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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-08 · Heft 19 (8.5.1896) · p. Seite 227

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 19 (8.5.1896)
Date
1896-05-08
Page
Seite 227 (sequence 11)
Language
German
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227 „Armes, geplagtes Weib!" sagte sein Freund mit mitleidiger Verachtung. „Im neunzehnten Jahrhundert, in welchem bei den Weisen der Glaube an die Götter schwindet, giebt es also doch noch Narren, die an den Teufel glauben. Aber sie kann es ja mir bildlich gemeint haben." Der kranke Mann schüttelte mit dem Kopf. „Sie sagte, der böse Einfluß — natürlich erschien er ihr böse—, den Ihr auf ihr Denken ausübtet, und ich glaube, auch auf meines, sei übernatürlich/' „Oh, ich will nicht behaupten, daß ich starkgeistiger wie andere Menschen bin. Natürlich stimme ich jetzt, oder sollte es wenigstens, einen Triumphgesang an. Wieso fangt ein Soldat Feuer unter den Augen seines Kapitäns? Welcher Magnetismus befähigt den Einzelnen, eine Nation zu bezaubern? Warum findet eines Freundes unausgesprochener Gedanke ein Echo im Herzen eines Anderen? Forscht in der Wissenschaft, studirt Mesmerismus, Hypnotismus, Gedankenlesen, und Ihr werdet mich und meinen Einfluß verstehen. „Ja, Nimkele hatte für nichts Sinn, außer für ihr Gebetbuch. Riwkele" — „Nennt mir ihren Namen nicht," unterbrach ihn der Bucklige barsch. „Eine Frau, die ihren Mann verläßt" — „Sie schwur, mich zu verlassen, wenn ich die Jom Kipnrkerze ausblasen würde. Und ich that es." „Eine Frau, die den Verstand verliert, weil ihr Mann ihn wieder bekommt," hohnlächelte der Andere. „Unzweifelhaft beschwor ihre abergläubische Phantasie alle möglichen Schauer-Gestalten in der Dunkelheit herauf. Ha, ha, ha!" lachte er gräßlich. „Glücklicherweise wird sie nicht zurückkehren. Sie scheint ganz gut ohne Euch fertig zu werden.' Wahrscheinlich hat sie einen Anderen gefunden, der mehr nach ihrem frommen Geschmack ist." Mosche erhob sich, ent allen Gliedern bebend. „Sagt das nicht noch einmal!" ächzte er. „Mein Riwkele!" Ein heftiger Hnstenanfall schüttelte ihn, und seine blassen Lippen wurden roth von Blut gefärbt. Die kalten Augen des Buckligen glitzerten unheimlich, als er das Blut sah. „Auf jeden Fall," sagte er sanfter, „kann sie den schweren Eid nicht brechen, den sie geschworen. Sie wird nie wieder kommen." „Nein, sie kommt nicht wieder," stöhnte der kranke Mann. „Aber es war grausam von mir, sie fortzujagen. Wollte G- Der Bucklige schloß hastig mit seiner Hand des Sprechers Mund und wischte zart und behutsam das Blut ab. „Wenn ich wieder gesund werde." sagte Mosche mit plötzlichenr Entschluß, „will ich sie suchen; vielleicht muß sie hungern." „Wie Ihr lvollt. Ihr wißt, sie kann immer ihr Brod verdienen mit ihrer Putzmacherei. Aber Ihr seid Euer eigener Herr. Wenn Euere Krankheit gehoben sein wird — hoffentlich bald —, könnt Ihr gehen und sie suchen und sie zurückholen, damit Ihr wieder mit einander haust." Die Worte schallten spöttisch durch das Zimmer. „Wie brav Ihr seid?" murmelte Mosche und legte sich wie erlöst in die Kissen zurück. Der Bucklige beugte sich über das Bett, bis seine gigantische Stirn beinahe die des kranken Mannes berührte, bis seine wunderbaren Angen fast in den seinen ruhten. „Und doch wollt Ihr mich Eure Wiederherstellung nicht durch das von mir vorgeschlagene Mittel beschleunigen lassen." „Nein, nein," erwiederte Mosche, am ganzen Leibe zitternd. „Was liegt daran, ob ich eine Woche mehr oder weniger hier liege." „Hier liegen!" zischle sein Freund. „In einer Woche werden Eure Knochen verfaulen!" Ein wilder Schrei entrang sich den blutbefleckten Lippen. „Ich will nicht sterben! Ich will nicht sterben! Ihr sagtet doch eben erst, daß ich bald gesunden werde!" „Gewiß, gewiß, das werdet Ihr auch. Aber nur, wenn .wir Geld haben. Unsere letzten Pfennige, unsere letzten Anstrengungen, einen Pfennig zu erhalten, sind erschöpft. Ohne ordentliche Nahrung, ohne einen Funken Feuer, wie könnt Ihr das bei dieser bösen Witterung nur eine Woche anshalten?" Nein, anstatt aus dem Licht und der Fröhlichkeit der Welt in die düsteren Grabesschatten zu gleiten, laßt Euch auf der Stelle taufen!" „Mich taufen lassen! Schmadden! Niemals!" schrie der kranke Mann, bei dem bloßen Wort schon einen unüberwindlichen Haß empfindend, der stärker wie die Vernunft war, und wieder durchrüttelte ihn ein grausamer Hustenanfall. „Seht zu, wie diese Eisatmosphüre Euch bekommt. Ihr müßt Ebristeugeld anuehmen, sage ich Euch! Nur daun kanu ich Euch Feuer verschaffeil," mit schrecklichem Nachdruck wiederholte er, „Euch Feuer verschaffen! Ihr nennt Euch selbst einen Ungläubigen. Wenn dem so ist, was liegt Euch daran? Warum wollt Ihr um eines elenden Borurtheils willen sterben? Seid Ihr denn in Wahrheit ein Ungläubiger? So lange, wie Ihr noch davor zurückschreckt, irgend eine Religion unter der Sonne zu bekennen, so lauge besitzt Ihr noch Religion. Euer Unglaube ist nur eine Schanmgeburt des tiefen Meeres Eures Glaubens, nur Lippenbekenntnis;, während Euer Herz noch von Aberglauben angekränkelt ist. Kommt, laßt mich den Priester mit seinem Kruzifix und seinem Weihwaffer holen. Laßt uns so leben, wie wir es verdienen. Erhebt Euch; seid ein Mann und lebet." „Nein, nein, Bruder! Ich will ein Mann sein und sterben!" „Narr!" zischte der Bucklige. „Für Einen, der seit Monaten von Christeugeld gelebt hat, ziemt es sich gerade nicht, so skrupulös zu sein." „Ihr lügt!" ächzte Mosche. „In den sieben Monaten, seit wir Beide uns kennen, hat das Geld der Christen uns erwärmt, ernährt und erfreut und ist als feuriger Wein durch unsere Adern gerollt. Woher denn, glaubtet Ihr, bekam ich das Geld zu unseren Gelagen?" „Von Eurem Vater sagtet Ihr doch." „Ja, von meinem geistigen Vater," war die grimmige Antwort. „Nein, als ich die Wahrheit (die Euch jetzt noch mangelt), daß alles außer der Lust hohl und Trugwerk sei, erkannte, wurde ich Christ. Eine Zeit lang bezahlten sie mich gut, aber sobald ich im Jahresbericht gestanden und dadurch meine Schuldigkeit gethan hatte, fielen die Unterstützungen fort. Ich hätte mich in einer anderen Stadt oder einem anderen Lande taufen lasten können — aber ich wagte es nicht, Euch allein zu lassen. Ihr seid ein neuer Mann, und wenn sie Euch in den Schafstall schleppen, werden sie uns gut belohnen. Anstatt trockenen Brodes, könntet Ihr wieder Mock-tnrtle - Suppe und Champagner kosten." Mosche starrte den Versucher minutenlang wild an. Er sah auf seine fleischlosen Arme und schauderte. Er fühlte die eisige Hand des Todes auf sich ruhen. Und ec war doch noch so jung. (Schluß folgt.)

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