigt ein eigenthümi liches Gepräge geben. Wenn wir alte jüdische Predigten ans den erstell Jahrzehnten dieses Jahrhunderts lesen, Reden, deren Verfasser sich an fremde Muster gehalten haben, so füllt uns der hohe Ton von oben herab unangenehm auf, sie sind strafend, pastoral, sic sind : nicht jüdisch. Noch mehr kvmint das Schriftthum in Betracht, aus dem der; Prediger schöpft. Die Erklärung der heiligen Schrift nach ihrer i ethischen und erbaulichen Seite hat unter den Juden eine große Litteratnr erzeugt; diese wird von dem Redner benutzt; daraus ergeben sich Gedankenreihen, die wir anderwärts nicht finden. Da cs der Geist ist, der sich den Körper schafft, da die Gedanken auch die Form, das Kleid bestimmen, in dem sich die religiösen Ideen zeigen, so muß

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