Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1889)
- Date
- 1889-06-13
- Page
- Seite 372 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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372 reu Lungenlappen mit dein Rippenfell für ~ko, Josef Karo giebt dieser Anschauung Gesetzeskraft, aber Moses Jsscrls sagt (Joreh Deal) 39. 18): In Deutschland und Frankreich gilt das für .-d-ü und, weil unsere Vorfahren das so gehalten haben, darf niemand cs ändern. Und hat er manches Mal die stereotype Redensart von der Unabänderlichkeit des Brauches vergessen, so hat die Devotion späterer Zeiten das aus eigenem Antriebe ergänzt. Jsserls verzeichnet, (a. a. O. 74) das; M anchc meinen, man dürfe Nieren nicht essen und nun wage Jemand zu sagen, daß diese „Meinung mancher" kein unabänderlicher Brauch sei. Die alten Rabbinen glaubten nun, es ihrer Pastoralen Pflicht schulcig zu sein, so entlegene Verbote hervorzusuchen und vor ihrer Uebertretung recht eindringlich zu mahnen und dadurch erzielten sie jenen Ueberdruß und jene Gleichgiltigkeit, die im Anfänge des Jahrhunderts alle gebildete» Juden erfüllte, wenn es sich um religiöse Begriffe des Jndenthnms handelte. — Religiöse Formen blieben ihnen immer die Hauptsache. Niemals durfte der Standpunkt zur Geltung gelangen, daß der gute Wille des Menschen und seine ernste Absicht, Gott zu dienen, maßgebend sei. Der gelehrte Arzt Jsak Lampronti in Ferrara (18. Jahrh.) hat in seiner talmudischen Realcncyclopädie prsiro einen zwei Druckbogen umfassenden Artikel über Chocolade. Was schreibt nun der Mann in dem langen Artikel? Stellt er unbekannte Beweise von der Bekanntschaft des Talmuds mit dem Cacao-Baum zusammen, spricht er über Bereitung der Chocolade unter den Juden? Das Alles nicht. Es handelt sich für ihn nur um die Frage, welche Form des Segensspruches man dabei wählen solle, ob man die Chocolade als Baumfrucht nach ihrem wesentlichsten Bestandtheil betrachten und y"-s nto sagen oder sie, weil sie mit anderen Substanzen vermengt ist, nur als Fruchtsaft anschen und darüber 2 "o tanr sprechen soll. Maleachi ha-Cohen aus Livorno, der berühmte Verfasser des Wörterbuches der talmudischen Terminologie, hat darüber schwere Gewissensnöthen empfunden, denn allerdings hatte der gelehrte Rabbiner von Livorno, Abraham Rodriguez, sich für Nrc entschieden, aber das kann doch die Zweifel nicht beheben, wie es denn mit Leuten zu halten sei, welche die Chocolade so dünn trinken, daß dabei das Wasser die Hauptsache ist. Sinn wissen wir freilich, daß diese Gewissensnoth sehr häufig ein wenig affectirt war und mehr dazu diente. dem Verfasser des Gutachtens Gelegenheit zu bieten, daß er seine profunde Gelehrsamkeit in Schaufenstern ausbreiten konnte. Hingegen läßt sich nicht leugnen, daß es tatsächlich viele gab, die in schwere Gemüthsbewegung geriethen, wenn sie nicht wußten, wie sie sich in einem solchen Falle zu benehmen hatten und daß den Rabbinen ani wenigsten der Gedanke kam, daß der Zweck eines Segensspruches nur sei, daß man dem Spender aller irdischen Gaben im Herzen danke und daß dieser Pflicht am wenigsten Genüge geschehe, wenn man nur das juristisch-formale Moment im Auge habe. Die Rabbiner haben nun diese Gewissensangst in die Gemeinden hinein getragen und hinter dem kleinlichen Auseinandcrsetzen des Erlaubten und Verbotenen verschwanden die sittlichen Grundgedanken und religiösen Wahrheiten. Darum hat unsere Generation einen wesentlichen Fortschritt auch in pastoraler Hinsicht gemacht und wir müssen nicht in das Klagegeschrei der gedankenlosen Menge vom Untergang des Judenthums einstimmen, welches wie aller Pessimismus unjüdisch und geradezu heidnisch ist. Denn alle religiöse Anschauung ist optimistisch und muß es nothwendigerweisc sein, denn sie beruht auf der Lehre, welche R. Akiba so kurz und klar ausspricht mit den Worten: Durch Gottes Güte wird die Welt gerichtet (Aboth 3, 15). Sie verlegt darum auch die schönste Zeit der Welt in die Zukunft, denn sie glaubt an die stetige Entwickelung zum Besseren. Im Gegensätze dazu sehen wir das Heidenthum das goldene Zeitalter in die Vergangenheit verlegen, woraus die stete Entwickelung zum Schlechteren mit Nothwendigkeit folgt. Auch specifisch jüdisch ist diese optimistische Weltauffassung im Gegensätze zu der christlichen, welche die Erlösung zu einer That der Vergangenheit macht, statt sie, wie die richtige Auffassung der prophetischen Verheißung verlangt, zu einem Zustande der Zukunft zu erheben. Aus diesem Optimismus in der Betrachtung der Welt crgiebt sich uns der Trost, daß anch die religiöse Entwickelung unserer Zeit eine bessere geworden ist, wenn wir auch den theilweisen Rückgang in der Macht religiösen Empfindens nicht leugnen wollen. Fühlen wir uns aber den Schwächen der älteren Zeit entwachsen, so wollen wir doch unser durch die Arbeit oer Vergangenheit mit bedingtes besseres Erkennen nicht mit Ueberhebung hervorkehren, sondern eingedenk bleiben der Lehre König Salomos: (Spr. 23. 22) „Verachte nicht deine greise Mutter." (Forts, folgt.) £)eutfdf;lanb. verwandelt sich — tempora mutantur! — unter dem Drange Berlin, 28. Mai. (Privatmitth.) Nachgerade wird , der Umstände in einen lustigen Hexentanz. Wie bei einem die Sache wirklich tragikomisch: der vormalige Hexensabbath solchen die ehrenwerthen Damen in die Lüfte steigen, dort niicUXew.