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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-09-13 · Heft 37 (13.9.1888) · p. Seite 580

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 37 (13.9.1888)
Date
1888-09-13
Page
Seite 580 (sequence 4)
Language
German
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580 statt umgekehrt, und wenn er mit dieser Sünde das Sterben junger Leute oder das Auftreten einer Epidemie erklärte. Könnte er noch die Feier der hohen Feste so würdig erhalten, wie sie selbst in den fortgeschrittensten Gemeinden besteht? Oder lassen Sie sich erzählen, wie noch vor wenigen Jahrzehnten ein Rabbiner in einer Gemeinde meines Heimathlandes predigte: Wie ich ein junger Bursch war, haben wir auch getanzt: Hopsasa, hopsasa, aber wie haben wir getanzt? Jungen mit Jungen und „Maden" mit „Maden". Heute aber, du lieber Gott, tanzen Jungen mit Maden und Maden mit Jungen. Dann fing er an den Vergleich zwischen dem jetzigen Geschlechte und dem der Sintfluth zu ziehen, welcher natürlich zu Ungunsten des ersteren ausfiel. Was ich Ihnen erzähle, sind buchstäblich wahre Thatsachen. Nun denken Sie sich, mein liebere Freund, welche Wirkung eine derartige seelsorgerische Thätigkeit auf unsere Gemeinden ausüben müßte und fragen Sie sich, ob die Thätigkeit eines modernen Rabbiners nicht doch eine segensreiche ist, wenn er in Predigt und Unterricht die Ideen des Judenthums verbreitet. Nun wenden Sie freilich ein: Die Gemeinde will durch die Predigt nicht belehrt, sondern unterhalten sein, sie läßt auch die Predigt nicht auf ihr sittliches, sondern auf ihr ästhetisches Gefühl wirken, sie geht auch zur Predigt nicht mit dem Bedürfnisse nach Erbauung, sondern mit derselben Lust an Kritik, mit welcher man zur ersten Ausführung eines Stückes ins Theater geht. Hierin muß ich Ihnen leider Recht geben, aber wer trägt an diesen Mißständen die Schuld? Wer anders, als unsere alten Darschanim? Hat man nicht das Publikum daran gewöhnt, eine Kette erkünstelter Schrift- und Talmudauslegungen für eine gute Predigt zu halten? Hat nicht etwa Jonathan Eibeschütz beweisen wollen, daß Adam das Copernicanische System gekannt habe, und thut er nicht entrüstet darüber, daß R. Jakob Tam zur Erklärung der Talmudstelle, welche erzählt, daß Adam beim Herannahen der kürzeren Tage den Weltuntergang gefürchtet habe, annimmt, Adam habe in Folge der Sünde die ihm angeborenen astronomischen Kenntnisse vergessen? Denken Sie sich, R. Jonathan Eibeschütz hätte in der Weise, wie die alten Legenden von den sieben Schläfern erzählen, ein Jahrhundert verschlafen und nun erwachte er und träte in seine alle Synagoge, die bis auf das Publikum unverändert geblieben wäre, und jetzt tritt er auf die Kanzel, e n mittelgroßer Mann, vorgebeugt, die hohe Zobelmütze auf dem Kopfe, den Tallis darüber gezogen, und nun beginnt er in seinem polnischen, mit jüdisch-deutsch gemischtem Jargon die Frage zu erörtern, warum denn Adam gefürchtet habe, mit dem Herannahen der kurzen Tage müsse eine ewige Nacht hereinbrechen, da er (Adam) doch nach den Erzählungen des Midrasch den Neumond bestimmt habe und folglich doch von der Astronomie so viel wissen mußte, um einzusehen, daß nach der Sonnenwende die Tage wieder zunehmen würden. Nachdem nun der Rabbi durch allerlei seitwärts liegende Erörterungen sein Publicum so ungeduldig wie möglich gemacht hat, giebt er endlich die Lösung dahin, daß das Paradies am Aequator gelegen sei; Adam also habe an der Ungleichheit der Tage gemerkt, daß er nach der Sünde weiter gegen Norden gedrängt worden sei, er habe daher bei der steten Abnahme des Tages fürchten müssen, immer mehr nach Norden bis in die Region der sechsmonatlichen Nacht gedrängt zu werden, bis ihn endlich der Tag der Sonnenwende aus seinen bangen Zweifeln erlöste; jetzt denken Sie sich, welche Gefühle sich der Zuhörerschaft bemächtigen würden, und fragen Sie sich, ob es nicht eine nutzbringende seelsorgerische Thätigkeit ist, wenn der heutige Rabbiner ein Publikum von gebildeten Leuten, Männern und Frauen, soweit fesseln kann, daß sie der Erörterung religiöser Fragen ihre Aufmerksamkeit schenken. Noch eins! Es ist die Meinung verbreitet, als sei die freiere Auffassung des Judenthums eine Anbahnung des Abfalls. Nichts kann falscher sein. Alle Proselyten von Nikolaus de Lyra an bis auf Justus-Brimanus, welche aus der Verunglimpfung des Judenthums ein Geschäft gemacht haben, sind ans dem Lager der strenggläubigen, rabbinisch gebildeten Schule hervorgegangen. Johann Pfefferkorn hat ebenso wenig wie Abner - Alfonso von einem Reformjudenthum gewußt. Hingegen beweisen die geifernden Angriffe, welche katholische und protestanische Mucker fortwährend gegen das sogenannte Reformjudenthum erheben, daß dieses mit seinem Bestreben, gebildete Menschen mit dem religiösen Jdeengang des Judenthums auszusöhnen, den Seelenjägern beider Confessionen sehr unbequem wird. Wenn Sie also sagen: Eine rabbinische Praxis in der Richtung der alten Zeit kann ich nicht üben und in der j modernen Richtung ist sie nicht ersprießlich, so ist ein solches j Dilemma nicht nöthig. Sie können sich nicht in die Lage j versetzen, daß Sie die Entscheidung über die Stürze eines Milchgefäßes, mit welcher man einen Topf siedender Suppe; zugedeckt hat, mit solchem Ernst? abgeben sollten, daß Sie! fragen müßten, wie lange hat man die Stürze nicht gebraucht; war die Temperatur der Suppe eine solche, daß! man sich die Hand darin hätte verbrühen können, oder daß!Sie endlich ausmessen sollten, ob das Volumen des hohlen Knopfes auf der Stürze in jenem des Topfes 366mal enthalten sei? Das braucht Ihnen keine Sorge zu machen. Wenn Sie thatsächlich in die Lage kommen sollten, eine derartige Entscheidung in rituellen Dingen abzugeben> werden Sie es, ohne Ihr Gewissen zu beschweren, so einrichten können, daß Sie nur verhüten, dem frommen Gemüthe Anstoß zu geben, hingegen wird amtliche Erfahrung Sie lehren, daß trotz aller bestehenden, nicht von uns geschaffenen Mißstände,

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