Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 45 (2.11.1886)
- Date
- 1886-11-02
- Page
- Seite 715 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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715 Wirkung der Dekorirung politischer und sozialer Programmpunkte mit kirchlichen Tendenzen einen sicherlich schätzbaren Anhalt. Bekanntlich gab die von dem jetzigen Anarchistenführer, damaligen sozialdemokratischen Agitator Hans Most betriebene Agitation auf einen Massenaustritt aus der Landeskirche Herrn Hofprediger Stöcker den ersten Anlaß zu seinem Auftreten. Hans Most hat erfahren müssen, daß er die Religionsfeindschaft der Berliner Arbeiterkreise überschätzt hat. Die Masse» zeigten nicht die geringste Neigung, seinem Aufrufe zu folgen. Vielleicht zeugt es auch von einer sehr viel tiefergehenden, innerlichen Religiosität, als man sie gemeinhin der Bevölkerung unserer Hauptstadt zntraut, daß auch Herr Stöcker mit seinem Bemühen, in der Dunstatmosphäre wüster Volksversammlungen Altar und Kanzel aufzubauen, so wenig Anklang gefunden. Was in den Schrein des Herzens gehört, das sieht man nicht gern auf dem Markte ausgestellt und in den Lärm und Kampf um politischen Vortheil und Gewinn herabgezogen." Das hat sich der Herr Hofprediger sicher nicht nicht träumen lassen, daß er einst von einem konservativen Blatte, auf das er sicher zählen konnte, in Parallele mit Herrn Most gestellt werden würde, und daß dasselbe Blatt, welches über seine ersten Versammlungen mit unendlichem Behagen referirt hat, ihn jetzt „in der Dunstatmosphäre wüster Versammlungen Altar und Kanzel aufbauen" läßt. Er scheint überhaupt den Erfahrungssatz, daß man gewisse Leute braucht, sie aber dann laufen läßt, nicht genug beachtet zu haben. Eines kann ihn über diesen Dank vorläufig trösten: die Masse seiner Anhänger steht noch zu ihm; nur diejenigen Kreise, die gewisse politische Anstandspflichten zu erfüllen haben, ziehen sich von ihm zurück. Wie das praktisch wirkt, wird sich kaum früher als bei den nächsten Reichstagswahlen erkennen lassen, wenn Herr Stöcker wieder im hiesigen zweiten Wahlkreis aufgestellt werden sollte. Königsberg i. Pr., 19. Oct. (Privatmitth.) Es ist wohl bemerkenswerth, daß am 12. September d. I. das 25jähr. Stiftungsfest des hiesig. Israel. Waisenhauses in der Synagoge durch Gottesdienst u. s. w. stattfand. Seitens des Geheimen Kommerzienraths Simon hier sind, wie schon mehrfach, so auch gelegentlich dieser Feier der segensreich thätigen Anstalt, nennenswerthe Zuwendungen zu Theil geworden: 10000 Mk. dem Institut und Sparkassenbücher je über 50 Mk. jedem Zögling: zwei der letzteren erhielten je ein Sparkassenbuch im Betrage von 100 Mk. als als Auszeichnung. — Vom Rhein, 24. Oct. (Privatmitth.) Das ehemalige Ministerium Manteufel sagte seiner Zeit öffentlich im Landtage aus, daß es nicht darauf ankomme, ob die Gleichstellung der Confession in der Verfassung stehe, das Specialgesetz über die Juden vom 23. Juli 1847 sei trotzdem noch in Geltung, und durch dessen Ausnahmebestimmungen könne man die Juden von allen öffentlichen Aemtern fernhalten. Seitdem ist jenes Gesetz in seinen politischen Theilen durch das Bundesgesetz ausdrücklich außer Kraft gesetzt; aber es treten Perioden ein, wo die Juden dennoch ausgeschlossen werden können, weil man eben die Mittel dazu besitzt. Bei solcher Gelegenheit schützen die Herren „die Zeitströmung" vor, der man Rechnung zu tragen habe. Man erinnert sich dabei des Goethe'schen Ausspruches: was die Herren den Geist der Zeit nennen, das ist zuletzt der Herren eigener Geist; man erinnert sich des wackeren Schwankes „der Zeitgeist und sein Junges" von Raupach, in welchem dieses Stichwort „Zeitgeist" verspottet wird. Jetzt ist „Zeitgeist" veraltet, und dafür „Zeitströmung" in Mode. Aber es ist ein und dasselbe; es ist die Strömung, die durch den eigenen Geist geht, hervorgerufen und gefördert worden. Jedenfalls sind aber die jüdischen Eltern zu verwarnen, ihre Söhne nicht allzuschnell und allzuviel zum Studium zu bestimmen. Denn nur durch große Begabung und Leistungen kann der Jude die Hinderniffe überwinden, die ihm von allen Seiten entgegengesetzt werden. Es ist dies selbst in der Medicin der Fall, denn man braucht nur einen Blick in den Inseratenteil der medicinischen Zeitschriften zu werfen, um Anzeigen aus kleinen Städten zu gewahren, in welchem nach einem Arzte gesucht wird, und sehr häufig mit dem Zusatz „kein Israelit". — Oesterreich-Ungarn. Wien, 20. Oct. (Privatmitth.) Mit Bezug auf den Artikel über oder eigentlich gegen die Meziza von Herrn Dr, Mai Nr. 42 dieser Zeitung möchte ich mir gestatten, folgendes hervorzuheben. Die Meziza gänzlich aufzuheben, dürfte wohl auf heftigen Widerstand von Seiten der conservativen oder orthodoxen Partei stoßen; aber selbst vom halachischen Standpunkte aus ist es nicht nöthig, daß das Blutsaugen mit dem Munde geschehen.müsse und hat sich in diesem Sinne der sel. Rabbi Moses Sofer in Preßburg ausgesprochen. Und die Autorität dieses Mannes auf halachischem Gebiet wird, wie ich glaube, von dem Orthodoxesten der Orthodoxen anerkannt. Es kamen nämlich hier vor Jahren Ansteckungsfälle bei Beschneidungen vor. Da wendete sich der damalige Rabbiner Lazar Horwitz s. A. an seinen Lehrer Rabb. Moses Sofer mit der Frage, ob es nothwendig sei, daß die Meziza mit dem Munde geschehen müsse und Robb. Moses verneinte sie und erklärte, daß ein Schwämmchen zu diesem Zweck genüge. Das Gutachten ist zum ersten Male in M. C. Sterns pn\r ■ohd Heft I abgedruckt. Eigenthümlich genug haben die Herausgeber des nDiDonn dieses Gutachten weggelassen. Damit bei der Perm kein Unglück geschehe, wird hier bei der Mila ein Zünglein zum Schutz angebracht. Nichtsdestoweniger kamen von Zeit zu Zeit allerlei □’l’itfoa vor. 45*