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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-02-01 · Heft 3 (1.2.1890) · p. Seite 37

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 3 (1.2.1890)
Date
1890-02-01
Page
Seite 37 (sequence 5)
Language
German
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37 ermahnte sie mit väterlichem Tone zur Reue und Rückkehr zu Gott durch Buße, Beten und Betätigung der Menschenliebe. Am Hüttenfeste rief sie laut gen Himmel. „Hosianna! O hilf doch, o Gott!" Am Trauertage des Monates Ab klagte sie bitterlich über das verwittwete und verödete Zivn. Das war nicht eine Stimme, das waren mannigfache Stimmen des hellsten Jubels und des tiefsten Kummers, der lauten Freude und der wehklagenden Trauer, der trüben Vergangenheit, der freieren Gegenwart und der hoffnungsvollen Zukunft. Und woher kam die übermächtige Wirkung dieser Stimme? Waren cs der Klang und die Kunst allein, die ihr einen unwiderstehlichen Zauber verliehen? O nein! Sie war das Echo einer inneren Stimme, eines Seelengesanges, einer Herzensmelodie, seiner eigenartigen Persönlichkeit. Denn Salomon Sulzer hatte eine lebhafte, dichterische Phantasie, erfüllt und genährt mit den prachtvollen Bildern der Propheten, den farbenreichen Gemälden des biblischen Alterthums, den Sagen und Legenden des Mittelalters, den Hoffnungen des israelitischen Volkes. Was er sang, das sah er vor sich in lebendigen Gestalten, das umschwebte seinen Geist. Er vergaß seine Umgebung, Zeit und Raum und seine dichterische Phantasie versetzte ihn in eine andere, alte Welt. Wenn er am Eingänge des Sabbath der Braut ein Lied anstimmte, so sah er sie, geschmückt mit dem güldenen Geschmeide des himmlischen Segens, begleitet von Engelschaaren, Boten des Friedens, und begrüßte sie mit sanften Klängen: „Komme herbei, o liebliche Braut, komme herbei!" Wenn er am Versöhnungstage den heiligen Dienst des Hohenpriesters recitirte, so trug ihn seine Phantasie auf die Höhen Zions. Er verwandelte sich in den Hohenpriester voll Weihe und Erhabenheit, trat ein in das Allerheiligste, opferte, räucherte, sprach den vierbuchstabigen Namen Gottes aus und seine Stimme klang wie die Glöcklein am Mantel des Hohenpriesters. Wenn er am Trauertage des Monates Ab hier auf den Stufen saß und mit den Klageliedern Jeremias' jammerte und wehklagte, blickte er hin auf die Ruinen Zions, auf die Trümmer des Heiligthums, auf die zarten, schmachtenden Kindlein, die ihre Händchen ausstreckten, um Brod von ihren Müttern zu verlangen. Er dichtete in Klängen und Gesängen und wovon seine Seele voll war, das drückte er durch die Macht und die Mannigfaltigkeit des Gesanges aus. Wenn der Himmel Oesterreichs umwölkt war und Israel kummervoll einherging, rief er seiner Gemeinde wie ein Führer zu: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einziger Gott; fürchte nicht, verzage nicht, verzweifle nicht!" Das klang wie ein Zuspruch, wie eine Ermuthigung, wie ein Aufruf: „Hoffe und harre und bleibe stark!" Wenn die Sonne der Freiheit in Oesterreich aufging und auch die Bekenner des Judenthums umstrahlte, sang er in einer ganz anderen Tonart: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einziger Gott. Du hast nicht vergebens gehofft und ausgeharrt; die Gerechtigkeit har gesiegt, die Freiheit triumphirt!" Aus feiner Stimme klang ein treues, theilnahmsvolles Herz. Denn er war ein „Bote und Vertreter der Gemeinde" im vollen Sinne des Wortes. Er lebte in der Gemeinde, fühlte mit der Gemeinde, jubelte und jammerte mit den Familien, nahm den wärmsten Antheil an ihrem Wohl und Wehe. Wenn ein wichtiges Ereigniß, ein heiteres oder ein trübes, die Gemüther bewegte, so fand er im Gebet einen Satz, den er festhielt, durch Modulation erweiterte und dem er eine neue Seele einhauchte, die auf den Fittigen des Gesanges zum Himmel empordrang. „Die Stimmen verstummen", der liederreiche Mund ist geschlossen. Was aber Salomon Sulzer im Reiche der Töne geformt, gedichtet und umgestaltet hat, das bleibt fort und fort, das klingt und singt und dringt durch das Abend- und Morgenland, durch die alte und die neue Welt zu seinem ewigen Nachruhme und zur Ehre unserer Cultusgemeinde. „Die Stimmen verstummen auf Erden". Doch siehe, die Himmel öffnen sich, Engelchöre sammeln sich am Throne Gottes, um den Sangmeister Zions zu begrüßen mit seinen eigenen Melodien, mit dem Chore: „Heilig, heilig, heilig ist der Gott Zebaot, voll ist die ganze Erde seiner Herrlichkeit!" Salomon Sulzer, Sangmeister Zions, liederreicher Levite, Du hast Gott verherrlicht auf Erden durch Deine Stimme, durch Deine Lieder, durch „Schir Zion!" Berlin, im Januar. Die fünfte Plenarversammlung der Historischen Comission für Geschichte der Inden in Deutschland wurde am 16. Oetober 1889 abgehalten. Anwesend waren sämmtliche Mitglieder mit Ausnahme des entschuldigten Prof. Dr. Lazarus. An Stelle des verstorbenen Prof. Dr. I. Weizsäcker wurde Herr Geheimer Regierungsrath Prof. Dr. E. Dümmler, Vorsitzender der Centraldirection der Monumenta Germaniae Historiea, zum Mitglied der Commission erwählt, welcher die auf ihn gefallene Wahl angenommen hat. Im verflossenen Geschäftsjahr wurden von der Com misston veröffentlicht: 1. Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, herausgegeben von Prof. Dr. Ludwig Geiger. Bd. DI. Braunschweig 1889. 2. Regesten zur Geschichte der Juden im fränkischen und deutschen Reich bis zum Jahre 1273. Bearbeitet von Julius Aronius. III. Lieferung bis zum Jahr 1226. Berlin 1889. Ueber den Fortgang der von der Commission ins Leben gerufenen Unternehmungen wurde derselben von ihren verschiedenen Mitarbeitern Bericht erstattet. Für die Regesten

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