Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1888)
- Date
- 1888-09-13
- Page
- Seite 579 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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579 der Eltern sich der Theologie zu widmen beschlossen. Ich habe häufiger abgerathen als zugeredet. Dem Einen rieth ich ab, weil ihm die nöthigen fachlichen Vorkenntnisse fehlten, welche, wie die Sache nun einmal liegt, zum Studium der jüdischen Theologie mitgebracht werden müssen; einem Andern wieder rieth ich ab, weil ich erkannte, daß er bei dem Mangel an jeder Schulbildung in vorgerückten Jünglingsjahren die große Zahl der Dilettanten vermehren würde, die unserem Stande durchaus nicht zur Zierde gereichen, und wieder einem Andern, der sich mit ganzer Seele dem Berufe eines jüdischen Seelsorgers gewidmet hätte, auch Fähigkeiten und Kenntnisse besaß, mußte ich deshalb abreden, weil seine körperliche Erscheinung in einem Stande, wo es sehr häufig auf das Urtheil der Frauen, wie auf den Eindruck, den das erste Auftreten des Menschen macht, ankommt, sehr hinderlich für sein Fortkommen gewesen wäre. Ihnen, mein lieber Freund, habe ich, während Sie Gymnasiast waren, immer zugeredet, sich der jüdischen Theologie zu widmen, weil ich an Ihnen jenen Wissenstrieb, jenen Wahrheitsdrang erkannte, welcher nach den Worten des Talmuds mpyo T^pr,^ “nD^nn die erste Vorbedingung zu der religiösen Festtigkeit ist, deren der religiöse Führer der Gemeinde für sich bedarf. Ich habe gehofft, nach meinen schwachen Kräften, mit Ihnen den Erfolg erzielen zu können, welchen der Prophet Jesaja in einer traurigen Zeit uns vorzeichnet in den tröstlichen Worten: „Bewahre das Zeugniß, besiegle die Lehre unter meinen Schülern, daß ich hoffe auf den Herrn, der abwendet sein Angesicht von dem Hause Jakobs und auf ihn harrt." Darum, mein lieber Freund, ermahne ich Sie auch heute wieder, harren Sie aus! Sie wissen im Augenblicke nicht, wie es Ihnen möglich sein wird, ein Amt in Ehren zu bekleiden, dessen Pflichten scheinbar solche sind, deren Verwirklichung von vornherein undurchsetzbar ist. Sie sagen sich: Wie soll ich eine Stelle als religiöser Leiter der Gemeinde annehmen, wenn diese Gemeinde nach der Religion selbst nicht viel fragt? Zu meinem Bedauern sehe ich Sie von jener irrigen Meinung erfüllt, von der ein großer Theil unserer Candidaten zum Schaden ihrer amtlichen Wirksamkeit beim Eintritte in die Praxis erfüllt ist. Die Herren meinen, Predigt und Jugendunterricht seien nur lästige Beigaben des rabbinischen Amtes, dessen wichtigste Pflicht in der Erforschung dessen liege, was Sabbatai Kohen über schwierige Fälle von Vermischung des Fleisch- und Milchgeschirres lehrt. Dieselben lieben es, daraus zu verweisen, daß keine Religionsschnle es vermocht habe, ihre Schülerinnen zur Enthaltung von verbotenen Speisen zu erziehen. Ja, ich kannte so einen Herrn, der beim Gespräche über die Vorzüge einer im jugendlichen Alter verstorbenen frommen Frau nichts Wichtigeres zu fragen hatte, als, ob sie sich auch selbst das Fleisch vom Fleischer geholt habe. Hingegen meine ich, daß es noch sehr fraglich ist, oder vielmehr gar nicht in Frage steht, daß die rabbinische Praxis der alten Zeit uns alle Gemüther gebildeter Menschen entfremdet hätte, wenn nicht der gesunde Sinn derjenigen Männer, welche dem Judenthum eine andere Richtung gaben, auch die Orthodoxen gezwungen hätte, ihre seelsorgerische Aufgabe auch außerhalb der Aufsicht über die Ritualien zu suchen. Es ist eine einseitige, von böser Absicht eingegebene, und darum auch falsche Anschauung von dem modernen Judenthum, wenn man sagt, es habe keine Erfolge erzielt. Vergegenwärtigen Sie sich einmal die Familien, deren Kinder die Neligionsschule einer großen Stadt besuchen. Trachten Sie darnach zu erfahren, welche Eindrücke dieselben von dem Unterrichte davon tragen, und Sie werden erfahren, daß es eine das religiöse Gefühl rettende That ist, wenn sie in der Schule lernen: Das Judenthum hat zuerst den Satz der allgemeinen Menschenliebe aufgestellt, oder das Judenthum lehrt die stete Entwicklung der Menschheit zu dem Endziele allgemeiner Menschenliebe und Rechtsachtung, wie es die Propheten Jesaja und Micha in il)reu messiauischeu Weissagungen anfstellen. Beobachten Sie die dauernde Wirkung der Lehre von der Endlichkeit alles Nebels, wenn Sie die Schüler Hinweisen auf die Worte Hiob's: „Sieh', Gott verläßt nicht den Unschuldigen und stützet nicht die Hand der Nebelthäter." Lassen Sie sich von erfahrenen Männern erzählen, wie viel sittliche Kräftigung sie aus dem Satze geschöpft haben: „Wenn dein Feind fällt, freue dich nicht, und wenn er strauchelt, soll dein Herz nicht jubeln", wie sie gegenüber unverdienter Bosheit ihre Selbstbeherrschung gefunden haben durch den talmudischen Spruch: „Sei immer Lieber ein Beleidigter als ein Beleidiger." Dann denken Sie sich, daß Sie durch Ihr Amt die Pflicht haben, diese Lehren zu verbreiten, und halten Sie dem entgegen die seelsorgerische Thätigkeit aus der alten Zeit, wo der Rabbiner sich auf die Kanzel stellte, um zur Beobachtung von rmDB' nso anzuseuern, oder über das Tragen eines Regenschirmes am Sabbath bittere Thänen vergoß, wie etwa R. Ezechiel Landau sich selbst nachrühmt, er habe von der Kanzel herab diese Sünde gegeißelt und seinen schaudernden Zuhörern bewiesen, daß die Strafe der Steinigung auf diesem Verbrechen stehe. Sie sagen mir nun: Hat der moderne Religionsunterricht den Abfall vom Jndenthum verhindern können? In vielen Fällen allerdings. Wie wäre es geworden, wenn die moderne Generation von der Religion nichts Anderes erfahren hätte, wie das am Sabbath Verbotene und Erlaubte, oder wenn unsere Predigt nichts enthielte als Strafreden über die Bernachlässigung der rabbinischen Gebote. Denken Sie sich einen Prediger, der heute an einem Festtage das Publikum darüber zurechtweisen wollte, daß man gegen das rabbinische Gebot die Spreu ans den Hülsenfrüchlcn lese, 37*