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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-06-13 · Heft 24 (13.6.1889) · p. Seite 370

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 24 (13.6.1889)
Date
1889-06-13
Page
Seite 370 (sequence 6)
Language
German
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370 Herr hat uns das Ende der Leidenszeit verheimlicht, zu unserem eigenen Besten, damit wir in dieser harten Prüfung unsere Frömmigkeit bewähren. Er selbst ist aber mit uns im Exile und kann sich daraus nicht befreien, weil er geschworen hat, und diesen Schwur, der zu unserem Besten war, nicht ohne unser Wissen lösen kann, denn ein Schwur, der einen Andern betrifft nyi hy) kann ohne dessen Mitwissen nicht gelöst werden (Joreh Deah Kap. 228, § 2), ganz besonders nicht, wenn dem Andern durch diesen Schwur ein Vortheil gesichert ist. und Derjenige, welcher den Schwur geleistet hat, Demjenigen, zu dessen Gunsten er geschworen hat, einen Gegendienst schuldet. Das ist aber unser Fall. Gott hat geschworen uns für unsere Sünden zu exilireu; das ist zu unserem Besten geschehen und ist eine Gegenleistung für unsere Frömmigkeit. Er kann daher ohne unser Wissen und Wollen den Schwur nicht lösen, und hat darum dem Rabba bar bar Chana eine verschämte Andeutung gemacht, daß er ihn aus dieser Gewissensqual befreie, was dieser nicht recht verstanden hat oder nicht verstehen wollte, weil er meinte, eine vorzeitige Erlösung würde Israel an seiner ewigen Seligkeit schaden. Wir aber müssen unsere Seele xpn js'd: für Gott opfern und alle Strafen der Hölle auf uns nehmen, wenn wir den Willen Gottes erkennen, daß er uns aus dem Exil befreien will, l) Und nun, andächtige Gemeinde, ist die Zeit gekommen die Gelübde zu lösen, darum laßt uns beten: O Gott, löse dein Gelübde, tröste die Trauernden Zions, führe uns zusammen von den vier Enden der Erde. Amen. Haben wir also wirklich keine Aufgabe im Gemeindeleben, wenn wir das unleugbare Bedürfniß nach Erbauung, das gerade an den hohen Festtagen mächtig ist, zu befriedigen oder es zu befriedigen zu trachten. Noch eins! Setzen wir den Fall, daß R. EzechielLandau im Stande gewesen wäre, dem heutigen Publikum Prags seine Predigt verständlich zu machen, hätte er nicht das rabbinische Schriftthum viel mehr heruntergesetzt, als es Rohling vermochte? Hat er nicht mit seinem Bestreben, Schwierigkeiten, die er sich selbst zuerst geschaffen hat, auf dem Wege dialectischer Kniffe zu lösen, sich das tiefere Berständniß der Hagadah abgeschnitten und ihre erbauliche Wirkung unmöglich gemacht? In der eben angeführten Predigt eitirt er auch die Stelle aus Synhedrin (98 a): „Der Messias wird kommen in einem gänzlich sündenreineu oder gänzlich verderbten Geschleckte." Wir sehen in diesem Ausspruche den richtigen Gedanken, daß die sittliche Gesunkenheit eines Geschlechtes eine mächtige Stimme erwecken muß, deren Ruf eine um so nachhaltigere Wirkung haben wird, je mehr die Zeitgenossen ihre innerliche Leere fühlen. Der Prophet Eliahu 1) Welche Entstellung des Gottesbegrisfes um der buchstäblichen Auffassung und Auslegung eines Midrasch willen! Redaet. z. B. ist allein übrig geblieben von den Propheten des Herrn, und ihm gelingt es zu bewirken, daß das ganze Volk aufs Angesicht fällt und ruft: „Der Herr allein ist Gott". Was aber macht R. Ezechiel daraus? Entweder ist alle Welt gerecht, dann wird auch Alles seine Zustimmung zur Lösung des göttlichen Schwures geben, oder alle Welt besteht aus Sündern, dann empfängt Gott von uns keinen Dienst und kann nach Joreh Deah 228, 20. seinen Eid ohne unsere Zustimmung lösen, da er ja gewiß die Ansicht R. Moses Jsserls' theilt. Die Art und Weise, wie man im vorigen Jahrhundert meinte die talmudische Haggadah zu erklären, ist wohl eine gesuchtere, aber durchaus nicht vernünftigere wie die der babylonischen Geonim, mit deren Titel man damals so verschwenderisch umging, welche die unsinnigsten Hyperbeln wörtlich fassen zu müssen meinten, und dafür von Maimonides wohl nicht unter Nennung ihrer Namen, aber unter ausdrücklicher Bezeichnung der Sache „rabbinischer Geistespöbel" □ voon CTj::-n yiDn genannt werden. Wenn Sie sich zu dieser Erbauungsrede noch die Ermahnungen hinzudenken, wie die schon citirte, worin R. Ezechiel Landau Klage führt, daß man am Sabbath den Schirm aufspanne, was als Bau eines Hauses zu betrachten und gleich einer Maurerarbeit mit Steinigung zu bestrafen sei, oder so eine Sabbath-hagadol- Predigt, in der er mahnt, daß man am Sabbath, der auf den Rüsttag des Peßachfestes fällt, die Stühle nicht an den Tisch rücken und die Mazzoth nicht auf den Tisch legen dürfe, daß man am Freitag die Sabbathlampe anzünden, auslöschen und wieder anzünden müsse, wenn man sie zum Seder brennen lassen wolle, oder, wenn er allem gesellschaftlichen Leben den Krieg erklärt und die Blitze seines Zornes gegen Diejenigen schleudert, welche am Sabbath in Frauengesellschaft spazierengehen, so bekommen Sie erst einen Begriff davon, welchen wohlthätigen Umschwung die moderne, religiöse Anschauung in das Judenthum gebracht hat, und wie nothweudig dieser Umschwung auch für unsere äußerste Rechte war, die auch ein Chanukafest mit Klavierspiel und Tanz feiert und sich dabei ganz im Sinne des vorigen Jahrhunderts fromm glaubt. (S. Jahrg. 1888 d. Allg. Ztg. d. Judenth. Nr. 51.) Es ist aber auch wichtig, daß R. Ezechiel's Urenkel, der vor drei Jahren die Predigten seines Ahnen herausgegeben hat, dieselben im Gegensätze zu den modernen Predigten, die nur „leeres Gerede, ohne Thora und ohne Gottesfurcht" seien, als Musterreden bezeichnet. Daß die Zeit vorüber ist, wo man das im Judenthum allgemein glaubte, darf uns über dies Verdammungsurtheil trösten. Sie fragen nun.- Wozu diese breite Charakteristik eines einzelnen Mannes? Ja, gerade diese erscheint mniehhr 'wichtig, weil Ezechiel Landau ein Typus seiner Zeit, d. i. der jüng-

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