Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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514 Aber jetzt muß ich, ehe ich sterbe, Jemandem meine Seele offenbaren. Und zwar einer anderen lebenden Seele. Denn dies todte Blatt Papier genügt mir doch nicht. Samstag Nacht. — Beinahe eine Woche ist verflossen, seit ich die obenstehenden Worte geschrieben, und wieder zieht es mich zu diesen' Blättern. Ich würde vorige Nacht geschrieben haben, aber plötzlich fiel es mir ein, daß es Sabbath sei. Ich habe strikt den Sabbath gehalten. Ich habe einzelne abgerissene Gebetabschnitte gebetet, die, wunderbar fast, mir noch im Gedächtniß hasteten. Ich habe mich jeder Arbeit enthalten, sogar das Feuer nicht geschürt, obgleich es kalt war und ich vor Frost schauderte. Neuer Friede zog in meine Seele ein. Ich habe Nachricht von Paul; er hat die Verhandlungen mit dem Moskauer Buchhändler zu Ende geführt. Das Buch wird sicherlich Erfolg haben, und in gewissem Sinne wünsche ich es auch. Es kann nicht viel Schaden stiften, und ich bin stolz auf Paul — trotz alledem! Welch ein Rabbi würde er geworden sein! Es scheint, diese Herausgeber sind auch Eigeuthümer einer Zeitung, bei der Paul beschäftigt werden soll; eine Arbeit, die ihm reichlichen Lebensunterhalt eiubringen würde. So wird er während einiger Monate in Moskau bleiben, um sein Buch während der Drucklegung im Auge zu behalten. Er fürchtet, die Entfernung sei zu groß, um ab und zu herüber zu kommen, wie er es von der Hauptstadt aus gethan haben würde. Obgleich ich weiß, daß ich mich manchesmal in meinen Gemüthserregungen nach ihm sehnen werde, fühle ich mich eigentlich wie erlöst. Ohne Paul wird es morgen für mich ein leichterer Tag werden. Ich will nicht zur Kirche gehen, obwohl die alte, brave Klara Petroffskovna in heiligem Schreck sich wundern und bekreuzigen und beii — Borsckfl) — verderben wird. Was die Nachbarn anbetrifft, mögen der Starost und die Staratschina (die Gemeindeältesten) und der pensionirte Major aus Kurland, selbst der schwammige, dicke Prinz Shoubiuoff schwatzen, soviel sie wollen. Ich bleibe nur wenige Wochen noch hier. Außerdem kann ich ja auch Krankheit vorschützen. Nein, keine falschen Ausflüchte mehr, ich habe die Heuchelei und die Winkelzüge satt. (Fortsetzung folgt.) &r Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. Zwölftes Kapitel. Der Landschnorrer. (^>a?^9ordche erhob sich, um, wie er gewöhnlich am Abende that, seinen Gönner aufzusuchen. Reb Rephoel saß in seiner Sukkah, die Füße in eine warme Wolldecke gehüllt, welche ihm seine Enkelin, Fannys älteste Tochter, gestickt hatte, und die er in großväterlicher Eitelkeit so oft benutzte, als es eben anging, doch war sie in der kühlen Herbstnacht, die sich bei dem offeneil Dache sehr unangenehm fühlbar machte, sehr erträglich. Die Sukkah selbst war ein sehr gerälimiges Zimmer, dessen Decke nur während der Festwoche zum Theil abgehoben und durch ein Holzgitter, auf welchem das Laub lag, ersetzt wurde. Das Dach konnte durch einen Mechanismus geöffnet und geschlossen werden. Die bunte Zier der Papierketten und vergoldeten Früchte fehlte in dem einsamen, freudlosen Hause. Von dem Holzgitter der Decke hingen wohl einige Trauben und Birnen, ja sogar eine wirkliche Wassermelone, eine Seltenheit in jener Gegend, herab. In der Mitte hing eine siebenzackige, reich gearbeitete Messinglampe, an der Wand stand ein zinnernes Waschbecken, bestehend aus einem Reservoir mit einem Ablaufhahne, wie es selbst nach den orthodoxesten Autoritäten hinreicht, um sich „koscher" zu waschen. Sonst hingen an den Wänden Holzschnitte, welche jüdische Celebritäten darstellten, unter ihnen Rabbi Moses Sofer, der Bellarmin und Eck des modernen Judenthums, endlich all der Ostwand ein „Misrach", ein kalligraphisches Meisterstück eines jerusalemischen Thoraschreibers, mit dem Bilde der stehengebliebellen Westwand des herodianischen Tempels und einem Neujahrsgruße, ein Geschenk, welches Reb Rephoel für seine Unterstützung der Armen des heiligen Lalides erhalten hatte. Auf dem Tische stand ein silberner Armleuchter mit zwei brenlienden Kerzen und eine silberne Weiukanne mit einem Becher daneben, damit man den Besuchern einen Trunk anbieten könne, den sie um des guten Werkes willen, den Segenspruch über die Sukkah zu machen, nicht refüsiren durften, wobei durch das Aineu-Nachsagen auch für den Hausherrn eine kleine Mizwoh abfiel. Doch alle diese Pracht machte nicht den freundlichen Festeseiudruck. welcheil Mordches Dachstube in dem Besucher hervorrief. Es lag ein eisig kalter, verdrießlicher Hauch über deni Ganzen, so etwas, wie man auf dem Gesichte des Hausherrn lesen konnte, der, die Brille auf die Stirn geschoben, vor einem geöffneten Buche saß, den Kopf in die rechte Hand gestützt, während die linke mißmuthig einen geöffneten Brief zusammenknüllte. An dem anderen Ende des Tisches saß ein Malm mit tiefschwarzem, dichtem, ungepflegtenl Barthaar, den Kopf mit einem schwarzen Sammtkäppchen bedeckt, unter welchem zwei dichte Haarsträhile an den Schläfen hervorquollen, die bis auf die Schultern herabsielen. Ec sprach laut uild heftig, bewegte dabei seinen Oberkörper hin unb her und beschrieb mit den aufwärts gerichteten Daumen der geschloffenen Fäuste Kreise in in der Luft. Mordches (gintreten unterbrach das Gespräch. Sein „Guten Abend" wurde von Reb Rephoel mit einem kaum vernehmbaren Brummen erwiedert, welches „S'Gott's Willkommen" bedeuten sollte. Er überreichte dem Hausherrn die „Hoschana"/) welche mit besonderer Sorgfalt aus den tadellosesten Weidelizweigen geflochten war. Ein kurzes „Dank' dir" belohnte ihn. Auf Reb Rephoels Wink setzte er sich und trank ein Glas Wein. „Wie geht es Euch heute. Reb Rephoel?" fragte er. „Nicht zum Besten," lautete die Antwort. „Ich habe eine sehr schlechte Nacht zugebracht, und auch bei Tage ist es nicht, wie es sein soll." Das durch Mordches Eintritt unterbrochene Gespräch wurde von dem Gaste wieder fortgesetzt, obwohl Reb Rephoel, wie der offene Talmud bewies, nicht sehr geneigt war, zuzuhören. Der Gast sprach über die im talmudischen Traktat Sukkah vorgetragene Ansicht, daß eine Sonneusinsterniß für die Heiden und eine Mondsinsterniß für Israel von übler Vorbedeutung sei, und entwickelte dabei astronomische Anschauungen, die er seinem Lehrer Rabbi Moses Sofer in den Mund legte, und welche selbst für Karl von Littrow und Alexander von Humboldt viel Neues enthalten hätten. Reb Rephoel, der mit gekrümmter Unterlippe eine gute Weile zugehört hatte, unterbrach endlich den Redefluß seines Gastes mit der Beinerkung: „So, Astronomie hat der Rebbe auch verstanden!" „Wie heißt!" fuhr der Gast auf. „Der Rebbe hat alle „sieben Wissenschaften" 2) gekannt." ') Weidenstrauß. 2) Die mittelalterliche Eintheilung wurde bei den Juden bis auf die neueste Zeit beibehalten. J) Borsch — rothe Rübenfuppe.