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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-08 · Heft 19 (8.5.1896) · p. Seite 226

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 19 (8.5.1896)
Date
1896-05-08
Page
Seite 226 (sequence 10)
Language
German
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226 hatte; bald nach der (Mubuiifl vertauschte cu bie)c 'Md Judenthuin mit einem vermuthlich ebenso inhaltsleeren Christenthum. Immanuel Wohlwill hat sich, wie männltzlich bekannt, um das jüdische Schulwesen wohlverdient gemacht. Ein Schulmann ist auch sein Sohn Adolf geworden; er lebtnoch jetzt als Professor am Johanneuin zu Hamburg — aber schwerlich als Jude. Mehrere der Reformer ließen sich sogar selber taufen. Elieser (Lazarus) Li Hermann war ein Hauptkämpe im ersten Hamburger Tempelkrieg. Später begab er sich nach seinem Heimathslaude Oesterreich, um anch hier reformatorisch zu wirken, zog es aber dann vor, katholisch zu werdend) Der Zweite war Israel Neumann, erst jüdischer Lehrer in Dessau und einer der „Vinristen", später evangelischer Geistlicher?) Beer (später: Johann Peter) Goldberg, 18 Jahre laug jüdischer Lehrer in Neuwied und fleißiger Mitarbeiter der hebräischen Zeitschrift Ua-Norrsset', bekam 1819 den Einfall, Christ zu werden. In Basel, wohin er sich zu diesem Zwecke begeben hatte, erhielt er den Bescheid: „Wir haben schon Christen 'genug."' In Eßlingen fand er Crhörung und ließ sich hier mit seiner ganzen Fainilie, sechs Personen, taufen. So etwas halten die guten Eßlinger noch niemals gesehen. Die Sache schien wichtig genug, um ein Dokument, welches noch späten Geschlechtern die Kunde von diesem welterschütterndeu Ereigniß übermitteln sollte, im Knopfe des Kirchenthurmes niederzulegen. Goldberg hat dann, in Gemeinschaft mit dem „frommen Michel", den Leipziger Meßjuden das Evangelium feilgeboten.-) Freilich war die Täuferei kein Privilegium der Reformer. Auch Kinder streng orthodoxer Häuser: ein Sohn von Hirsch Kalischer lind von Isaak Bernays, Enkel von Gabriel Eskeles und von Abraham Sutro, Enkel undUrenkel von Akiba Eger, ein Schwager von Samson Raphael Hirsch — diese Alle haben ihr Heil in Christo gesucht. Und ist nicht Selig Cassel, bevor er zum Paulus wurde, eine Säule der Neoorthodoxie gewesen? Den Schutz gegen den Abfall hätte die jüdische Wissenschaft gewähren sollen. In Berlin war 1819 ein Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden entstanden, welcher namentlich die Glaubenstreue auf seine Fahne geschrieben hatte. Wir wissen leider, wie schnell dieser Verein verkracht ist, und zwar — durch die Fahnenflucht seiner Führer. Eduard Gans, der später so berühmt gewordene Jurist, ließ Verein und Judenthum im Stich, für welche er eben noch so begeistert gethan hatte; Heinrich Heine, Daniel Leßmann, Elieser Sinai Kirschbaum folgten seinein Beispiel. Heine spricht mit Bitterkeit über den Verrath seines Freundes Gansd) aber, so könnte man fragen, wie kommt er dazu, sich als Sittenrichter aufzuspielen? Ueberdies thut er deinselben entschieden Unrecht, denn so leichten Herzens, wie man nach der Heine'scheu Darstellung vermuthen sollte, ist Gaus denn doch nicht zum Taufbecken gegangen. Erst nachdem er im Jnlande und Auslande mit unsäglicher Mühe, aber dennoch vergeblich eine seinen Neigungen und Fähigkeiten angemessene Stellung gesucht hatte: — erst da verstand er sich dazu, vor dem Christenthum zu tapitnliren. 9 G. Wolf: Jsak Noa Mannheimer (Wien 1863) S. 10. Graetz fragt (Geschichte der Juden, Bd. XI, S. 421), ob dieser Libermann vielleicht mit dem Abkw Libermann identisch sei, den der Papst selig gesprochen hat. Dies ist unmöglich, denn der „selige" Libermann hieß Jacob und stammte aus Zabern im Elsaß (Dalman in der Rundschau über die Diaspora der Juden, Beiblatt zu „Saat auf Hoffnung I. 1887. S. 44). 9 Ph. Philippson: Biographische Skizzen, Bd. I (Leipzig 1864) Seite 68. 9 Missionsblatt des rheinisch-rvestf. Vereins für Israel 1890 S. 38 fg. 9 Ludwig Marcus. Denkworte (Bd. VI, S. 119 der Elster'schen Ausgabe.) *-II—41---:-H-Jl- * mmmm | mnunimiMWgsg wimmm 1* 1 1 FEUILLETON J 1 ■nminmimnm IWMnMW Eganmnmtmih LSMlMMj W HMSMMM <--1 —t .... Ä.' -II-II— Acr Katan. Erzählung von I. Zangwill. Autorisirte Uebersetzung von Frau Dr. Jda Wedell. V. „Denn er wird dich erretten von der Schlinge des .Vogelstellers, von der Pest Verderben." Psalm 91. Leichentuch von frisch gefallenem Schnee hüllte die todte Erde ein, auf welche der Himmel trübe und finster herabsah. Mosche Gr'mwitz lag fastzueinem Schatten abgemagert, in seinem ungeheizten Dachstübchen, welches beinahe, ohne alle Möbel war. Sein Bart war nngelämmt, seine Backenknochen fleischlos, seine Augen fieberhaft groß und glänzend, seine Seitenlocken wirr und ungepflegt. Er schien kaum Kraft genug zu haben, um einem Kinde Widerstand leisten zu können, und doch wurde, wenn er hustete, die ganze skelettartige Gestalt konvulsivisch erschüttert. „Kommt er denn gar nicht zurück?" murmelte er leise. „Seid unbesorgt; soweit es in meiner Macht liegt, werde ich beich Euch sein." erwiederte der Bucklige, als er ins Zinnner trat. „Aber ach, ich bringe Euch wenig Trost. Ein Pfandleiher nach dem anderen weigerte sich, etwas auf meinen Rock zu leihen, und zuletzt verkaufte ich ihn für wenige Groschen. Seht, hier ist etwas Milch; sie ist warm!" Mosche versuchte das Kännchen zu ergreifen, aber schwach sank er zurück. Ein Schatten von Angst überzog das Antlitz seines Geführten. „Sollte ich mich verrechnet haben?" murmelteer. Er hielt die Kanne an die Lippen des Kranken und stützte.seinen Kopf mit der anderen Hand. Mosche trank, legte sich zurück und drückte dankbar die Hand seines Freundes. „Armer Mosche," sagte der Bucklige. „Welch eine Schande, daß ich das Gold, welches mein Vater mir vor sieben Monaten hinterlassen, so in die Gosse geworfen habe! Wie konnte ich ahnen, daß Euch solch lange Krankheit befallen würde." „Nein, nein, bereut es nicht!" antwortete Mosche und sein blasses Antlitz leuchtete auf. „Es waren schöne, lustige Zeiten, alte, fröhliche Zeiten, so lange das Geld dauerte. Oh, Ihr wäret ein guter Freund, Ihr wäret mir ein treuer Freund! Wenn ich Euch nicht kennen gelernt hätte, würde ich in das Nichts hinabgesunken sein, ohne jemals die tollen Freuden des Weins und der Schwelgerei kennen gelernt zu haben. Ich habe wilde, wonnige Augenblicke der Lust und des Taumels kennen gelernt. Keine Macht des Himmels und der Hölle kann mir die Vergangenheit rauben. Und Euch verdanke ich dies Alles, dies Denken-, Thun- und Lassenkönnen was ich will, ohne durch aberglaubenbeschwerte Flügel gehindert zu werden! Und seit ich erkrankt bin, pflegt Ihr mich, wie — wie nur eine Frau es könnte! Seine Worte erstarben im Schluchzen, dann herrschte Stillschweigen, nur ab und zu von dem hohl und seltsam in dem leeren Raume wiederllingenden Husten unterbrochen. Er sprach weiter: „Wie ungerecht war Riwkele gegen Euch? Sie sagte damals" — hier lachte der Sprecher leise, melancholisch auf — Ihr wäret der leibhaftige Satan Mekatrig!"

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