Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 3 (1.2.1890)
- Date
- 1890-02-01
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Chief-Rabbi der jüdischen Gemeinden Englands, Dr. Nathan Adler, im Alter von 87 Jahren heimgegangen. Bon Geburt ein Deutscher, hat er die Hälfte seiner geistlichen Laufbahn im Vaterlande zurückgelegt. Schon als Jüngling wurde er mit der Würde eines großherzoglichen Landrabbiners von Oldenburg bekleidet, um bald darauf (1830) seinem Vater Mordechai Adler nach dessen Heimgange in dem Amte eines Landrabbiners von Hannover zu folgen. In Hannover war es, wo ihn der Herzog von Cambridge, des englischen Königs Bruder, kennen und schätzen lernte, und seiner hohen Fürsprache hatte er es zu danken, daß ihm 1846 der erledigte Rabbinersitz der Londoner Gemeinde und hiermit das Oberrabbinat Englands und der Colonien übertragen wurde. Mit Milde und Friedfertigkeit, geliebt und geehrt nicht nur von den Glaubensgenossen, sondern von der gesummten englischen Nation, waltete er seines Amtes 40 Jahre lang, bis ihn endlich Alter und körperliche Schwäche zwangen, von seinem Sohne vr. Hermann Adler sich vertreten zu lassen. Er selbst ging zur Herstellung seiner Gesundheit nach Bad Brighton, woselbst er nun seinen Leiden erlegen ist. Möge ihm die Erde leicht werden! Dem begeisterten Helden des Wortes begleitet in die Ewigkeit ein Held der Feder. Seligmann Heller in Wien hat, 58 Jahre alt, das Zeitliche gesegnet. Geboren am 8. Juli 1881 in Raudnitz in Böhmen, wirkte er zuerst als Lehrer an der Talmud-Thora-Schule in Prag, wurde dann Theaterkritiker der Bohemia, und siedelte später, als in Wien die „Deutsche Zeitung" begründet wurde, dorthin als Redaeteur über. Als Kritiker machte er sich durch seine offene, rücksichtslose Sprache bald einen gefürchteten Namen. Zugleich war er selbständig belletristisch thätig. Sein Drama „die letzten Hasmonäer" und namentlich sein Epos „Ahasver" fanden in gebildeten Kreisen verdienten Beifall. Friedrich Rückert nennt es ein „großartiges, im höchsten, kühnsten und strengsten Styl aufgebautes Gebäude". — Obwohl solche Erfolge ihn zu den höchsten Erwartungen berechtigten, und obwohl ihm einflußreiche und einträgliche Stellungen zur Genüge angetoten wurden, folgte er doch — welch ein schönes Beispiel von jüdischem Idealismus! — seinem unbesiegbaren Drange zum Lehren, gab seine journalistische Thätigkeit auf, und lebte fortan als Privatlehrer. Daneben widmete er sich mit Eifer der Uebertragung hebräischer Poesien, auf welchem Gebiete er unbestritten den ersten Platz einnimmt. Nun ist sein liedereicher Mund verstummt; noch sind seine Poesien nicht Eigenthum der deutschen Nation geworden, doch ist von maßgebender Seite die Anregung ausgegangen, seinen Nachlaß herauszugeben. Als ob der Tod die Meister des Gesanges mit besonderem Grimme verfolgte, hören wir von drei verschiedenen Orten zu gleicher Zeit von dem Hinscheideu gefeierter Cantoren. Zuerst, im blühenden Mannesalter ist der Obercantor Berggrün in Hannover gestorben, ihm folgte Popper, der Obercantor der Gemeinde zu Frankfurt a. M., und endlich der Altmeister der Cantoren, dessen Name bekannt war, soweit jüdischer Synagogengesang gepflegt wird, Sulzer in Wien. Salomon Sulzer wurde 1805 zu Hohenems in Tirol geboren. 1825 wurde er als Obercantor der israelitischen Gemeinde in Wien angestellt und dieses Amt verwaltete er bis zum Jahre 1884. Er war der Reformator des jüdischen Synagogengesangs — und darauf beruht seine unvergängliche Bedeutung. Künstler wie Franz Schubert und Franz Lißt haben die hinreißende Kraft seines Gesangs bewundert. Niemand aber hat dieselbe treffender und wahrer geschildert als der Meister jüdischer Kanzelberedsamkeit, Dr. Adolf Jellinek in der Grabrede, die er bei dem Leichenbegängnisse am 20. Januar hielt. Wir geben die ausgezeichnete Grabrede hier im Wortlaut wieder „Die Stimmen verstummen!" (2. B. M., K. 9, B. 29). Diese Worte haben wir vorgestern hier vernommen, am letzten Sabbath, an welchem Herr Obercantor Salomon Sulzer seine Seele aushauchte. Der liederreiche Mund, ach, er ist geschlossen, die Stimme, welche mehr denn ein halbes Jahrhundert zum Lobe Gottes hier ertönte, ist verstummt, verstummt für immer! Diese Stimme, wer vermag sie zu schildern? Ihre Stärke und ihre Zartheit, ihre Höhe und ihre Tiefe, ihre Fülle und ihre Feinheit, ihre Weihe und ihre Wirkung, ihren Wohlklang und ihren erschütternden Gesang? Diese Stimme entzückte, überwältigte, begeisterte, öffnete die Pforten des Himmels, drang in die Tiefen der Seele, entlockte dem Auge Thränen der Freude, der Trauer und der Reue. Ihr lauschten zwei Generationen, ergriffen und hingerissen, der Jüngling und der Greis, der Mann und das Weib, der Laie und der Künstler, der Fürst und der Unterthan, der Jude wie der Nichtjude. Diese wunderbare Stimme wirkte Wunder! Sie „verwandelte den harten Kiesel in einen Wasserquell", rührte und erweichte das verstockteste Herz. Vor ihrem mächtigen Posaunenschall erbebte der Sünder, wenn sie das Gottesgericht schilderte, aus ihren süßen und sanften Klängen quollen Erbarmen und himmlische Gnade. Am Passahfeste sang sie ein wogendes und wallendes Freiheitslied dem Gotte der Freiheit und der Erlösung. Am Wochenfeste verkündete sie mit den Schauern der Ehrfurcht die zehn Gebote: „Ich bin der Ewige, Dein Gott, keine fremde Götter neben mir!" Am Neujahrstage betete sie mit aller Gluth der Andacht: „Unser Vater, unser König, schreibe uns alle ein zu einem glücklichen Leben!" Am Versöhnungstage