Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1889)
- Date
- 1889-02-28
- Page
- Seite 135 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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135 in Ihr Herz Eingang gefunden haben. Ja, ich wiederhole die Worte, welche Sie in Ihrem Antwortschreiben gebrauchen, die Worte des Waffengefährten im Kampfe Gottes (1. Sam. 14, 7): „Hier hast du mich zum Gesellen nach deinem Herzen." Ich wußte wohl, daß Ihr Unmuth wieder schwinden werde, so wie er sich auch nach jeder unangenehmen Erfahrung von Neuem einstellen wird; denn, wem bliebe in seinem idealen Streben die Enttäuschung erspart, daß er nach erfolgloser Arbeit für Gottes Reich die Mächte der eiteln Welt triumphiren sähe und mit dem Propheten Eliah (1. Kön. 19, 4) sich versucht fühlte, auszurufen: „Jetzt ist's zu viel, o Herr, nimm mein Leben, denn ich bin nichts Besseres, als meine Vorfahren." Das sind Momente, welche vorübergehen, und Sie werden, wenn Sie sich beruhigt haben, wieder die Stimme Gottes hören, der Ihnen neue Aufgaben stellt. Denken Sie an unfern alten Rabbi Tarphon, der, in einer Zeit schwerer religiöser Kämpfe lebend, uns ermahnt (Aboth 2, 16): „Wenn es auch nicht deine Sache sein kann, das Werk zu vollenden, so bist du doch nicht berechtigt, dich davon loszusagen." Auf Ihre Fragen und Zweifel, welche Sie über Einzelnes in meinem ersten Briefe äußern, will ich im Folgenden näher eingehen, um vorher mich über den wichtigsten Punkt mit Ihnen auseinanderzusetzen. Ein Freund glaubt aus einer Schilderung von Verirrungen, die ich an zeitgenössische» Erscheinungen zu tadeln finde, bestimmte Persönlichkeiten herauslesen zu können. Ich betheuere, daß mir so Etwas ferne gelegen hat. Wenn ich über vorhandene Uebelstände spreche, so muß ich freilich zunächst meine persönlichen Erfahrungen zuhilfe nehmen. Da kann es denn leicht Vorkommen, daß der Eine oder der Andere sich von meinen Worten derart getroffen fühlt, wie mir auf meinen letzten Aufsatz in Nr. 44 der „Allg. Ztg. d. Judth.", in welcher ich unter Anderem die verschiedensten Mängel an unseren Religionslehrern besprach, die vereinigt niemals an einem einzigen Individuum Vorkommen, ein Aufschrei persönlicher Gereiztheit zugeschickt wurde, dessen Urheber sich das Briefporto hätte sparen können. Wären solche Uebelstände nur vereinzelt, dann gehörten sie nicht vor die Oeffentlichkeit, dadurch aber, daß sie typisch sind, hat die Journalistik die Pflicht, ihre warnende Stimme dagegen zu erheben. Ich selbst aber habe in meiner literarischen Thätigkeit mich immer von dem in den Schulchan Aruch (Joreh Deah K. 334, 19) anfgenommenen Aussprnche des Talmud (Jeruscholmi, Moöd Katon, Perek III.) leiten laffen: Ein Bann, aus persönlichen Gründen ausgesprochen, ist selbst, wenn er berechtigt wäre, ungiltig, was Israel Jsserlein aus Marburg (15. Th.) so schön erklärt, indem er sagt: „Wer gegen die Fehler eines Andern auftritt, sei es aus Gewinnsucht, wie R. Elieser ben Joöl ha-levi erklären will, oder aus Rachsucht und Haß gegen einen Feind, welchen er demüthigen möchte, was ja auch ein Eigennutz ist, fällt unter diesen Satz, dessen Sinn ist, daß derjenige, welcher ein hartes Urtheil über Jemand ausspricht, es nur aus sachlichen Gründen (tcs? 22^) zur Bertheidigung der Lehre Gottes und ihrer Erforscher, nicht aber aus einem, wie immer gearteten persönlichem Motive ausspreche." (72'” nor.n n":») Nr. 274. Sie sehen, mein lieber Freund, es fällt mir auch nicht im Entferntesten ein, zu leugnen, daß wir in den Schriften unserer alten Halachisten ernste, sittlich fromme Anschauungen finden. Ganz besonders möchte ich Ihnen das Werk des R. Jsserlein empfehlen, weil dieser Mann erleuchtete religiöse Anschauungen hat und auch den Talmud nicht nach der dialektischen Schablone, sondern nach seinem tieferen geistigen Gehalt handhabt. Wenn ich aber doch die einzelnen Schwächen aus den Werken unsrer alten Rabbinen hervorsuche, so geschieht das in der Ueberzeugung, daß wir dieselben nur dann achten, wenn wir sie richtig würdigen, und daß wir sie nur dann richtig würdigen, wenn wir ihre Schwächen nicht bemänteln. Thun wir aber das Letztere, so liefern wir uns entweder unfern Feinden aus, welche jede Schwäche in unserem Schriftthum gierig auffangen, um sie als charakteristisches Bild der religiösen Anschauungen des Judenthums auszuschreien, oder wir müssen uns der stumpfsinnigen, mystischen Gläubigkeit hingeben, welche im Lager der Chassidim herrscht. Diese kritische Betrachtung der rabbinischen Lehre hat schon zur talmudischen Zeit bestanden, denn der Talmud erzählt von einem Jünger, der die Hagada bespöttelte, welche meldet, daß die Bäume in Palästina in der messianischen Zeit süßes Backwerk und milesische Zeuge (n^o 'bzi m.vpD^;) tragen werden (Sabb. 30, d), und zu Maimonioes' Zeiten war sie so verbreitet, daß er (Einleitung zum Mischnah-Commentar des 11. Kap. Synhedrin) ihre Anhänger als eine mächtige Partei schildert, deren Richtung er — und das ist gewiß sehr bedeutsam — sür minder bedenklich hält, als diejenige, welche Alles im Talmud wörtlich glaubt. Wir aber haben die Pflicht uns klar zu machen, d a ß alle religiösen Schriften, vom Talmud angesangen , für uns nur historischen und nicht normativen Werth haben. Sie werden fragen: Warum müssen wir das betonen, was alle Denkenden ohnehin wissen, während es die gedankenlose Menge scheu machen kann? Ich antworte Ihnen: Wir müssen es sür uns selber wissen, damit wir nicht auch unter die Duselköpfe gerathen, welche meinen, Religion besiehe in völliger geistiger Unterwerfung unter eine willkürliche Dogmatik, und wir müssen es für unsere Gemeinden wissen, damit wir jene niedrige Denkart ausrotten, welche meint, der Rabbiner müsse glaube», weil das sein Standesinteresse erfordert.