Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1889)
- Date
- 1889-06-13
- Page
- Seite 371 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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»71 sten Vergangenheit im Judenthum, war und als einer ihrer vonehmsten Repräsentanten durch seine Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und Charakterfestigkeit betrachtet werden kann, und überdies durch die äußere Stellung, die er als Oberhaupt einer der hervorragendsten Gemeinden des Judenthums eingenommen hat, und endlich durch seine heftige Polemik gegen die Mendelssohn'sche Schule den richtigen Gegenpol gegenüber der jetzigen religiösen Anschauung in der Mehrzahl der gebildeten, jüdischen Gemeinden darstellt. Von diesem Manne lernen wir, daß die jüdische Theologie Fortschritte gemacht hat in religiöser, in wissenschaftlicher und pastoraler Beziehung. Einen religiösen Fortschritt muß ich es nennen, daß wir nicht mehr in der kleinlichen Auffassung aufgehen, daß alles religiöse Leben sich in dem äußerlichen Thun, in der ebenfalls rein äußerlichen Auffassung des Erlaubten und Verbotenen erschöpfe. Oder wollen Sie es nicht so bezeichnen, wenn ein Mann wie Landau in einem so ernsten Tone, als handelte es sich um die Stellung der jüdischen Glaubenslehre zur Darwinschen Evolutionstheorie, oder zum Pantheismus, oder zur Wellhausen'schen Hypothese über die Entstehung des Pentateuchs, versichert: Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich meine Meinung nicht lieber unterdrücken soll, ich hatte das Manuscript schon ausgeschieden, aber endlich sah ich ein, daß ich kein Recht habe, meine Ansicht der Mitwelt vorzuenthalten, daß gerade in der heutigen Zeit das religiöse Interesse diese Veröffentlichung gebieterisch fordert, darum soll es alle Welt wissen, daß es — gestattet ist, am Chol-hamoöd sich von einem Barbier, der auf diesen Verdienst angewiesen ist, hd 'h |\N‘i barbieren zu lassen. Den wahren Grund, der mich dazu veranlaßt, kann ich nicht veröffentlichen und werde es nicht thun, wenn man mich noch so sehr drängen sollte. Was ist nun dieser wahre Grund? Die Localtradition behauptet, daß Landau andeuten wolle, nachdem das Rasiren mit Rasirmesser überhand zu nehmen beginnt, müsse es gestattet sein, sich am or/in zu rasiren, weil sonst in 8 bis 9 Tagen der Bart jene Länge erreiche, ■np^ wn“ bei welcher erst die Strafbarkeit des Rasirens beginne. Ein sehr hervorragender Kenner der jüngeren Halacha-Literatur behauptet zwar, daß R. Ezechiel so etwas nicht gemeint haben könne, aber, wenn es nicht das war, ist es etwas Aehnliches und beweist, daß wir heute dadurch, daß wir jener naiven Auffassung der Religion entwachsen sind, einen Fortschritt im religiösen Erkennen zu verzeichnen haben. Von einem wissenschaftlichen Fortschritt spreche ich nicht in dem Sinne allgemein wissenschaftlicher, sondern speciell theologischer Kenntnisse. R. Ezechiel sagt einmal, als man ihn fragte, woher das Wort no: in dem Sündenbekenntnisse des R. Nissim für stamme, solche Dinge müsse man eigentlich einen Bibelkenner srpn byz und nicht einen Rabbiner fragen, und stolpert schließlich aus besonderer Gefälligkeit für den Freund über den Strohhalm, um zu erklären, daß no: von dem talmudischen nd': und dieses von 'BW — schwören stamme. Ich will ihm diese Etymologie verzeihen und sogar ein Auge darüber zudrücken, daß der große Gelehrte nicht einmal weiß, daß styj so viel als ids: ist, aber einen Rabbiner und einen Kenner der Bibel als Gegensätze zu betrachten und so zu thun, als sei es des gelehrten Rabbiners unwürdig die Bibel zu kennen, ist doch ein Beweis, daß wir cs weiter gebracht haben. Was will das daneben bedeuten. daß er das neuhebräische von dem biblischen '^riN ableiten will, weil er nicht einmal weiß, daß ^rix eine aus -.d, rw zusammengesetzte Conjunetion ist? Soll ich nun beweisen, was jedes Kind weiß, daß die ganze altrabbinische Schule mit wenigen Ausnahmen nichts Anderes kannte, als mit Verwischung aller historischen und Persönlichen Individualität die Anschauungen aller rabbinischen Autoritäten von R. Jochanan ben Sakkai bis auf R. Akiba Eger nach einer Methode zu behandeln, daß ihnen auch nicht im Entferntesten die Idee aufgegangen war, daß die jüdische Theologie im Zusammenhänge mit der Geistesarbeit auf andern Wissensgebieten betrachtet werden müsse. Wir haben also respectable Fortschritte gemacht in der jüdischen Wissenschaft trotz des Geschreies über den Untergang der Thora, dem ein mir bekannter Daian in Nicolsburg an der Bahre des Rabbiners Salomon Quetsch (1855) einen sehr unzweideutigen Ausdruck gab in den Worten: „Der Berg Zion, der jetzt wüste liegt, Füchse gehen darauf herum (Klaget. 5, 11) Füchse, Lumpen, deutsche. Rabbonim". Wir haben aber auch Fortschritte gemacht in pastoraler, sittlichender Arbeit in den Gemeinden. Bei den alten Rabbinen, unter denen es ja gewiß sehr viele sittliche Charaktere gab, trat die sittliche Anregung und Belehrung immer hinter das Gesetzliche weit zurück. Man hatte sich daran gewöhnt, in allen zweifelhaften Fällen, bei widersprechenden Ansichten der alten Gesetzeslehrer immer zu sagen: Thun wir's lieber nicht, woran besonders R. Moses Jsserls Schuld trägt, der durch das trockene Aufhäufen seiner aus allen alten Schriften zusammengestoppelten Citate, eine ungeheuere Autorität erlangte. Der Talmud verzeichnet merkwürdigerweise das Vorkommen des linken Hinteren Lungenlappens bei den Hausthieren (snr) als Abnormität. Raschi schließt daraus, daß das Fehlen desselben das Thier nicht hdtb mache, Ascheri, Maimonides, Josef Karo schließen sich ihm an, aber Moses Jsserls sagt (Joreh Deal) 35. 2.): In unseren Gegenden erklärt man das für .-.Ena und das ist allgemeiner Brauch und niemand darf ihn ändern. Jetzt wehe dem Rabbiner, der sich gegen Moses Jsserls' Brauch eine eigene Ansicht bilden wollte! Der Talmud erklärt ein Verwachsen der obe-