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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-02 · Heft 45 (2.11.1886) · p. Seite 714

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 45 (2.11.1886)
Date
1886-11-02
Page
Seite 714 (sequence 10)
Language
German
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714 %oXK\A\x<pyicac Deutschland. Berlin, 20. Oct. (Privatmitth.) Trotzdem die Wahlen zum Landtage und zum Reichstage im ersten Berliner Wahlbezirk an Stelle des verst. Ludwig Löwe nahe bevorstehen, gewahrt man nichts von irgend einer Bewegung seitens der verschiedenen Parteien, es sei denn, daß die Nationalliberalen beschlossen haben, einen eigenen Candidaten aufzustellen. Es scheint, daß innerhalb der Parteien man über den aufzustellenden Candidaten noch nicht einig ist, und deshalb auch noch nicht mit ihm hervortreten kann. Wie dem auch sei, wenn man die früheren Vorgänge vor den Wahlen vergleicht, muß man sich über diese Stille verwundern. Am wenigsten drängen sich jetzt die Antisemiten hervor, die doch früher am lautesten das Wort führten. Herr Stöcker geht überhaupt nicht mehr auf Rosen. Sein Antisemitismus ist abgeblüht, und seine eifrigen Anhänger sehen mit Mißfallen, daß der Mann als Parlamentarier gar nichts geleistet und nichts gegen die Juden provozirt hat, während sle sich doch von seiner Wahl so viel versprochen hatten. In den Versammlungen der Christlich-Sozialen, wenn sie sich auf diese beschränken, sieht man eine immer abnehmende Zahl und ist gar kein Leben darin, weil eben Stöcker auch hier gar keine greifbaren Vorschläge zu machen vermag. Halten sie aber öffentliche Versammlungen, so stellen sich viele Sozialdemokraten ein, es entsteht Tumult, besonders weil Stöcker als Vorsitzender Niemandem das Wort giebt oder läßt, der etwas gegen seine Ansichten vortragen will, und zuletzt muß, wie erst in diesen Tagen geschah, der Polizeibeamte die Versammlung auflösen. Interessant war es, zu sehen, wie der Herr Hofprediger sehr grobe Worte seinen Gegnern zuschleuderte, und dafür mit gleicher Münze wie z. B. „Lügner" regalirt wurde — ein wundersamer Anblick, wenn man die Würde des Geistlichen und die Stellung als Hofprediger in Betracht zieht. Berlin, 22. Oct. Der „Franks. Z." wird geschrieben: Es geht abwärts mit Herrn Stöcker, und selbst sein Muth in der Behandlung von Thatsachen wird bald nicht mehr ausreichen zu leugnen, daß er von mancher Seite, die sich früher offen zu ihm bekannte, jetzt als unbequem und compromittirend bei Seite geschoben wird. Offiziös ist ihm der Rath, sich vom politischen Schauplatz zurückzuziehen, bereits vor Jahresfrist, als die Landtagswahlen vor der Thür standen, von der „Norddeutschen" ertheilt worden. Jetzt, da man bereits an der Parteigruppirung für die nächsten Reichstagswahlen arbeitet, wird er mit kalter Hand von der freikonservativen „Post" als Opferthier auf dem Altäre geschlachtet, an welchem der Bund der Nationalliberalen und Konservativen seineWeihe empfangen soll. In einem „Dergeringe Erfolg der christlich-sozialen Propaganda" überschriebenen Artikel weist die „Post" nach, daß Herr Stöcker seine angebliche Hauptaufgabe, die Sozialdemokratie in Berlin zu bekämpfen, nicht gelöst habe. Eine Versammlung der Christlich-Sozialen, „Radauversammlung" nennt sie die „Post," in der es neulich zwischen Stöcker, Wagner und ihren Anhängern und den anwesenden Sozialdemokraten zu heftigem Tumult kam, hat dem freikonservativen Organ das Verständniß für die Mißerfolge Stöcker's eröffnet, welche es doch aus gewichtigeren Anzeichen schon etwas früher hätte erkennen können. Ganz richtig schildert die „Post" den Verlauf jener Versammlung, indem sie schreibt: „Herr Prof. Dr. Adolf Wagner hatte es übernommen, die anwesenden Sozialdemokraten zu belehren, Herr Hofprediger Stöcker, sie, als Vorsitzender, in Ordnung zu halten. Herr Prof. Wagner spendete der Lehre und den Aposteln der Sozialdemokratie ebenso vergeblich die wärmsten Lobsprüche — er wurde verlacht — wie Herr Hofprediger Stöcker die anwesenden Vertreter der Sozialdemokratie ebenso fruchtlos mit den derbsten Schimpfwörtern belegte — die Versammlung löste sich in wüsten Tumult aus." Man könnte glauben, daß dies der erste Fall sei, in welchem die Berfehltheit und Erfolglosigkeit der Methode der beiden christlichsozialen Apostel zur Bekehrung der Sozialdemokratie zu Tage getreten wäre. Solche Versammlungen haben aber von Beginn der Stöcker'schen Agitation an schon viele stattgefunden, nur hat cs damals die „Post", die bis vor wenigen Jahren der antisemitischen Hetze den bereitwilligsten Vorschub leistete, nicht für opportun gehalten, dieselbe Lehre daraus zu ziehen, welche sie jetzt bekennt. Damals galt es, den Antisemiten Stöcker, den Bekämpfer der Fortschrittspartei, um jeden Preis zu unterstützen. Wer hat denn jemals daran geglaubt, daß der Zweck des Auftretens dieses Mannes die Bekehrung der Sozialdemokratie sei? Als Antifortschrittler hat der Herr Hofprediger seine Arbeit gethan und soll, da er in der mittelparteilichen Familie ein lästiger Gast wäre, nunmehr den Laufpaß erhalten. Jetzt auf einmal kommt die „Post" zu der Einsicht, daß Herr Stöcker von Anfang an mit bebedenklichen Mitteln gekämpft hat; sie wirst ihm, „von verschiedenen Anderen gänzlich zu schweigen" — die zarte Andeutung gilt wohl gewissen Prozessen —, seine Gemeinschaft mit dem Schneider Grüneberg und dem berüchtigten Simon May vor und bekämpft dann so verständig, wie es bisher nur liberale Organe gethan haben, die ganze Grundlage seiner Agitation, indem sie schreibt: „Der Verlauf der christlich-sozialen Propaganda in Berlin ist jedenfalls belehrend, er liefert dem Urtheil über die

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