Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1889)
- Date
- 1889-02-28
- Page
- Seite 138 (sequence 10)
- Language
- German
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138 schon lange meint. — Die „Norddeutsche" bringt heute wieder eine officiöse Auslassung, die sich mit Herrn Stöcker beschäftigt und für den, der zu lesen versieht, deutlich erkennen läßt, daß man an sehr einflußreicher Stelle eine Disciplinaruntersuchung gegen ihn wünscht. Sie lautet: Viele Zeitungen, auch die dem Hofprediger Hrn. Stöcker nahestehenden Blätter, befassen sich in den letzten Tagen in sehr breiter Ausführung und je nach dem Parteistandpunkt in merkbarer Absichtlichkeit mit dem Fall Stöcker-Witte, wobei sie aus dem Stöcker'schen Blatte „Volk" zum angeblichen Beweise, daß Herr Pfarrer Witte die volle Oeffenllichkeit selbst nicht wünschte, einen dritten Brief Herrn Stöcker's an Herrn Witte abdrucken. Die Frage hat nach einer Richtung hin bereits durch das Consistorium eine jeden Zweifel ausschließende Entscheidung gefunden. Hätte Pastor Witte — sit venia verbo — gelogen, so würde das königliche Consistorium ebenso zweifellos eine genügende Veranlassung zum disciplinarischen Einschreiten gefunden haben. Bekanntlich ist das nicht der Fall gewesen. Ist nun aber voraussichtlich, daß die Angelegenheit noch andere Instanzen, zunächst den evangelischen Oberkirchenrath, zu beschäftigen haben wird, so scheint es schon aus den einfachsten Schicklichkeitsrücksichten geboten, in der Erörterung des Falles sich Zurückhaltung aufzuerlegen. So verlockend es auch wäre, auf die von den verschiedensten Motiven eingegebenen Verdunkelungsversuche in den Zeitungen an der Hand des so reichhaltig vorliegenden thatsächlichen Materials näher einzugehen, so glauben wir einer gerechten Forderung der Sache am besten zu dienen, wenn wir uns vorerst darauf beschränken, die Thatsache jenes Preßlärms einfach zu constatiren. Leipzig, 14. Februar. Der soeben herausgegebenen neuesten Nummer der „Antisem. Corresp." entnehmen wir, daß in der Pfingstwoche d. I., nämlich am 10. und 11. Juni, in Bochum ein allgemeiner deutscher Antisemitentag abgehalten werden fall, an welchem sich auch „hervorragende Antisemiten des Auslandes" als Ehrengäste betheiligen werden. Für den 10. Juni werden socialpolitische Vorträge verschiedener hervorragender Redner des In- und Auslandes angekündigt. Die eigentlichen Berathungen des Antisemitentages erstrecken sich auf die Aufstellung eines gemeinsamen Programmes für alle Antisemiten Deutschlands, sowie die Entscheidung der Frage, ob die antisemitische Partei einen anderen Namen wählen soll oder nicht. Außerdem soll die Wahl eines Schiedsgerichts zur Schlichtung von Streitigkeiten unter den Parteigenossen vorgenommen werden. Dieser letztere Punkt der Tagesordnung wirft ein interessantes Schlaglicht auf die ganze antisemitische Partei und den „friedfertigen" Sinn, der unter den Mitgliedern derselben vorwaltet. Oesterreich-Ungarn. Wien, 18. Februar. An der heutigen, vom Gewerbeausschusse veranstalteten Enqutzte wegen Ueberweisung der Reserveantheile der Krankencassen nahmen die der Linken angehörigen Ausschußmitglieder nicht Theil, weil der Obmann, Graf Belcredi, eigenmächtig den bekannten antisemitischen Agitator, Mechaniker Schneider, als Experten einberufen hatte. Die Abgeordneten der Linken erklärten, daß sie mit Schneider nicht in einem Saale sitzen wollten. Wien, 19. Febr. Im Gemeinderath der Stadt Wien beantragte heute der Antisemit Vetter, „mit Rücksicht darauf, daß die ganze liberale Welt sich zur Feier des hundertjährigen Jubiläums der französischen Revolution vorbereitet, möge in Wien eine Gegenfeier, und zwar eine „Feier der vereinigten Christen" veranstaltet werden; der Gemeinderath möge decretiren, daß diese Feier im Rathhause zu Wien stattzufinden habe. Bezeichnend für die Parteiverhältnisse im Gemeinderath ist, daß ein aus der Mitte der liberalen Mehrheit hervorgegangener Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung über den Betterichen Antrag abgelehnt und der Antrag einem Ausschuß zur Berathung überwiesen wurde. Frankreich. Paris, 15. Februar. (Privatmitth.) Bei der Verhandlung in der Deputirtenkammer über die Beschränkung der Frauen- und Kinderarbeit in den Fabriken kam es noch zu einer lebhaften Debatte über den Paragraphen, welcher bestimmt, daß an einem Tage der Woche die Frauen und Kinder garnicht arbeiten dürfen. Der Bischoff Freppel und mit ihm einige Deputirten der Rechten verlangten, daß der Sonntag als dieser Ruhetag bezeichnet werde. Die Gegner beriefen sich besonders darauf, daß dann die jüdischen Arbeiter zwei Tage der Woche zu feiern hätten, worauf Freppel antwortete, daß man ja den Fall der jüdischen Arbeiter mit einer Ausnahmebestimmung bedenken könne. Hierbei behauptete er, daß bei 759,000 Juden in Frankreich verhältniß» mäßig nur wenige jüdische Arbeiter vorhanden seien. Für beide Angaben wurde er nachdrücklich zurechtgewiesen — und zwar nicht von jüdischen Deputirten, die, an der Zahl vier, bei solchen, ihre Glaubensgenossen betreffenden Zischenfällen stets schweigen. Die 759,000 französischen Juden bestehen nur in der extravaganten Phantasie von Drnmont und Consoiten und beschränken sich in Wirklichkeit, nachdem Elsaß- Lothringen Frankreich nicht mehr zugehört, auf 52,000, wovon 12,000 in den Provinzen leben. Herr Freppel folgte also hierin allzuleicht der Fahne Drumonts und ebenso in der Behauptung von der geringen Zahl jüdischer Arbeiter. Hierin