Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1896)
- Date
- 1896-12-18
- Page
- Seite 605 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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schlesien, 65 Bewerber, darunter vier oder fünf deutscher Herkunft, gefunden Hütten, und ein Kenner unserer Gememdeverhältniffe, wie Herr Bezirksrabbiner Dr. Landau in Weilburg an der Lahn, äußerte sich auf dem mehrerwähnten Gemeindetage zur Frage mit folgenden zutreffenden Worten: „Nachdem Sie bie ethischen Gründe gegen den Antrag Levy gehört haben, will sch noch einige praktische hervorheben. Der D.^J. G.-B. soll einzig und allein helfend da eingreifen, wo ein wirklicher Nothstand vorliegt. In der Schächtfrage ist das nicht der . Fall. Wenn die Gemeinden auch den Lehrer und Vorbeter längere Zeit entbehren können, ohne Schochet würden sie keine Woche bleiben. Es ist keine Notwendigkeit dafür vorhanden, daß der D. I. G.-B. die Ausbildung dieser Beamten in die Hand nehme; die Gemeinden werden schon selbst dafür sorgen. Was die Vorbeter betrifft, so giebt es in Deutschland fünf oder sechs Anstalten, wo Kantoren ausgebildet werden. Vom praktischen Standpunkte aus nlüffen Sie diesen Antrag a limine zurückweisen." Also, der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebnndes war nicht blos formell durch seine Statuten, die ihm die Behandlung kultureller und ritueller Fragen verbieten, zu seiner zurückhaltenden Stellungnahme gezwungen, er hatte auch sachlich um so weniger Anlaß zum Eingreifen, als er kurz zuvor dem Gemeindetage das nach unserer Meinung einzige Mittel zur. befriedigenden Lösung derartiger Fragen in Vorschlag gebracht hatte, und es ist beinahe verwunderlich, daß der Herr Verfaffer nicht selbst darauf verfallen ist. Woran ^liegt es denn, daß die schwachen Gemeinden der materiellen und moralischen Unterstützung ihrer wohlhabenderen mit) innerlich bester entwickelten Schwestern entbehren? Daran, daß sie es erstens verabsäumen, sich der Centrale des jüdischen Gemeindelebens, dem D. I. G.-B., anzuschließen, und daß es ferner noch in den meisten Gegenden des Deutschen Reiches an Bezirksverbänden fehlt, zu deren Bildung der Ausschuß des D. I. G.-B. die vom Gemeindetage einstimmig angenommene Anregung gegeben hat, und die er fortgesetzt mit aller Energie anstrebt. Ein das ganze Deutsche Reich umfaffendes System von Bezirksverbänden, in inniger. Wechselwirkung mit der bereits im D. I. G.-B. vorhandenen Centrale, das ist das dringendste Bedürfniß für die deutsche Judenheit. die nur auf diese Weise geeint und nach außen und innen mächtig auftreten kann. Es^ist^wiederholt auf dieMichtigkeit dieses'Gegenstandes hingewiesen worden, der Ausschuß hat sich an sämmtliche Gemeinden und Persönlichkeiten um Unterstützung in dieser Angelegenheit gewandt, und es ist kaum möglich, daß Jemand, dem an der Beseitigung der schreienden Mißstände in unserem Gemeindeleben und an der Anbahnung einer gedeihlichen Entwickelung etwas gelegen ist, noch im Unklaren über die Bedeutung der geplanten Institution geblieben ist. Thatsächlich mehren sich täglich die Anzeichen dafür, daß die Aussaat des Gemeindebundes nicht überall auf steinigen Boden gefallen ist. Ueber dest. Erfolg wird hoffentlich in nicht zu ferner Zeit zu berichten sein. Für heute möge der Hinweis genügen, daß auch die Kantoren- und Schächterfrage, welche Bedeutung man ihr immer für die Zukunft des deutschen Judenthums beimessen mag, von dem Vertreter eines bereitsWestehenden Bezirksverbandes, des oberschlesischen, angeregt worden ist.Dies anzuerkennen stehen wir keinen Augenblick an obgleich wir nach den angeführten Sachverständigenurtheilen überzeugt sind, , daß es um die Sache des Judenthums noch nicht schlecht stünde, ibenn für alle seine Bedürfnisse so gut gesorgt wäre, ivie für das Käutorat und das Schächtamt. Nein, was uns Noth thnt, ist etwas ganz anderes, die Beamten, an denen es bei uns fehlt — wir vermeiden absichtlich den Ausdruck : „die uns fehlen", sie fehlen uns nicht, aber sie finden keinen Wirkungskreis — das sind tüchtige Lehrer. Kommen wir noch einmal auf die von dem Herrn Einsender angeführten krassen Beispiele zurück. * Entbehrt etwa die Gemeinde, die den Sabbathgottesdienst faktisch abgeschafft hat, des Schächters? Oder würden sich die Gemeindemitglieder von der Hingabe an das Erwerbsleben durch die musikalischen Leistungen eines stimmbegabten Kantors abziehen lassen? Gewiß nicht. Abgesehen von dem allerdings nicht zu unterschätzenden materiellen Zwange, ist ein solcher Uebelstand nur aus dem Mangel an Kenntniß der wahren Bedeutung des Judenthums und seiner Pflichten zu erklären. Diese Kenntniß kann nur durch einen gut ausgebildeten und hingehenden, setzen wir auch hinzu: materiell erträglich gestellten Religionslehrerstand vermittelt werden. Das Samenkorn der religiösen und sittlichen Erkenntniß .muß frühzeitig durch einen kundigen Gärtner eingepflanzt werden, die Mittheilung der wunderbaren Geschichte unseres Stammes gleiche dem erfrischenden Naß, das den Keim zum Sprossen bringt, die Begeisterung des Lehrers sei der Sonnenstrahl, der die zarte Pflanze zur Blüthe bringe, auf daß sie zu einem Baume des Lebens heranwachse, der reiche Früchte bringt! Wo es an solchem Gärtner fehlt, oder wo seine Arbeit gar wie in dem zweiten, dein traurigsten Beispiele gestört wird, da ist alles verloren, da hilft nicht das Beobachten der rituellen Gebräuche; nur zu schnell wird die Heranwachsende Jugend einen drückenden Zwang abschüttelu, für den sie keine vernünftige Begründung kennen gelernt hat, und bald fällt ein welkes Blatt nach dem anderen vom uralten Baume des Judenthums ab. Aus dieser mangelnden Pflege der Erziehung entspringt, wie der Vorsitzende des Gemeindebundes gelegentlich der Besprechung über die Einführung des Religionsunterrichtes in die öffentlichen Schulen ausgeführt hat, die Quelle des Verderbens, sie droht, wenn man sie nicht bald verstopft, die Grundmauern des Judenthums zu unterwühlen. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebuud hat diese Gefahr längst erkannt und sucht mit Anstrengung all' seiner, durch den geringen Opfersinn der deutschen Glaubensgenossen leider nicht genügend.großen Kraft dem Unheil zu steuern. Da der Deutsch - Israelitische Gemeindebund trotz der Wirksamkeit eines Vierteljahrhunderts, abgesehen von den weitesten Kreisen der Bittsteller, noch immer nicht genügend bekannt ist, so ist es wohl nicht unangebracht, auf die Aufgaben hinzuweisen, die er sich gestellt hat. Es heißt in 8 1 der Statuten: Zweck des Bundes ist die Förderung der V.erwaltungs-, Bildungs- und Wohlthätigkeits - Angelegenheiten der Israelitischen Gemeinden im Deutschen Reiche. Insbesondere soll dieser Zweck erreicht werden durch: 1. Sammlung und Mittheilung von Erfahrungen auf dem Gebiete der Gemeindeverwaltung, 2. Unterstützung bedürftiger Gemeinden, 3. Fürsorge für Religionsunterricht und Ausbildung von Religiouslehrern, ,, 4. Einrichtungen, welche die Altersversorgung der Gemeindebeamten und die Fürsorge für deren Hinterbliebene bezwecken, 5. Errichtung und Förderung von.Anstalten zur Hebung der Volksbildung unter den Juden, 6. Aufmunterung zur Erziehung der Jugend für Handwerk, Landwirthschaft und technische Gewerbe, 7. Förderung des Kranken- und Armenpflegewesens, , 8. Bekämpfung der Wanderbettelei und Fürsorge für entlaffene Strafgefangene,