Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 21 (6.6.1890)
- Date
- 1890-06-06
- Page
- Seite 288 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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288 fortführcn zu könne». Die Erfüllung dieses letzten großen Wunsches war ihm nicht vergönnt. Ter erste Band jenes Riesenwerkes ist der einzige geblieben. Der Fortgang seiner Arbeiten, welche die volle Kraft des Mannes forderten, wurde durch seine zunehmenden körperlichen Leiden, nicht minder aber durch die zahlreichen kleinen zersplitternden und zerstreuenden Obliegenheiten des rabbinischcn Amtes gehemmt. Er selbst empfand dies nur zu schmerzlich. Als ich ihm nach dem Abschluß meiner Gynmasialstudien meinen Entschluß mittheilte, mich gleichfalls diesem Amte zu weihen, war er zwar sehr erfreut über diesen Entschluß, den er durch Lehre und Beispiel einst selbst genährt, andererseits hielt er aber mit seinen Bedenken nicht zurück. Er ließ durchblicken, daß nur als einem Sohn der neuen Zeit in diesem Berufe schwere Gewissenskümpfc und Enttäuschungen nicht erspart bleiben würden; der Begeisterung für jüdische Geschichte und Litteratur, von der ich mich erfüllt zeigte, könnte ich auch in anderen Berufsstellungen, und in diesen sogar mit mehr Freiheit, leben. Ich schlug die Warnungen der treuen guten Seele in den Wind. Ich hatte mir in jugendlicher Schwärmerei eine Verbindung von jüdischem und modernem Wesen zurecht gedacht und hoffte auf dieser erträumten Grundlage meinen Weg durch die theologischen Jrrgängc zu finden. Ich bezog das Rabbinerseminar zu Breslau, begleitet von den herzlichsten Segenswünschen meines Großvaters idie in Form eines Gedichtes auch gedruckt erschienen in der Zeitschrift „Hamaggid", 1862, S. 381). Aber obwohl ich das beste Wollen mitbrachte und die trefflichsten Lehrkräfte vvrsaud, konnte ich den Leipziger Studenten doch nicht dazu bringen, die theologische Speise zu verdauen. Ich schob die Schuld auf die Lehrmethode und versuchte, das schwere Werk später in Prag unter den Augen meines Großvaters fortzusetzen. Auch dieser Versuch blieb vergeblich; aber ich verdanke ihm doch das Glück, daß ich dem Edlen im letzten Jahre seines Lebens persönlich nahe war. Körperlich gebrochen, war er im Geist und Gemüth frisch geblieben; von ihm galt, was die Schrift von Moses berichtet: „Sein Lebenssaft war nicht von ihm gewichen, sein Auge nicht getrübt." Mühsam schleppte er sich nach der Synagoge, und nur noch im Flüstertöne sprach er sein Gebet, hielt er seine Vorträge. Aber die Wenigen, die sie hören unb verstehen konnten, bewunderten die geistige Lebendigkeit und die Hellen Funken, die noch immer aus diesen Trümmern hcrvorschlugen. Mir selbst wurden die Gespräche mit ihm zu einer Duelle reinster Erholung und Anregung. Je mehr er sich dem Ende nahte, desto frischer lebten die Erinnerungen an die Jugend wieder ans, desto milder wrirden seine Urtheile über Richtungen und Männer, mit denen er früher in scharfer Fehde gelegen, yjiit besonderer Innigkeit und Dankbarkeit gedachte er der Freundschaft, die er in so reichem Maße erfahre». Wie strahlten seine »och immer schönen, milden Augen, wenn das Treigestirn Zunz, Luzzatto, Michael Sachs vor ihm auflcuchtete! Er fühlte sich tuic von einer schweren Schuldenlast befreit, wenn er mir von der Förderung erzählte, die er diesen und anderen ausgezeichneten Männern dankte, und oft fielen mir bei diesem stillen Freundschaftskultus die Dichterworte ein: Nichts ist dem Mann so eigen, Und nichts steht ihm so an. Als lveun er Freundschaft zeigen Und Treue halten kann! An uns ist eS nun, and) ihm Freundschaft zu zeigen und Treue zu halten über das Grab hinaus. Daß fein Geist in der Wissenschaft fortlcbe, dafür hat er selbst gesorgt durch seine unsterblichen Werke. Sorgen wir nun dafür, das; auch das Andenken an den großen und guten Menschen, der nicht minder segensreich gewirkt hat wie der Gelehrte Rapoport, nnverwelklich unter uns fortblühe! Wochenschau. Berlin, 3. Mai. Eine Wochenschau, die diesmal nicht an erster Stelle des Mannes gedächte, dessen hundertsten Geburtstag die deutsche Judenheit um 1. Juni — hätte feiern sollen, wäre keine jüdische. Salomon Löl> Rapoport war für die neuere jüdische Litteratur etwa das, was Alexander v. Humboldt für die modernen Naturwissenschaften, was August Bvekh für die Kunde des Alterthums gewesen. Aber freilich, diese beiden Männer gehörten einer Nation an, die ihre Geistesfürste» zu ehren weiß! Man könnte bitter werden, lveun man diesen Gedanken fortspinnt. Dazli haben wir aber heute keine Veranlassung, ja vielleicht nicht einmal ein Recht. Sagt ja schon der Talmud: Unsere Großen bedürfen keiner Denkmäler. „Ihre Thatcn sind ihre Denksteine." Und die Geistesthaten Rapoport's werden länger leben als das schönste Marmordcnkinal, das wir ihm etlva errichten könnten, wären wir in der That eine dankbare Nation. Aber wir sind ja gar keine Nation, >vie der edle Hofpredige, kürzlich sagte, und auch kein Bolk, wie Professor Haruack meinte. Es war dies auf dem evangelisch-sozialen Kongreß, dessen Verhandlungen wir in der Beilage allsführlich bringen. In den dreizehn Thesen, die der wackere Hofprediger zur Bekämpfung der Sozial demokratie aufstellte, fand sich selbstverständlich auch eine, die den „verderblichen Einfluß des Judenthums als Urheber der sozialdemokratischen Bewegung" erörterte. Aber Derartiges sind wir ja von dieser Seite längst gewöhnt. Es rührt und ärgert uns nicht mehr. Auch nicht, daß die Majorität der Pastoren — nach dem Bericht der „Krenz-Zeitung" — mit Händen und Füßen diesem Vortrag Beifall stampfte, kann uns noch verdrießen. Das einzige bemerkenswerthe Moment der Verhandlung ist die Rede von Profeffor Harnack, de, ein Vertreter der liberalen Richtung und dessen Berufung nach Berlin seinerzeit so großes Aufsehen erregt hat. Der Freimuth, mit dem er gegen das Hineinziehen der Jndenfrage in die Debatte wie gegen den Antisemitismus an sich auftrat, macht dem Gelehrten alle Ehre. Allerdings erweckt es nicht — wie in der Versammlung — so auch bei uns „Heiterkeit", wenn ivir hören, daß es ihm schwer geworden, Philosemit zu sein. Aber wir freuen uns daruni doch der Thatsache, daß er es ist. An, Ende ist uns ein Harnack lieber als hundert Bodelschwingh'S, von Andern gar nicht zu reden. Wir hätten nur gewünscht, daß Herr Professor Harnack, der seine Gegner nicht kannte, diesen gegenüber mit aller nöthigen Vorsicht aufgetreten wäre. Seine Unterscheidung von Volk und Konfession, von Judenthum und katholischer Kirche hat nicht unseren Beifall. Aber wir verstehen sehr wohl, was der gelehrte Theologe damit hat sagen wollen. Er meinte, das: die Angriffe gegen das Jndenthnm sich gegen eine lebende Genossenschaft richten, während solche gegen die katholische Kirche nur eine ideale Institution treffen. Und diese Meinung war in ihrem letzten Grunde eine richtige. Aber wie wurden seine Worte aufgegriffen, verdreht, mißbraucht! In der That, die liberalen Gesinnungsgenossen Harnack's hatten sehr wohl daran gethan, als sie der christlich-sozialen Lockpfeife in diesem Kongreß nicht folgten. Das: man schließlich „auf Wunsch des Antragstellers" von einer Ab stimmnng über die dreizehn Thesen abgesehen hat, zeigt klar und deutlich, daß derselbe mit seinem Projekt, den Antisemitisnnis mit der Bekämpfung der Sozialdemokratie z» verquicken, auch selbst in diesem Kongreß, wo seine Gesinnungsgenossen ja die stampfende Majorität bildeten, wiederum einmal ein glänzendes Fiasko erlitten hat. „Legt's zn den übrigen." Abgesehen von diesen Verhandlungen, welche für unsere Sache mehr lehrreich als wichtig waren, bot die Woche wenig des Bemerkenswerthen. Auch aus dem Ausland ist nichts besonders Wichtiges zu