Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1889)
- Date
- 1889-02-28
- Page
- Seite 136 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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136 Lassen Sie mich auf die Gefahr hin, daß wieder Jemand sich getroffen fühlt, diesen Ausspruch an Beispielen erläutern. Ein Freund besucht mich und findet in meiner Bibliothek eine größere Anzahl moderner exegetischer Werke. Sie befassen sich mit Exegese, ruft er aus, ich meide dieses Studium, es birgt doch eine große Gefahr für den Glauben in sich. Jetzt frage ich Sie: Ist es nicht eine größere Gefahr für unser religiöses Leben, wenn wir meinen, die Ueberzeugung, daß das erste Buch Samuel aus zwei verschiedenen Quellenschriften bestehe, oder, daß die Weissagungen des Daniel zur Makkabäerzeit niedergeschrieben seien, oder, daß das Kri an vielen Stellen, sei es einen unnöthigen, sei es einen falschen Verbesserungsversuch des Textes darstelle, könne durch unser Nicht-daran-glauben-wollen aus der Welt geschafft werden? Woher kommt nun eine solche Meinung? Daher, daß man glaubt: Nachdem der Talmud meint (ich betone: meint und nicht lehrt), Samuel habe das nach seinem Namen benannte Buch niedergeschrieben, und ebenso meint, die Conjecturen oder Varianten, welche das Kri bietet, seien von dem Autor des Buches selbst niedergeschrieben, und nachdem unsere naiv-gläubigen Vorfahren diese literar-historischen Vermnthungen für alte Traditionen gehalten haben, müssen wir jeden Versuch eines Gegenbeweises für eine der Widerlegung gar nicht würdige Ketzerei halten. Und doch sagt der Talmud: „Seine Urtheilskraft gebrauchen, heißt den Aufbau des Heiligthums fördern" (Berachoth 33, a). Aber es ist ein leichteres Ding an den Talmud zu glauben, als ihn studiren und verstehen wollen. Wir müssen also gerade, um dem Geiste unserer alten Gesetzeslehrer gerecht zu werden, die überkommenen Anschauungen prüfend betrachten. Was unsere Gemeinden betrifft, so wird die Menge der Ungebildeten und Halbgebildeten, wie dies auch bei anderen Confessionen vorkommt, in dem Rabbiner den bezahlten Heuchler sehen; gebildete Leute aber werden vor dem Rabbiner um so mehr Achtung haben, je mehr sie sehen, daß seine religiöse Anschauung die Frucht reifen und geklärten Denkens ist. Wenn Sie nun sehen, daß die Mehrzahl auf Seiten der Verächter des Standes ist, so trösten Sie sich damit, daß es die von Gott eingesetzte Ordnung ist, daß die Träger der geistigen und sittlichen Ideale die Feuerprobe in dem Spotte der Weltkinder bestehen müssen, „denn um deinetwillen trage ich Schmach, bedeckt Schamröthe mein Angesicht." (Ps. 69, 8.) Ja! Noch heute gilt von uns das Wort des Psalmisten (16, 13): „Es schwatzen von mir, die im Thore sitzen, und Spottlieder singen beim Trinkgelage", aber ideales Streben ist von jeher den Utilitariern unverständlich geblieben und diese bilden einmal die Mehrheit. Solche Leute, die wissen, daß sie sich selbst nur von dem Vortheile des Augenblicks leiten lassen, werden auch bei andern kein anderes Motiv als das der Nützlichkeit gelten lassen. Das darf uns aber ebenso wenig beirren, wie es den Propheten Jecheskel beirrte, dem der Herr am Anfänge seiner Laufbahn sagt (2, 7): „Rede zu ihnen meine Worte, ob sie hören oder ob sie es unterlassen." Die denkfaule Menge nun hegt zumeist die Meinung, der Rabbiner müsse von rechtswegen auf dem Standpunkte stehen, den R. Moses Sofer in Preßburg eingenommen hat, als wäre dessen Anschauung die einzige, welche das Judenthum im Verlaufe seiner Geschichte herausgebildet hat. Und doch ist gerade eine solche Meinung eine gefährliche Heuchelei, denn sie verlangt, daß wir die geistigen Errungenschaften der Gegenwart einfach negiren und nach einem Ziele streben sollen, das unerreichbar ist. Wir sollen uns eine Gemeinde denken, die nicht mehr zu schaffen ist. Wir sind von der rabbinischen Generation der Vergangenheit getrennt durch die breite Kluft moderner Bildung, und dieser Gegensatz läßt sich nicht dadurch verdecken, daß man die Theologie des Judenthums als ganz außerhalb der allgemeinen Bildung stehend betrachtet. Unsere Gemeinden und deren religiöse Anschauungen sind andere geworden, daher muß auch der Rabbiner in feiner Richtung ein anderer sein, wenn er in der Gemeinde wirken will. Sie werden fragen: Ist es denn wirklich eine solche Gefahr, wenn man den Gegensatz zwischen „einst und jetzt" sich nicht deutlich macht, oder gar im Gegentheile ganz auf dem Boden der theologischen Anschauung des 18. Jahrhunderts zu stehen meint? Ich antworte: In ihren directen Zielen ist diese Anschauung nicht gefährlich, desto gefährlicher aber in ihren indirecten Folgen. Ich fürchte nicht, daß es jemals der ausgesprochenen Orthodoxie gelingen könnte, die Zeit herbeizuführen, wo man wieder die Frage untersuchen wird, ob man in England, dessen Küste doch sicherlich an allen Stellen zehn Fäuste hoch ist, nicht am Sabbath tragen dürfe, oder, daß das bekannte Erbauungsbuch rüwn an die Stelle der „Gartenlaube" treten werde; aber die Gefahr liegt darin, daß derjenige, der sich solchen Illusionen hingiebt, deren volle Consequenzen er nicht durchdenkt, gegen seine eigentlichen Aufgaben blind wird. So sehen Sie häufig Leute in Fragen der religiösen Praxis einseitig den Standpunkt des Paragraphen hervorkehren, wo es sich um Gesichtspunkte des religiösen Gefühls handelt. Da kommt z. B. ein Herr mit orthodoxen Neigungen, dem das frühe Aufstehen unbequem ist, und sagt: das Kaddisch der Waisen ist nach R. Moses Jsserles ein bloßer Minhag, als ob für uns maßgebend sein könnte, was Moses Jsserles als nöthig und überflüssig erklärt, als ob es nicht viel wesentlicher wäre, daß in der frommen Erfüllung einer Pflicht gegen das Andenken verstorbener Eltern ein bedeutendes Mittel zur Kräftigung des Gemeindelebens liegt. Sehen Sie sich weiter um, welchen Schaden diese ge-