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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-23 · Heft 43 (23.10.1896) · p. Seite 513

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 43 (23.10.1896)
Date
1896-10-23
Page
Seite 513 (sequence 9)
Language
German
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daß ich keine Nachsicht für Jemand haben kann, der Nachsicht mit diesen Blutsaugern des Staates hat. Jeder wahre Rüste müßte sie verabscheuen. Sie verachten den wahren Glauben und sind gleichgiltig gegen unsere Ideale.. Sie entziehen sich der Konskription. Sie leben unter sich und betrachten uns als ihre natürliche Beute. Unsere Landbevölkerung wird durch ihre Branntweinschänken korrumpirt, durch ihre Wucherer ausgesogen und durch die ränkevollen Hetzreden ihrer Hausirer zur Unzufriedenheit aufgestachelt. Legte jemals ein Jude sein Geld in russischen Jndustriewerthen an? Sie sind eine schmutzige, verrätherische Schwindlerbande. Glaube mir, Batiuschka (Väterchen), sie verdienen kein Mitleid." „Mitleid ist ihnen nie geworden," erwiederte ich. „Sie sind das, was die Russen — was wir — aus ihnen gemacht haben. Wer hat sie in ihre schmutzigen Keller, m ihre räucherigen Höhlen eingepfercht? Sie arbeiten mit ihrem Gehirn, mit ihrem Verstand, und ihr — wir — tadeln sie, daß sie nicht mit ihren Händen arbeiten. Sie arbeiten mit ihren Händen, und der Zar erläßt einen Ukas, daß sie den Boden, den sie bebaut haben, verlassen sollen. Es geht wie in Nesops Fabel vom Wolf und dem Lamme." „In welcher der Jude der Wolf ist," sagte Paul kühl. „Der Jude sorgt stets nur für sich selbst. Seine List ist teuflisch. So lange sein Herz sich nicht ändert, wird der Jude der Jsmael der modernen Welt bleiben, seine Hand gegen Alle. Jedermanns Hand wider ihn." „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst," zitirte ich bitter. „Gerade deshalb," rief Paul. „Der Jude muß vertilgt werden, gerade wie der Christ sein Auge ausreißen soll, wenn es ihn ärgert. Christus kam und brachte uns das Schwert, nicht den Frieden. Wenn das Reich Christi durch dies Ungeziefer verzögert werden sollte, so müssen sie um der Humanität willen ausgerottet werden." „Ungeziefer, wahrhaftig!" entgeguete ich heftig, denn ich konnte mich nicht länger beherrschen. „Was weißt Du denn von diesem Ungeziefer, von welchem Du mit solcher Sicherheit sprichst? Was weißt Du von ihrem inneren Leben, von ihren geweihten Häusern, von ihren geduldigen Leiden? Seid Ihr in ihre Herzen eingedrungen und habt Ihr die köstliche Naivetät ihres Lebens beobachtet, ihr schlichtes Vertrauen auf Gottes Schutz, der ihnen doch wahrlich wie Trug erscheinen könnte, ihre uneigennützige Häuslichkeit, ihre bewundernswerthe Verachtung aller Versuchungen, ihre Treue gegen den Glauben ihrer Väter, ihr rührendes Feiern der Fast- und Festtage, ihre Anhänglichkeit an einander, ihre bescheidene Lebensweise und ihren tiefen Respekt für geistiges Wiffen, ihr beharrliches Arbeiten vom Morgen bis zum Abend für wenige Kopeken, ihr heroisches Ertragen jeder Art von Qual, der Schmähung, der Verachtung —?" Ich brach in Thränen aus und erhob mich vom Frühstückstisch. Erstaunt folgte mir Paul in mein Zimmer. Ich selbst war über meine Indiskretion erschrocken. „Was fehlt Dir?" frug er und schlang seinen Arm um meinen Hals. „Warum erregst Dn Dich so über diese verfluchte Rasse, für welche Du Dich heute zum ersten Mal, soviel ich mich besinnen kann, aus einer seltsamen Laune oder aus Widerspruchsgeist ereiferst?" „Du hast Recht, warum iu der That?" murmelte-ich, indem ich mich zu beherrschen versuchte. Das Bild, welches ich entworfen, war übrigens in seiner Schönheit ebenso ideal, wie das Pauls in seiner Häßlichkeit. „Nun, ich wollte Dich nur daran erinnern, daß sie auch Menscheil sind." „Ach, das ist ja gerade das Unglück," beharrte Paul, „daß Menschen so tief fallen können. Und wer hat Dir denn alle diese engelgleichen Eigenschaften vorerzählt, die Dir so glatt von den Lippen rollen?" „Keiner," versetzte ich. „Du hast sie also erfunden? Ha, ha, ha!" Und Paul brach in fröhliches Lachen aus. Dies Gelächter durchschallt wie ein Schwert sein und mein Leben —, aber ich zwang ein Lächeln auf meine Züge, und wohlgemuther wie je ging Paul auf sein Zimmer. Beim Mittagessen trafen wir uns wieder, ebenso bei unserem frühen Abendbrod, aber Paul war zu sehr von seinem Buch und ich von meinen eigenen Gedanken eingenommen, als daß ein neuer Streit hätte eiltstehen können. Selbst ein Heiliger hat, wie ich glaube, eine Stelle, an der er egoistisch ist, und hinter all den Reden vor^ Paul über Rtlßlands Ideale, über die hirnverbrannten Nihilisten uild die vom Teufel, dem modernen Geist, besefsenell Demokraten, die die Aufgabe ihres Vaterlandes verkennell, steckte, davon bin ich fest überzeugt, eine verklärte Vision des St. Paul mit einem Strahlenkranz der russischen Ideale der Zukunft um die Stirn. Wenn er sie in seinem Buch so beredt schildert, wie er darüber spricht, wird es sicher gelesen werden. Aber ich habe einen bigotten Fanatiker erzeugt. Und je mehr er eifert, desto stärker erglüht mein Herz für den einfachen, erhabenen Glauben meines Volkes. Unter all dem verzwickten Schliugwerk der Ceremonien und Ritualien erkennt das erfahrene Gemüth eines Mannes, der gelebt und geliebt hat, die Umrisse eines Glaubensbekenntnisses, das groß in seiner Dauer, erhaben in seiner Einfachheit ist. Der Geist hat sich mit Fleisch bedeckt, damit menschliche Augen ihn fasten und mit ihm leben können und wenn auch das Gewand Stück für Stück zerriffen worden ist, so ist doch die Musik nicht aus seiner Stimme, noch die Liebe aus seinen Augen geschwunden. Sobald Paul morgen fort ist, will ich den Plan für mein künftiges Leben entwerfen. Sein Buch wird ihn zweifelsohne auf den Weg des Ruhmes und des Glückes führen. Aber was bleibt für mich übrig? Weiter leben wie jetzt, ist mir unerträglich. Nichts für mein Volk thnn, weder mit Wort noch Börse, allein in diesem langweiligen Nest leben, abgeschnitten von jeder menschlichen Gesellschaft, allem dem, was meiner Nachbarn Leben erträglich macht, entfremdet, — lieber tobt, als solch ein Tod bei lebendigem Leibe. Und doch — ist es möglich, daß ich wieder mit meiner Jugend Fühlung bekomme, daß ich nach'einer Art von Winterschlaf erwache und das entfernte Gestade wieder erreiche? Wird mein Volk eine Natter wieder an seine Brust nehmen? Gut, komme, was kommen mag, ich muß ein Ende machen. Selbst jetzt, in diesem Allgenblick, suchen vorwurfsvolle Stimmen mein Ohr heim, und lege ich die Feder nieder, um mein Bett aufzusuchen, muß ich Sorge tragen, das Licht angezündet zu lasten, weil in der Dunkelheit fürchterliche Schrecken sich auf lnich wälzen. Blitze und Echos aus der geisterhaften Welt meiner Kindheit, die Gesichter meiner tobten Eltern, seltsame Bruchstücke aus Reden und Gesängen, das Pfeifen des Windes in den Bäumen des „Hauses der Lebendigen",*) die weit entfernte Stimme des „Chasan", der eine melailcholische Melodie voll Herzweh und Traurigkeit singt, das nicht sehr volle Cheder.^) in welchem der Rabbi die nronotone Lektion vorträgt, der Stein, den der kleine Jvanowitch an meine Stirn geschleudert — „weil ich Christus getödtet!" — nein! meine Nerven sind nicht stark genug, um diese Visionen und Stimmen zu ertragen. Ich sehe jetzt ein, daß ich all mein Leben lang einsam und auf mich selbst angewiesen war. Keiner stand meinem innersten Herzen nahe, — selbst Caterina nicht. *) Hebräischer Ausdruck für Friedhof. s) Schule.

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