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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-03-22 · Heft 12 (22.3.1888) · p. Seite 183

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 12 (22.3.1888)
Date
1888-03-22
Page
Seite 183 (sequence 7)
Language
German
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183 fiuttt für zukünftige Rabbiner errichtet, würden sich unzählige Schüler herandrängen, deren Eltern auf diese Weise am leichtesten für die Zukunft ihrer Kinder sorgen zu können meinen. Wenn ich aber alle diese Schwierigkeiten übersehe und überdies meinen würde, daß die Erwerbung der nöthigen Kenntnisse es bedinge, denselben Weg für die Vorbildung unserer Theologen einzuschlagen, welchen die katholische Kirche im Princip als nöthig erkennt, in der Praxis aber — und das will bei den ungeheuren Mitteln, welche ihr zu Gebote stehen, gewiß viel bedeuten — aufzugeben sich gezwungen sieht, so müssen wir lieber aus gründliche theologische Bildung bei unfern Rabbinern verzichten, als daß wir sie von früher Jugend an den Bedürfnissen der Gemeinde entfremden wollten. Es ist aber eine durchaus irrige Meinung, daß es dem Rabbiner nothwendig sei, sich von seinem Knabenalter an mehr oder minder ausschließlich mit der rabbinischen Literatur zu befassen, wie etwa die alten Rabbiner von ihrem wifsensseindlichen Standpuncte aus glauben mochten. In diesem Sinn hat der im Jahre 1829 verstorbene mährische Landesrabbiner Marcus Benedict ein Gutachten an die Staatsbehörde abgegeben. In demselben Sinne hat sich noch vor wenigen Jahren der Oberrabbiner von Preßburg in einer Audienz ausgesprochen, weil das ungarische Ministerium verlangt hat, ein Rabbiner müsse das llntergymnasium absolvirt haben, worin dieser Herr natürlich den Untergang des Judenthums erblickte. Diese Herren gehen und gingen übrigens i weniger von wissenschaftlichen als von dogmatischen Ueber-! Zeugungen aus, weil sie fürchten, Beschäftigung mit Welt-' lichen Wissenschaften werde den Theologen an der Wahrheit der Religion irre machen. Solche Anschauungen werden von; keinem gebildeten Menschen, ja von keiner Gemeinde Deutschl lands und Oesterreichs (Galizien ausgeschlossen), nicht einmal; von den Orthodoxen getheilt. Ich will aber unternehmen, uachznweisen, daß die Trennung der zukünftigen Rabbiner von anderen Schülern auch aus wissenschaftlichen Gründen nicht nöthig ist. Dazu glaube ich eine gewisse Berechtigung zu besitzen, denn ich bin, obwohl zur jüngeren Generation gehörend, doch, was meine erste theologische Ansbildung De* trifft, ganz in alter Weise unterrichtet worden, da ich mit sechs Jahren das erste Capitel aus der Mischnah lernte, mit acht Jahren in den Talmud eingesührt wurde und endlich mit zwölf Jahren — woran ich noch heute mit einem gewissen Schauder denke — die erste Anleitung zur Kenntniß des geltenden! Ritualgesetzes durch Josef Karos Commentar zum Tur Orach j ^-hajirn erhielt. Somit weiß ich einigermaßen, was die alte j Methode theologischer Vorbildung zu leisten vermochte. Anderseits habe ich als Lehrer und Organisator des Proseminars in Brünn Erfahrungen gesammelt, wie man bei richtigem methodischem Vorgänge und bei streng wissenschaftlicher; j Systematik Erfolge erzielen kann, die hinter denen der alten Zeit nicht zurückstehen. Dabei setze ich als selbstverständlich voraus, daß man das Eins und Alles des heutigen Theologen nicht darin suche, daß er das für und wider in der Frage kenne, ob einer Frau mit plombirten Zähnen ein Tauchbad nütze. Wir dürfen nicht vergessen, daß die vielgerühmten Gelehrten der alten Zeit die Bibel nur mechanisch kannten und von ihrer Erklärung ganz absonderliche Begriffe hatten. Ich will nur zum Beweise dessen die Erklärungen Eliah Wilnas zu Jesaias citiren, wo dieser Mann, der zur Zeit der größten Ausbreitung des Talmudstudiums als eine Autorität ersten Ranges angesehen wurde, Erklärungen zürn besten giebt, die ein Hohn ans jede vernünftige Schrift-Aus" legung sind. So zum Beispiel (Jes. 5, 14): „Darum erweitert die Unterwelt ihre Gier und sperrt auf ihren Rachen ohne Maß", steht nach Eliahs Meinung in Zusammenhänge mit Vers 11, wo es heißt: „Wehe denen, die früh aussiebend dem Meth nachjagen, lange zögernd des Abends vom Wein sich entzünden lassen". Des Morgens, meint Eliah, trinken sie das starke Getränk -y#, um sich rasch trunken zu machen, darum ist die Strafe, daß auch die Hölle erweitert ihre Gier. Des Abends trinken sie den schwächern Wein V', um desto mehr zu vertragen, darum sperrt auf die Unterwelt ihren Rachen ohne Maß. Es fehlt eben jener Generation, welche in der Schule talmudischer Dialectik heran gebildet wurde, der Sinn für das Natürliche, und, was für das Verständnis der Bibel die wesentlichste Vorbedingung ist, jede sprachliche Schulung. Man lese nur, was Ezechiel Landau an Unkenntniß der hebräischen Sprache leistet, wenn er '2 '*d nAx mV, wo er sich rühmt, niemals auch nur die Grundelemente der Grammatik gelernt zu haben, das talm. nd\3 und das bi bl. (Esra 4, 8) von ableitet. Die Unkenntniß der Bibel, welche die alten Gelehrten aufweisen, wird noch übertroffen von ihrem Mangel an geschichtlichem Verständnisse, denn es gehört zum Wesen der Dialectik, alle geschichtlichen Unterschiede zu verwischen, da sie für alle Zeiten dieselben Voraussetzungen annimmt. Eine Entwicklung des Gesetzes wird gar nicht in Betracht gezogen, so kommt es, daß noch vor Kurzem der „Israelit" ein entrüstetes! zu der Nachricht setzte, daß Dv. Hofmann über Entstehung der Mischnah gesprochen habe. Es scheint demnach, daß diese Herren noch heute meinen, die Mischnah sei Moses offenbart worden, und Mose habe etwa dem Josua den Ausspruch R. Gamaliels mitgetheilt: mir gefällt die Anschauung Admons besser als die seines Gegners. (Kethuboth 13, 3.) Selbstverständlich hat er ihm auch gesagt, Weiber sind genäschig und haben die Natur ihren Nachbarinnen in den Topf gucken zu müssen (Toharoth 7, 9). Die Kenntniß der Religionsphilosophie, als der eigent-

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