Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 21 (6.6.1890)
- Date
- 1890-06-06
- Page
- Seite 287 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der hundertjährige Geburtstag S alo m o Jehnda Rapoport's, ein Ehren- und Jubeltag für die jüdische tvie für die allgemeine Wissenschaft und das gesammte Kulturleben des Jahrhunderts, ist zugleich ein Tag stiller Erinnerung, wehmüthig-frohen Gedenkens für diejenigen, die dem Altmeister im Leben nahegestanden. Denn noch leben, hier und dort zerstreut, gar Viele, die dem vor 23 Jahren lahiugegangenen in die Augen geschaut, in die geistsprühenden, klugeil und doch so milden Augen, die dem sanften Klange seiner Rede gelauscht, die den holden Zaliber seines Wesens an sich erfahren haben. Rogen Andere die Verdienste Preisen, die er sich als Begründer und Pfadfinder jüdischer Kritik, Geschtchts- und Alterthumsforschung erworben, mögen sie die Schätze ins Licht setzen, die er ans dem Schutte »erschollener Zeiten hecvorgcholt, und durch die er die Erneuerung lüdischeu Geisteslebens in gewaltig bahnbrechender Arbeit vorbereitet liat, — mir, der ich mich stolz bescheiden seinen Enkel nennen darf, lei es vergönnt, von dem Menschen Rapoport zu reden und einige ,jüge aus dem herrlichen Bilde zu erneuern, das noch heute, der .Nacht der Jahre trotzend, in frischem, unverwüstlichem Glanze vor nur steht. Es war im Oktober des Jahres 1867. Ich hatte das dreizehnte Lebensjahr erreicht und sollte nun nach altehrwürdigem Brauche in das jüdische Gemeindeleben enigcführt werden. Obwohl dieses damals ui meiner Heimathstadt Leipzig, wo Juden überhaupt erst seit 1848 als Bürger zugelassen wurden, noch sehr jungen Datums, obwohl jüdisches Wissen dort noch sehr spärlich gesäet war, wurde ich doch irühzeitig unter der Anleitung meines seligen Vaters, der selbst ein vortrefflicher Kenner des hebräischen Schriftthums war, in dasselbe eingeweiht, und mein höchster Ehrgeiz ging dahin, vor meinem berühmten Großvater eine Probe auf diesem Gebiete abzulegen. Er erfüllte denn auch den Herzenswunsch des Knaben und kam von Prag »ach Leipzig herüber, um an meiner Bar-Mizwah-Feier theilzunehmen. Wie glücklich war ich, an seiner Seite den Gang nach der Synagoge antreten zu diirfen! Schon auf dem Wege dorthin erregte die stattliche, damals noch hoch und fest einherschreitende Patriarchengestalt Aufsehen, und mancher gute Leipziger, der von dem Namen und der Bedeutung dieses Mannes keine Ahnung hatte, hemmte unwillkiirlich den Schritt und betrachtete den ehrfurchtgebietenden Greis, der mit lindlich-heiterer Bewunderung und mit liebenswürdigem Lächeln diese Ovationen hinnahm. Der Abend gehörte der häuslichen Feier. Außer den Verwandten und nächsten Hausfreunden waren auch geladene Ehrengäste erschienen, darunter Männer der Wissenschaft, die den großen Mann ans Prag persönlich kennen lernen wollten. Vor einer so ungewohnt zahlreichen und gewählten Corona sollte ich nun meine Bar-Mizwah- Rede halten; kein Wunder, daß mir etwas schwül dabei war. Rührend war es nun zu sehen, wie der Großvater mir Muth zusprach und mit anscheinend gespannter Aufmerksamkeit, mit freundlich ermunterndem Zunicken meiner ziemlich langen Rede folgte. Nur wauchmal glaubte ich einen schalkhaft ironischen Zug um seine Lippen spielen zu sehen, wenn eine gar zu wunderliche Deutung eines Bibelverses oder der Kontrast der sächsischen Klangfarbe mit den reichlich eingestreuten hebräischen Textworten seine Heiterkeit erregen mochte. Dann nahm er selbst das Wort zu einer leider nur sehr kurzen Ansprache, die nur den zunächst Stehenden verständlich war, da er schon damals von einem Stimmleiden befallen war, gegen das er an den Quellen Reinerz und Ems vergeblich Heilung suchte, und das ihn, den immer Mittheilsamen und Redelustigen, doppelt schwer bedrückte. Aber was er sagte, drang wie stille, fromme Musik in mein Herz und hallt mit ungeschwächter Kraft darin nach. Er zog die Summe seines Lebens, das ihn immer mehr bestärkt habe im Gottvertrauen, im Glauben an den Sieg des Rechten und Guten über das Schlechte und Gemeine. Thrünen standen ihm in den Augen, als er der Vorurtheile und Verfolgungen gedachte, die er,zu überwinden, der Kümpfe, die er zu bestehen hatte, bis er endlich zu der ersehnten lichten Höhe empordrang. Zum Andenken an diese Weihestmide überreichte er mir eine Bibel, auf deren Vorderblatt er mit schöner, zierlicher hebräischer Schrift eine tiefempfundene poetische Widmung verzeichnet hatte, die ich als heiliges Vermüchtniß verwahre. Auch am nächsten Tage ging es in unserem Hause lebendig zu. Verschiedene Gelehrte der Leipziger Universität, mit denen mein Großvater in schriftlichem Verkehr stand, waren gekommen, um die Verbindnug nun in mündlichem Gedankenaustausch aufznfrischen und zu befestigen, so die berühmten Orientalisten Fleischer und Tuch, der Historiker Wuttke u. A. Alle waren von der sprudelnden Frische seines Geistes, von der Anmuth und Heiterkeit seines Wesens bezaubert. Drei Jahre später feierte die Gemeinde Prag den 70. Geburtstag ihres Oberrabbiners. Obwohl der Jubilar sich allen Prunk verbeten hatte (Aufzug und Serenaden, die ihm zu Ehren vorbereitet waren, mußten unterbleiben), fielen die Veranstaltungen doch noch imposant geuug aus. Mit Prag wetteiferten die größeren Gemeinden Europas, ja selbst Amerikas, in den Zeichen herzlichster Theilnahme. Aus verschiedenen Städten erschienen Deputationen, so aus der Gemeinde Wien, in deren Namen der Dichter Ludwig August Frankl die Stimmung des Tages in poetisch gehobenen Worten ausprägte. Der Gefeierte fühlte sich durch alle diese Kundgebungen neu erfrischt und verjüngt; trotz der Heiserkeit, die inzwischen eher zuals abgcnommen hatte, war er unermüdlich in der Beantwortung der Begrüßungsreden. Aus allen Erwiederungen leuchtete beim tiefsten sittlichen Ernst, mit dem er seinen Beruf erfaßt, eine gesunde Weltfrende hervor, der nichts Menschliches fremd war, und eine wahrhaft fromme Bescheidenheit, die nichts von Gelehrten- und Pfaffendünkel wußte. „Ich bin nur ein Diener der Gemeinde," äußerte er wiederholt, und er entwarf dann, unter Abweisung alles Hierarchischen, von dem Verhältniß des Rabbiners zu seiner Gemeinde ein schönes Idealbild, das den Geistlichen aller Konfessionen als Muster dienen könnte. Wie sehr ihn aber auch die zahlreichen Beweise der Verehrung und Dankbarkeit von nah und fern erfreuten, — am wohlsten war ihm doch im Kreise seiner Familie, die sich natürlich in jenen Festtagen möglichst vollzählig um ihn geschaart hatte. Hier trat am Abend, „wenn sich der Schwarm verlaufen", der ganze Reichthnm seines Gemüths in überquellender Liebe und Zärtlichkeit für seine Kinder und Enkel hervor (die treue Lebensgefährtin hatte er leider schon seit Jahren verloren); hier schwelgte er in alten heiteren Erinnerungen (er wußte die ältesten Sachen mit dem prickelnden Reiz des Neuen auszustatten), in Hoffnungen und Plänen für die Zukunft. Ja, auch Pläne schmiedete er noch. Leicht beschwingt, wie er sich jetzt fühlte, hoffte er seine zahlreichen Manuskripten-Schubfächer noch selbst ordnen und sichten, vor Allem aber seine große talmudischrabbinische Enchklopädie „Erech Millin“ wieder aufnehmen und