Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1889)
- Date
- 1889-02-28
- Page
- Seite 137 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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137 dankenlose Nachahmung des Musters der Allen unserer Predigtweise zuführt. Ich habe in meinem ersten Briefe davon gesprochen, daß die Alten den Witz an Stelle der Belehrung als Aufgabe der Predigt betrachteten. Und glauben nicht heute noch viele Prediger, daß dem Text durchaus ein Sinn abgewonnen werden müsse, der nicht in ihm liegt? Sehen Sie nicht häufig das knechtische Festhalten am Thora-Abschnitt der Woche selbst bei Casual-Predigten, als gäbe es außerhalb desselben kein Gotteswort? Ich will nicht schlecht davon denken, wenn Jemand, obwohl das heutzutage leider nicht der Fall ist, voraussetzt, daß der Geist seiner Zuhörer mit der laufenden Sidra derart beschäftigt ist, daß er nur von dort sein Thema zu holen braucht, um eine verwandte Saite in ihrem Herzen ertönen zu lassen. Im Gegentheil, ich halte es sogar für gerathen, um die Predigt zu einem liturgischen Moment zu machen, vorausgesetzt, daß er sonst dem Text nicht unnöthigen Zwang anthut. Aber, wenn Jemand eine Trauerrede aus den Tod des österreichischen Kronprinzen mit den Worten: „Ihr sollt eine Lade aus Akazienholz machen" (2. Mos. 25, 10) beginnt, um fortzufahren: „Wir haben auch eine Lade, einen ihn gemacht, in welchen wir das Zeugniß unserer dynastischen Treue niedergelegt haben", so ist dieser Gallimathias, den ein, mit verschiedenen „äußeren Vorzügen" begabter Prediger verbrochen hat, nur zu begreifen, wenn man an das anekdotenhaft verbreitete Geschichtchen von der Grabrede denkt, die David Levi (Verfasser des ■mta) an der Bahre seiner ersten Frau, der Tochter des Krakauer Rabbiners Joöl Särkes, gehalten haben soll. Sie hatte zum Text das Schriftwort (2. Kön.): „Gedenket dieser Verruchten und begrabet sie, denn sie ist eine Königstochter", wobei der Redner ausführt, daß unter „dieser Verruchten" die Erde verstanden sei, die nach der Sünde des ersten Menschenpaares von Gott verflucht wurde, und nur dieser allgemeine Fluch mache es erklärlich, daß diese so sündenreine Dahingeschiedene die Tockter eines Königs im Reiche des Geistes, in so jungen Jahren hinweggerafft worden sei. Darum denket an diesen Fluch und begrabet sie. Die Sage erzählt weiter, daß Joöl Särkes seinem Schwiegersöhne eine zweite Tochter nicht mehr geben mochte, weil er meinte, dieser müsse sich auf diese „ausgezeichnete" Grabrede schon bei Lebzeiten der Frau vorbereitet haben. Ob das wahr ist, kann ich allerdings nicht wissen, aber, wenn es wahr ist, hat R. Joöl Recht gehabt, daß eine solche Blasphemie ihre Strafe verdiente. Diese Predigtweise ist übrigens, wenn Sie sich in der Literatur des 18. Jahrhunderts umschauen, die allgemeine, und, wenn Ihnen Jemand mit Bezug auf das in meinem letzten Briefe citirte Stück aus einer Predigt R. Jonathan Eybeschütz's, welches die astronomischen Kenntnisse Adam's gegen die Zweifel der Tossaphisten vertheidigt, gesagt hat, ich suche mit Vorliebe die Schwächen aus unserer alten, rabbinischen Literatur, so ist das eine Unwahrheit, denn, was ich citire, ist durchaus typisch für die ganze Gattung. Wenn Sie darau noch zweifeln sollten, nehmen Sie einmal die vor drei Jahren erschienene Predigtsammlung Ezechiel Landau's r£an zur Hand und Sie werden erst erfahren, wie groß der Fortschritt ist, den unsere Homiletik im letzten Jahrhundert gemacht hat. Dabei müssen Sie in Betracht ziehen, daß Landau sich selbst als ausgesprochenen Gegner Jonathan Eybeschütz's bekannte, daß also, wenn wir bei zwei einander so antipathischen Naturen eine in der Form verwandte Richtung antreffen, dieselbe gewiß als charakteristisches Bild jener Zeit ausgegeben werden darf. Ezechiel Landau beginnt eine Predigt zum Eingänge des Versöhnungstages, die nach der Vorschrift den Zweck haben soll, die Herzen zu rühren ma^n -myS mit einer jener Parabeln des Talmuds, welche an den Namen Rabba bar Chanas geknüpft sind, Ausgeburten einer abenteuerlichen Phantasie, welche aber gerade deswegen beliebte Themen der alten Prediger waren. (Fortsetzung folgt.) 'icpwae Deutschland. Berlin, 19. Februar. (Privatmitth.) Die Angelegenheit Stöcker's erhält jetzt offenbar eine höhere Bedeutung als bisher. Nachdem das Organ des Reichskanzlers, die „Nordd. Allg. Ztg.", wiederholt verlangt hat, daß nach Ab- Weisung der Stöcker'schen Klage durch das Consistorium, der evangelische Oberkirchenrath gegen Stöcker zu einer Disciplinaruntersuchung vorschreibe, muß es sich jetzt entscheiden, wer auf diesem Gebiete die Oberhand habe, der Reichskanzler oder diejenigen, auf welche sich Stöcker insgeheim stützt. Dadurch allein gewinnt die ganze Frage eine staatsrechtliche Bedeutung, da es uns und gewiß der Mehrzahl der preußischen Bürger sehr gleichgültig wäre, wie der Herr Hofprediger sich gegen den Pastor Witte benommen hat. Dergleichen Scenen spielten sich schon genug ab, so daß der Ausfall dieser letzte» nur einfach bestätigt hat, was man über Stöcker s