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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-12-18 · Heft 51 (18.12.1896) · p. Seite 603

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 51 (18.12.1896)
Date
1896-12-18
Page
Seite 603 (sequence 3)
Language
German
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603 -Wegen Verschulden, .von; in> Konkurs verfallenen Schuldnern wurden bestraft 786 Kaufleute, darunter -.234 Juden. Nun sind aber. die. Juden fast die Hälfte dieser Berufsgruppe/!.es..hätten daher statt 234-fast-390 sein können; wir sehen also die.christlichen Kaufleute, mit 552..Bestrafungen doppelt so oft betrügerischen Bankerott machen als die Juden, welche, obwohl fast ebenso viel an Zahl, nur 234? Bestrafungen aufzuweisen haben. .Das Gleiche haben wir schon bei früheren Jahrgängen von Betrug, Veruntreuung u. s. w. nachgewiesen. Immer und. immer wiederholt sich die Lhatsache, daß die beste Widerlegung der gegen die Juden erhobenen Vorwürfe die Klarstellung der wirklichen Verhältnisse bildet. * Es ist bekannt, daß die Mission ein . großes-Interesse daran nimmt, die Zahl der Juden im heiligen Lande viel größer anzugeben, als sie in Wirklichkeit vorhanden ist. So wird setzt wieder' verbreitet, daß in Jaffa sich die Juden von 15 000 auf 42 OOO vermehrt hätten, während in Jerusalem, wo 1841 nur 8OoO und 1883 angeblich 23 OOO gewohnt haben, sich jetzt 70 OOO befinden sollen. Alle diese Ziffern sind maßlos übertrieben. In Wirklichkeit sind in Jaffa nur 3. bis 4000, in Jerusalem nach den zuverlässigsten^ Angaben.28 OOO jüdische Einwohner. Das. Motiv der Mission liegt nahe genug. Durch solche Ausstreuungen soll die Regierung auf das angebliche kolossale Wachsen der jüdischen Bevölkerung aufmerksam gemacht werden, damit dieselbe den einzelnen Inden recht viel Unannehmlichkeiten bereite und sie so den Einflüsterungen der Mission geneigter mache. Es ist deshalb zweckmäßig, diesen heimtückischen Erfindungen bei Zeiten entgegen zu treten. Uebrigens arbeitet der Jerusalemsverein, welcher hier in Berlin seinen Sitz hat, mit unausgesetzter Thätigkeit in der Missionirung M heiligen Landes im Sinne der evangelischen Kirche. .Seit an Stelle'von Kögel, dem verstorbenen Hofprediger, der Graf Ziethen- Schwerin getreten iff, haben sich die Mittel des Vereins bedeutend gehoben. Derselbe verfügt jetzt über 50 000 M. jährlich und hat in, Württemberg und Sachsen Zweigvereine. Er unterhält einen.Pastor in Bethlehem, je einen Hilfsprediger in Bethlehem und Betdjala, zwei Lehrer, eine Lehrerin und eine Diakonissin in Bethlehem, drei.Lehrer und eine Lehrerin in Betdjala. Alles dies für 50 Erwachsene in. Bethlehem und 130 in Betdjala, wozu freilich noch 150 respektive 2OO Schulkinder kommen. Von Erfolgen dieses Vereins wird man aber kaum ernsthaft reden können. Mn Amtstutkilaum. tas Urtheil der Studenten über ihre Kommilitonen, der Lehrer Über ihre Schüler steht, besonders soweit diese der jüdischen Theologie sich widmen, sehr häufig nicht ln Uebereinstimmung mit den Erfolgen im späteren Leben; sehr Viele, die auf der Schulbank des Seminars, der Jeschiwa, für klein galten, sind später sehr groß geworden und gelten der Menge als gewaltige Lichter; zum Thei! hängt dies damit zusammen, daß „der Mensch mit seinen höheren Zwecken wächst", daß Mancher, der durch die Gunst des Schicksals vor große Aufgaben gestellt worden ist, gezwungen, seine ganze Kraft anzuspannen, sie auch wirklich gelöst hat. Das Sprichwort, wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch Verstand, ist nicht so ganz ohne; es sind natürlich nur Ausnahmefälle, in denen es zutrifft. Aber neben den wirklich Tüchtigeil' drängen sich,- besonders wo eine öffentliche, an die große Menge gerichtete Wirksamkeit in Betracht kommt, -sehr Viele ln die Ruhmeshallen, die doch nur gleichsam auf Hintertreppen hineingelangt sind, und die darum-beständig in Gefahr schweben, wieder hiuauszufliegen. Nirgendwo vielleicht sind der Täuschung so alle Thore geöffnet, als in dem Urtheil der öffentlichen Meinung über die jüdischen Geistlichen; da giebt es keine Behörde, die. das Votum der-Gemeinden leitet und berichtigt; manchmal gehört für den jüdischen Geistlichen eine sehr geringe Vorbildung und eine große Dosis von — sagen wir Selbstvertrauen dazu, um in die Arena zu treten und zu siegen; es hat Einer, um nur von Denen zu reden, die auf geraden Wegen bleiben, ein sehr wohlklingendes Organ, so daß man ihm gern zuhört, auch wenn er das Einmaleins vortrüge. Damit tritt er in eiyer hochintelligenten Stadt vor eine Gemeinde und gewinnt die Herzen, obgleich er schlechtweg das redet, was die Berliner höheren Blödsinn nennen. Diejenigen, die den Redner genau kennen, zerbrechen sich den Kopf Uber diesen Erfolg, diese Begeisterung, diese Urteilslosigkeit. Aber warum sollte sich unter einer großen Bevölkerung nicht eine Schaar finden, die von einem solchen'äußeren, an sich werthvollen Vorzug sich völlig blenden läßt, aber auch das ernste Streben, findet natürlich seinen Erfolg und seine Ehre. Dr. Philipp Bloch, der jetzt auf eine 25jährige rabbinische Thätigkeit in Posen zurückblickt, hat schon in sehr jungen Jahren seinen Kommilitonen einen gewaltigen Respekt eingeflößt; er/ist nicht gerade durch einen gigantischen Wuchs ausgezeichnet, ober er hatte schon als Jüngling einen scharfen Geist und einen energischen Willen, so daß so leicht keiner der Genoffen an ihn heranreichte. Damals, als er ln Breslau das Seminar besuchte, wußte Professor Andersen, der Schachmeister, weite Kreise für dieses königliche Spiel zu interessiren; es war unter diesen Verhältnissen nicht leicht, als guter Schachspieler in Breslau zu glänzen; ' aber Bloch. setzte ftinen Geist und seinen Fleiß darauf und leistete bald Phänomenales in diesem Spiel. Auf weiten Umwegen bildete er sich zu einem gediegenen, gedankenvollen Prediger. Aristoteles, Kant, Spinoza wärvy die Gegenstände seiner Studien; als die Welt von Schopenhauer izoch wenig wußte, hatte, er ihn schon für sich und für den engeren Kretz seiner jungen Freunde entdeckt; oft spottete er schon als junger Mannüber Diejenigen , die z. B. einem Joel Mangel an populärem Stil vorwarfen; und dieser Vorwurf galt alsdann erst recht den jungen Leuten, die Joel nacheiferten und einen gediegenen Inhalt in ihre Reden bringen wollten; statt der nikomachischen Ethik, meinte Einer, der auch wirklich in der Welt vorwärts gekommen ist, sollte man lieber die Gartenlaube lesen und hier die Predigt verwerthen, um der Gemeinde zu gefallen. Bloch verschmähte von vornherein die wohlfeile Popularität, die darin besteht, gewöhnliche Gedanken in gewöhnlicher Form zu bieten. Aber nicht nur Respekt hat er den Genossen eiugeflößt; wir hatten auch Vertrauen zu ihm. Niemand hätte ihn einer niedrigen Handlung fähig gehalten; Mancher, der zur Trägheit, zu-flottem Lebensgenüsse neigte, arbeitete, schon weil er vor Blöch sich schämte. Alle Welt hielt, ihn für prädestinirt zum Gelehrten und zum Lehrer der jüdischen Wissenschaft, zumal der Religicnsphilosophie, in der er sich tüchtig umgesehen hatte. Zum Prediger war er berufen wie Joel, - nicht durch das angeborene Talent, sondern weil wohl ein hochbegabter, willeuskräftiger. Mensch in jedem Arbeitsgebiete heimisch wird; aber wer Bloch aus früheren Zeiten kennt, der wird sich die Meinung nicht nehmen lassen, daß, wie trefflich .er auch als Prediger sich bewährt hat, Neigung., und Begabung ihn vor allem auf gelehrte Arbeit gewiesen hat. '

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