Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 21 (6.6.1890)
- Date
- 1890-06-06
- Page
- Seite 290 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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290 die Mische Kauzclberedtsamkeit, die zum großen Theil von einer uns ollem angehörenden Litteratur ihre Säfte zieht, eine andere sein als die christliche; mehr lehrhaft, mehr den Verstand anregend, weniger pathetisch und erhaben. Darum war es geradezu eine Lücke in der jüdischen Wissenschaft, das; cs so lange keine jüdische Homiletik gab. Gewiß hat es uns an guten Predigern nicht gefehlt. Aber es gab auch ausgezeichnete Redner, bevor eine Rhetorik vorhanden war. Dennoch ist eine Redekunst ersprießlich, zuerst für die Masse der Schwachen, sodann aber ist sie auch für den tüchtigen Mann erfreulich, um' sich die Bedingungen und die Gesetze seines Schaffens deutlich zum Bewußtsein zu bringen. So ist auch eine jüdische Homiletik wiffenschaftlich uothivendig, und jeder jüdische Prediger, auch der, welcher bisher ohne ein homiletischem Handbuch ganz gut ausgekommen ist, wird Herrn Tr. Maybaum dankbar sein, daß er diese Lücke ausgefüllt, daß er diesem für die Neulinge wie für die Bewährten gleich fühlbaren Mangel abgeholfen hat. Hcrr Dr. Maybaum war zu diesem Werke vorzüglich ausgerüstet; wer lernt bald den Predigerberuf so nach allen seinen Ausstrahlrmgen kennen, als der beliebte Kanzelredner der sowohl durch ihre Zahl wie die Fülle ihrer Talente und Kräfte hochbedeutsamen jüdischen Gemeinde zu Berlin? Die Größe der Aufgabe, eine solche Gemeinde zu befriedigen, zwingt ihn mehr als jederr andern deutschen Rabbiner, über seinen Beruf nachzudenken; alle seine Kräfte ruft er auf, um der hohen Verantwortlichkeit seines Amtes zu entsprechen; auch die Gelegenheitsreden sind bei ihm von einer viel großem Mannigfaltigkeit als in der kleinen Stadt, und wir wagen es nicht zu entscheiden, ob das Gefühl mehr beängstigend oder mehr erhebend ist, bei manchen feierlichen Anlässen geradezu für die Gesannntheit der deutschen Juden das Wort zu führen. Wer in der jüdischen Gemeinde zu Berlin das Predigtaint mit Erfolg und Ehren verwaltet, der gewinnt aus der eigenen Praxis überreiches Material zu einer jüdischen Homiletik. Sodann kam Maybaum noch zu Statten, daß er Jahre hindurch Homiletik gelehrt hat, und gerade um das Wesen der Predigt zu ergründen, ist der Verkehr mit den Lernenden von unschätzbarem Werthe; hier paßt: von meinen Schülern, durch meine Schüler habe ich mehr gelernt, als von allen Andern. So hat Maybaum das Können und Kennen, um eine gute jüdische Homiletik zu schreiben, denn daß Maybaum, ohne iin Lehrbuche in den Predigtstil zu verfallen, überall eine gehobene, edle, dem erhabenen Gegenstände angemessene Sprache anwendet, versteht sich bei dem sprachgewandten Autor von selbst. Maybaum hält sich nicht zu lange bei der geschichtlichen Darstellung ans; aber cs würde natürlich den wissenschaftlichen Charakter beeinträchtigen, tvenu er nicht die Entstehung und Entwicklung der jüdischen Predigt uns vorführte. Die jüdischen Prediger glauben gewöhnlich den Ursprung ihres Berufes, so zu sagen: ihren Stammbaum, recht hoch hinauf bis zu den alten Propheten leiten zu dürfen; und sie Hütten Grund genug, auf solche Ahnen stolz zu sein. Aber Maybaum läßt diese Ansprüche nicht gelten; nicht die alten Nebiim, sondern die später» Chachamim sind die geistigeir Ahnen der Prediger, und wenn auch der Talmud der Meinung huldigt, daß ein Weiser, ein Chacham, besser sei als ein Prophet, so sind doch die Jesaia's, die Jeremia's ein zu vornehmes Geschlecht, als daß dies die Prediger der Gegenwart nicht als eine Degradation empfinden sollten. Indes; der Verfasser, der die Homiletik auf soliden Grundsätzen aufrichten wollte, konnte wirklich nicht anders. Ihm ist die Predigt ein Bestaudtheil des Gottesdienstes, während die prophetische Rede der alten Zeiten an keinen bestimmten Ort, an keine festliche Veranlassung gebunden war. Erst in der Zeit des Esra haben wir sonach die Ursprünge der Predigt zu suchen, die als Schriftcrklärung sici; den Hörern darbot. Vollständige Predigten sind in dem talmudischen Schriftthum nicht erhalten, sondern nur Bruchstücke, die unter dem Namen Midrasch ein, unerschöpfliche Fundgabe für den jüdischen Prediger bilden. Freilick kommt es hier sehr auf den guten Geschmack bei der Vcrwerthuug an. Lauteres, schlackenloses Gold giebt es nicht viel in dieftu Werken: die Arbeit des Säuberns und des Läuterns darf sich derjenige nich: verdrießen lassen, der mit diesen alterthümlichen Funden vor modernen Hörern Staat machen will. Diese Mühe halten Viele für nnnöthig, etliche bringen gar die blinkende Schlacke ans Tageslicht rmd bringen dadurch die Gruben, die Gold genug enthalten, in Mißkredit. In neuerer Zeit hat ein unermüdlicher christlicher Gelehrter, der Orieu talist Wünsche, viele Theile des Midrasch ins Deutsche übersetzt, und jetzt ist die Kunst wohlfeil, mit geistvollen Midraschstellen zu paradireu. Maybaum schildert uns in der Einleitring die sonderbare Manier, wie in dem talmudischen Zeitalter die Predigt zu Stande kann Bei jeder Predigt waren immer Zwei betheiligt, das Schuloberhaupt, der Gelehrte, der „Chacham", und der „Meturgeman"; Jener war der Souffleur, dieser der eigentliche Redner, Jenem eigneten die Gedanken, diesein die Einkleidung und die weitere Ausführung. Von diese» Meturgeman, die nur ausposannten, was ihnen die eigentlichen Gelehrten eingegeben, wird in den alten Schriften nur geringschätzig gesprochen, und doch wird andrerseits wieder verlangt, ein solche, Meturgeman müsse mindestens fünfzig Jahre alt sein. <Vgl. hierüber u. A. Ben Chananja, Jahrgang 3, S. 370 u. folg.) Die ganze Einrichtung, wie sie uns von Maybaum geschildert wird, ist so schwerfällig, ist so ganz ohne Analogie, daß es nicht leicht wird, unfern Altvordern eine solche Sonderbarkeit zuzutraucn. Selbst die von Herrn Dr. Maybaum zitirten Stellen scheinen nichi unbedingt dafür zu sprechen, daß dem wirklich Sachverständigen dir Rolle eines nur für den Meturgeman hörbaren Orakels zugekommen sei. Da wird z. B. der Vers: Besser zu horchen auf das Schelten eines Weisen, als wenn einer auf das Lied des Thoren horcht", aus diese Schulhäupter und Volksredmr bezogen, und die einen Weisen und die anderen Thoren genannt. Ja, wie ist denn aber dieser Vers zusammenzureimen mit der ganzen oben geschilderten Organisation, nach der es ja gar nicht möglich war, „das Schelten des Weisen" zu vernehme». Oder sollte der Vers daraus bezogen werden, daß die Volksredner die Scheltworte, die ihnen ins Ohr geraunt wurden, gemildert, ja in liebliche Reden umgewandelt haben? Aber dem Talmud galt, wie uns Herr Dr. Maybaum auf S. 37 belehrt, das Schelten auf der Kanzel gar nicht als Zeichen besonderer Weisheit, und ein Jesajas mußte erst, wie das schöne biblische Gleichnis: lautet, durch einen Engel mit einer vom Altar geholten glühende» Kohle den Mund sich läutern lassen, bevor dieser Mund Göttliches verkiinden konnte, denn der Prophet hatte sich versündigt mit dem Worte: „Unter einein Volke unreiner Lippen wohne ich." Also die herkömmliche Anschauung von dem Verhältnis; des Gelehrten zuin Prediger im alten Israel befriedigt nicht vollkommen, und vielleicht thüte die Altcrthmnswissenschast gut, diesen Gegenstand einmal zu beleuchten. Jedenfalls werden wir festhalten, daß die Predigt eine urwüchsige jüdische Pflanze ist. Aber mit diesem Ergebnis; ist für die Predigt der Gegenwari noch wenig gewonnen. Gewiß ist seit Esra begonnen, die Schrift zu erklären, seitdem ist durch alle Jahrhunderte hindurch das erbauliche Wort niemals aus unfern Synagogen und Lehrhäusern entschwunden; indes; es hörte vielfach auf, ein nothwendiger Bestaudtheil des Gottesdienstes zu sein; was in den Synagogen großer Gemeinden an Anregung dem Volke geboten, beschränkte sich noch vor einigen Jahrzehnten nicht