Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- Seite 515 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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515 „Nu," erwiederte Red Nephoel trocken, „ich habe den Rebbe früher gekannt wie Ihr und wahrscheinlich auch besser, denn ich war bei ihni zwei Jahre im Haus, und ich kann Euch sagen, daß er von Astromonie gerade so viel verstanden hat, wie ich vom Ballettanzen." Der Gast fuhr von seinem Sitze auf, als wenn eine Bombe in die friedliche Snkkah gefallen wäre, und rang einige Minuten vergebens nach einem Ausdrucke für seine Entrüstung. Reb Rephoel, dem das gerade recht schien, zog seine Geldkatze aus der Tasche und nahm einen Silberzwauziger heraus, den er vor den Gast auf den Tisch legte. „Ihr seid doch nicht gekommen," sagte er, „um mit mir über Astronomie zu disputireu. Ihr seid gekommen, um Geld zu holen. Hier ist meine Gabe." „Was fällt Euch ein, Reb Nephoel?" rief der Fremde im Tone gekränkten Ehrgefühls. „Bin ich denn ein Schnorrer? Ich bin Zabonyier Row und gehe nur herum, um Aussteuer für meine Tochter zu sammeln, die mit einem feinen Bachur von der Preßburger Jeschiba verlobt ist. Ein Mann wie Ihr, so ein Gelehrter und dazu, Gott soll's Euch lassen, ein Nogidi) wird mich doch nicht mit einem Zwanziger fortschicken, wie einen Landschnorrer." „Mein Großvater, der Friede sei mit ihm," erwiederte Neb Rephoel, ohne aus seinem Buch anfzüschauen, in welches er wieder seine Blicke gesenkt hatte, hat gepflegt zu sagen: „Ich geb' dem Orech2) nicht nach seinem Hunger; ich muß ihm geben nach meinem Jecholeß."3) „Nu, wie heißt?" sagte der Gast, „macht Ihr denn keinen Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Landstreicher und einem Gelehrten?" „O, gewiß!" lautete die Antwort, „für einen Landschnorrer habe ich Mitleid, denn wie unwürdig er auch sein mag, ist er doch ein heimathsloser, armer Mensch, aber für Jemanden, der die Thora entwürdigt, um mit ihr schnorren zu gehen, habe ich nur Verachtung." Der Fremde blieb unerschüttert. „Seht mich an als einen Landschnorrer," sagte er, „und gebt mir nach Euerem Jecholeß." „Ich will Euch etwas sagen, Zabonyier Row," erwiederte Reb Rephoel in gereiztem Tone, „wenn Ihr das nehmen wollt, was ich Euch gegeben habe, soll es mir recht sein, wenn aber nicht, laßt es bleiben, bis sich dafür ein Anderer findet." Dieser entschiedene Ton wirkte. Der in seiner Würde als Talmudist gekränkte Mann steckte das Geldstück ein, setzte seinen Hut über dem Sammtkäppchen auf und wandte sich zum Gehen. Auf dem halben Wege zur Thüre kehrte er jedoch um und sagte: „Zum Abschied möchte ich Euch doch noch ein Stückchen Thora sagen, das Euch gar nichts kosten soll." Reb Rephoel zuckte resignirt mit den Achseln. „Ist Euch jemals aufgefallen," sagte der Fremde, „warum es in unserem Nachtgebete heißt: Zn meiner Rechten Michael und zu meiner Linken Gabriel, vor mir Uriel und hinter mir Raphael? Sehr einfach! Es ist einem immer am wohlsten, wenn man Raphael den Rücken gekehrt hat. A, gute Nacht, Reb Nephoel!" Der Alte, war höchlichst amüsirt. Es that ihm wohl, daß er seinen Mann richtig erkannt hatte, um so wohler, als er sich sagen mußte, daß er einen anderen Hilfesuchenden in diesem Augenblicke nicht besser behandelt hätte. Sein Alter war kein freundliches. Schon seit Jahren hatte sich ein Steinleiden bei ihm eingestellt, über welches er sich hinwegzutäuschen suchte, da er das Messer des i) Reicher Mann. 2) Bettler. 3) Vermögen. Chirurgen mehr als alles fürchtete, aber in der letzten Zeit hatte es sich mit vermehrter Heftigkeit fühlbar gemacht. Der Arzt behauptete, das Fasten am Bersöhnungstage und noch mehr die Erkältung in der tiefgelegenen Synagoge, in welcher man den Tag ohne Fußbekleidung zubrachte, hätte das Uebel verschlimmert. Reb Rephoel wollte diese Ursache nicht gelten lassen, denn Gottes Gebote können nur Gutes wirken, aber die Verschlimmerung des Nebels mußte er zugeben. Das körperliche Leiden war es aber nicht allein, was seine Stimmung verbitterte. Der Brief, den er, als der Bettler ihn verlassen hatte, wieder öffnete und noch einmal las, war eine andere Quelle seines Grames, über den die ganze Khille schon lange munkelte. Sein Schwiegersohn hatte ihm geschrieben, er müsse binnen acht Tagen zehntausend Gulden haben, oder er sei ein ruinirter Mann; ihn fallen lassen konnte er nicht, seiner Familie die Schande anthun, daß eines ihrer Mitglieder bankerott erklärt wurde und vielleicht — er wagte es nicht auszudenken — ins Gefänguiß wandern müßte, das ging nicht, darüber war sich Reb Rephoel klar; das Geld herzugeben war auch nicht nach seinem Geschmacke. Vergebens bot ihm der Schwiegersohn an, seine Bücher prüfen zu lassen, vergebens lieferte er den Nachweis, daß sein Geschäft vollständig lebensfähig sei lind nur eines größeren Kapitals bedürfe, um das Einlaufen ausständiger Zahlungen abwarten zu können. Reb Rephoel wollte nicht; der Egoismus des Alters machte ihn taub gegen alle Gründe. (Fortsetzung folgt.) Gin Herbstgang. Von M. Friedeberg. W^m Donnerstag, dem 15. Oktober, war das Grab eines Wohlthäters der Armen, des Dr. S. M. Ephraim, auf dem Friedhofe der jüdischen Gemeinde in der Schönhauser Allee frisch geschmückt. Auf dem einfachen Grabstein des Begründers der Ephraim-Stiftung stehen die Worte: „In dankbarer Erinnerung an Herrn Dr. Siegmund Martin Ephraim, den Helfer der Leidenden und Bedürftigen. Der Vorstand ver jüdischen Gemeinde." Daneben nur Geburts- und Sterbetag: Geboren t5. Oktober 1819, Gestorben 15. Mai 1890. Das Judenthum kennt keinen eigentlichen Gräberknltus. Anders ist es, wenn wir uns an dem Geburtstag eines dahingeschiedenen menschenfreundlichen Gelehrten auch nach den Gräbern umsehen, die einst seinem Herzen lieb und werth waren. Das Erbbegräbniß M. S. Ephraim und der Seinen umschließt auch das Grab von Henriette Ephraim geb. Fränkel; auf dem Gedenkstein lesen wir die Worte: „Soll es denn umsonst sein, daß mein Herz unsträflich lebet und ich meine Hände in Unschuld wasche." Der daneben befindliche bescheidene Stein rühmt den Vater des Dr. Ephraim, Markus Samuel Ephraim, mit den Worten: „Ein Biedermann reinen Herzens und ohne Falsch." . . . Die Herbstsonne sendet ihre letzten Strahlen auf die lang ausgedehnte Westwand des Friedhofes, an der sich so viele Inschriften zum Gedächtuiß hervorragender Männer befinden, die hier zum letzten Schlummer gebettet sind; es dunkelt bereits, und wir werden an das Wort erinnert: „Psach lomi schaar, b’ess N’ilas schaar, nowauo sch’orecho!“ Ja, das Andenken des Gerechten dauert segensreich fort. Erinnerungsvoll treten wir vor die nur wenige SB