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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-18 · Heft 51 (18.12.1896) · p. Seite 604

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 51 (18.12.1896)
Date
1896-12-18
Page
Seite 604 (sequence 4)
Language
German
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604 Bloch ging zuerst als Schuldirektor nach München; selbstverständlich nutzte er die günstige Gelegenheit, um mit den handschriftlichen Schätzen, der dortigen Bibliothek, soweit die jüdische Litteratur in Frage kommt, vertraut zu werden; ohne, wie so Viele, in übertriebene Ehrfurcht vor vergilbten Pergamenten zu verfallen, ohne sich vor dem Staub der Bibliotheken in den Staub zu werfen, ist ihm doch für seine späterim Arbeiten seine-in München erworbene Kenntniß jüdischer Handschriften zu Gute gekommen; bald folgte er dann dem Rufe der Brüdergemeinde in Posen, in der er nun ein Vierteljahrhundert wirkt. Die Posener Gemeinde hat ihre großen Traditionen; diese Traditionen verpflichten auch den Rabbiner; wer in dem Orte als Seelsorger lebtin welchem Rabbi Akiba Eger, der in Posen noch Unvergessene, thätig war, der muß mehr leisten, als nur gerade "die laufenden Geschäfte des Rabbiners und Predigers besorgen, der muß als Gelehrter der Gesammtheit des Judenthums dienen. Andererseits versteht es diese Gemeinde, ihre Rabbiner zu ehren. Auch Akiba Eger war kein Riese, und seine Gegner denunzirten ihn, als er nach Posen berufen werden sollte, als einen schwächlichen Mann; dennoch war er der „große Gaon", der einen idealen Glci'nz über die Gemeinde gebracht hat. So verehrt die Posener Judenschaft in Bloch nicht minder den Gelehrten wie den gediegenen Prediger. Die Brüdergemeinde, die ursprünglich nur die freisinnigen Elemente umfaßte, hat schon durch Perles und noch mehr durch Bloch in allen Kreisen Mitglieder geworben und hat keineswegs einen extremen Charakter. In der Verehrung, die dem Dr. Bloch, dem charaktervollen und geistvollen Manne, gezollt wird, ist nahezu die ganze Bürgerschaft Posens einig. Ein so gründlicher Mann konnte nicht jüdischer Prediger sein, ohne sich in das Wesen des Midrasch zu vertiefen; er hat treffliche Arbeiten über die Pesikta derabbi Kahana verfaßt sund dabei Gesichtspunkte geboten, die für das ganze große Litteraturgebiet des Midrasch wichtig sind. Erst neuerdings hat er für die Jubelschrift zu Steinschneiders achtzigstem Geburtstage eine Uebersetzungsprobe aus der Pesikta geliefert, und jeder Gelehrte weiß, um wie viel leichter es oft ist, in großen Worten eine Abhandlung über ein wissenschaftliches Buch zu schreiben, als es schlicht und korrekt zu übersetzen und dadurch dem Verständniß näher zu bringen. Da ihn das Schicksal in die Ostmark geführt hat, so hat er, dim Genius des Ortes gehorsam, die Archive in Posen durchstöbert, üm der Geschichte und Sagenkunde der Juden in Polen zu dienen. Bloch schrieb „lieber die ersten Kulturbestrebungen der jüdischen Gemeinde Posen unter preußischer Herrschaft", sodann „Das Jahr 1793, Urkunden und Aktenstücke zur Organisation Südpreußens", „Das Kapitel Judenwesen", ferner „die Generalprivilegien der polnischen Judenschaft". Zudem „die Sage von Saul Wahl", wo er höchst ansprechend aus dem Namen Schorr. Stier Wol (germanisirt Wahl) die ganze Sage erklärt. Eine Studie über den mystischen Orden der Jorde Nerkaba, d. i. wörtlich: „die m. den Wagen Steigenden" giebt Aufschlüsse über wichtige Stücke unserer Liturgie. Seine eigentliche Liebe gehört jedoch der ReligionspH^sophie; reine Abhandlungen sind vortrefflich, Me Übersetzungen sind mustergiltig; die Uebersetzung des schwierigen Kapitels über die „Willensfreiheit" aus Chasdai Kresküs ist eine glänzende Probe der philologischen Genauigkeit, die er in der Schule Jakob Bernays gelernt hat. Neuerdings hat er für das encyklopädische Werk von Winter und Wünsche eine „Geschichte der Entwickelung der Kabbala und der jüdischen Religionsphilosophie" geschrieben. Aber Bloch lebt nicht nur für die Kanzel und die Studirstube; er ist ein rechter Seelsorger und hat in seiner Frau die verständiäste und eifrigste Helferin; er hat durch eine schärfe und gründliche Streitschrift gegen Rohling auch in die Kämpfe des Tages eingegriffen. So ist fein Amtsjubiläum nicht nur ein Fest für seine Gemeinde, sondern alle gebildeten Juden freuen sich mit ihr; er ist ein Edler, dessen persönliches Wohl mit dem Gemeinwohl innig verbunden ist; jeder Segen, den er erfährt, ist mittelbar auch ein Segen für weite Kreise, die an' seinem Charakter und an seiner Weisheit sich erbauen. So möge Bloch uns noch lange erhalten bleiben! Diesen Wunsch bringen wir' ihm und dem deutschen Judenthum entgegen. sgs- Mas thut in Wahrheit nsttl? B on Dr. Wilhelm Neu mann. dem Leitartikel der Nr. 49 dieses geschätzten Blattes werden, mit lebhafter Anschaulichkeit beklagenswerthe Zustände aus dem inneren Leben unserer Gemeinden im deutschen Osten zur allgemeinen Kenntniß gebracht. Mit Recht bemerkt der, Herr Verfasser, daß die Möglichkeit eines so tiefen Verfalles im religiösen Leben, wie es sich aus den angeführten Beispielen offenbart, auf den mehr als lockeren Zusammenhang zwischen den einzelnen Gemeinden zurückzuführen ist. Das Fehlen jeder öffentlichen Kritik, worauf der Einsender berechtigten Nachdruck legt, ist nicht die einzige Ursache, gar häufig ist es die beklagenswerthe Armuth, die selbst beim besten Willen nicht aus eigener Kraft die für die Hebung des religiösen Lebens nothwendigen Einrichtungen zu schaffen und zu erhalten vermag. Dem Verfasser ist dieser Umstand auch keineswegs entgangen, er kommt mit großem Nachdruck auf ihn zurück. Um so verwunderlicher ist es, daß er nicht an dieser Stelle seinen Hebel ausetzt. Statt dessen weist er mit lebhafter. Anerkennung auf die Anregung hin, die von Herrn Amtsgerichtsrath Levy aus Beuthen auf dem jüngsten Gemeindetage des D. I. G.-B. hinsichtlich der Ausbildung von Vorbetern, und Schüchtern gegeben wurde. ' Schade nur, daß der Herr Verfaffer in seiner Schätzung der diesen Funktionären des Gemeindelebens zukommenden Bedeutung von dem Antragsteller des Gemeiudetages so weit abweicht. Während der Herr Einsender im Schlußabsatz beklagt, „daß durch die bekannten Puttkamer'schen Ausweisungen Deutschland für die russischen Kantoren verschlossen ist und so viele Kantoren, die unter ugs lebten, ausgewiesen wurden, so daß ein wirklicher Mangel an tüchtigen Religionsbeamten eingetreten ist", zeigt sich Herr Amtsgerichtsrath Levy so wenig als Freund des Kantorats, daß er in seinem Referat mit eingehender Begründung aussührt, er habe mit Absicht nicht die Ausbildung von „Kantoren", sondern von „Vorbetern" beantragt, denn er wünsche keineswegs durch gesangliche Leistungen die Synagogenbesucher anzulocken, sondern durch schlichten, verständnißvollen Vortrag sittlich zu erbauen. Und gar den russischen Kantoren gegenüber bekundet Herr Levy Empfindungen, die denen des Grafen Caprivi gegenüber der Zustimmung von Seiten der radikalen Linken verwandt sind. Wir möchten, um so manchen schätzbaren Kultusbeamten von russischer Herkunft nicht, zu verletzen, seine harten Worte nicht anführen. Von den Schächtern vollends spricht Herr Levy beinahe wie von einem nothwendigen Uebel' Wir wollen vorläufig die Beantwortung der Frage aussetzen und den Herrn Verfasser zunächst daraus Hinweisen, daß nach dem Ausspruche sachverständiger Beurtheiler ein Mangel an Kantoren und Schächtern vorläufig nicht zu beklagen ist, führte doch., Herr Levy-Beuthen selbst an, daß sich für die Stelle in Beuthen, Ober-

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