Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- Seite 225 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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... aber.er^ zeigte sich bei dessen .Kindern, in. seiner folgenschweren Bedeutung. Von den Nachtomnien Mendelssohns lebt' kein einziger mehr als Jude, und zwar hat die männliche Linie den Protestantismus, die weibliche den Katholizismus bevorzugt. Von den Ersteren hat sich besonders der geniale Tonküustler Felix Mendelssohn- Bar tholdy, der Sohn Abrahams und Enkel Moses Mendelssohns, ausgezeichnet. Sein Sohn Karl war ein namhafter Historiker, sein Vetter Georg Benjamin ein geachteter Geograph und Herausgeber der Werke seines Großvaters Moses. Felix' Schwester Fanny vermählte sich mit dem protestantischen Historienmaler Wilhelm Hensel, Rebekka mit dem katholischen Mathematiker Lejeune- Dirichlet. Letztere wurde Mutter des Walter Lejeune-Dirichlet, welcher in den achtziger Jahren als fortschrittlicher Abgeordneter den Reichstag und das preußische Abgeordnetenhaus durch schlagfertigen Witz oftmals erheiterte. Von Moses Mendelssohn's Kindern war Dorothea geistig am bedeutendsten. Der Judenfeind Fichte schrieb an seine Frau, er habe nimmer geglaubt, daß von den Juden etwas Gutes kommen könne, bis ihn Dorothea Mendelssohn eines Anderen belehrt hättet) Und sie, die kluge Frau, die Tochter Moses Mendelssohn's, verließ ihre:: braven Gatten, um sich dem genialen, aber liederlichen Friedrich Schlegel an den Hals zu werfen und mit ihm durch Dick und Dünn, d. h. durch Protestantismus und Katholizismus zu gehen. Ihre Söhne erster Ehe, Philipp und Johann Veit, machten die Taufe mit und wurden Beide berühmte Maler. Die Frivolität, mit welcher man damals die Religion wechselte, zeigte sich bei Dorothea's Schwester Henriette in ihrer ganzen Erbärmlichkeit. Als Dorothea katholisch geworden war, forderte sie Henriette auf, sich gleichfalls der römischen Kirche in die Arme zu werfen — eine Zumuthung, welche diese mitUnmuth verlachte und sich ein für allemal verbat. Es dauerte aber gar nicht lange, da befolgte sie dennoch den Rath, „nicht eigentlich schon in Besitz eines festen Glaubens, aber voll Hoffnung, ihn zu erlangen."* 2) Ihre Hoffnung muß wohl in Erfüllung gegangen sein, denn in ihrem Testamente spricht sie mit Bedauern davon, daß Gott der Herr sie nicht der Gnade gewürdigt hätte, die Geschwister alle zur katholischen, wirklich seligmachenden Kirche hinüberzuziehen. 3 * 5) Was ist aus der Nachkommenschaft unseres Moses geworden! Seine Tochter Dorothea küßte dem Papste den Pantoffel, zwei seiner Enkel malten mit Vorliebe Jesusbilder, und ein dritter Enkel verherrlichte den Paulus! Heinrich Heine sagte einmal, wenn er ein Enkel des großen Mendelssohn gewesen wäre, hätte er sich wohl gehütet, ein Schleppträger des protestantischen Pietismus zu werdend) Moses Mendelssohn selbst ist an dem Unglück, das über sein Haus hereinbrach, vielleicht nicht ganz ohne Schuld. 1779—1782 war Herz Homberg , ein geborener Böhme, Erzieher seiner Söhne, ein Mann, von dem er tvohl hätte wissen können, daß er nur noch mit halbem Herzen beim Judenthum war. Adolf Kohut rühmt, Mendelssohn habe gar keine beffere Wahl für feine Kinder treffen können?) Ja, wenn es wirklich seine Absicht gewesen wäre, dieselben dem Judenthum zu entfremden! In seiner ganzen Glorie zeigte sich Homberg allerdings erst später. Von Joseph II. nach Oesterreich berufen, um das jüdische Schulwesen zu organisiren, rühmte er in einem Majestätsgesuch sä. ä. 18. August 1833), er habe in einer ') Hillebrand in der Revue des deux mondes, Bd. 86 (1870) Seite 474. 2) S. Hensel: Die Familie Mendelssohn, Bd. I- (Berlin 1886) S. 52 f. 3) A. a. O. S. 70. 4) Allg. Zeitung d. Judenthums 1866, S. 17. *) Moses Mendelssohn und seine Familie (Dresden 1886 (S. 68. seiner Schriften die Identität von Judenthum und Christenthum nachgewiesen. In demselben Schreiben wies er darauf hin, daß einige seiner Kinder bereits die Taufe genommen hätten?) - Warum auch nicht, wenn doch im Grunde Alles einerlei ist? Solches Wohlverhalten trug dem k. k. Schulrath von Seiten der Regierung die große goldene Verdienstmedaille ein?) aber den, galizischen Juden tpar es trotzdem nicht zu verargen, wenn sie sich von. einem Homberg nicht beglücken lassen wollten. Ein Mann ganz anderen Schlages war Mendelssohn's Freund und Mitarbeiter Hartwig Wessely, einer der besten Hebraisten der neueren Zeit und ein treuer Jude. Dennoch blieb auch seine Familie von der Taufepidemie nicht verschont. Franz Delitzsch lernte einen seiner Söhne können, der Christ geworden war, freilich ohne dadurch auf einen grünen Zweig zu kommen?) Derjenige, welcher sich als der eigentliche Nachfolger Mendelssohn's betrachtete, war David Friedländer, aber welch ein Unterschied zwischen ihm und seinem Vorbilde! Mendelssohn hatte Bekehrungsversuchen gegenüber mit echt jüdischem Stolze auf die unendliche Ueberlegenheit seiner Religion hingewiesen. Friedländer glaubte nicht mehr an diese Ueberlegenheit; er wollte sich auch taufen lassen, aber in seiner peinlichen Gewissenhaftigkeit suchte er vorher in Bezug auf die christlichen Dogmen sein Gewissen zu salviren. Seine Kinder kannten nicht mehr solche Skrupel; sie nahmen das Christenthum saus xdi-sse an. Ein Enkel, Julius Friedländer, wurde ein berühmter Numismatiker und ist vor wenigen Jahren als Direktor des königlichen Münzkabinets verstorben, ein anderer lebt noch jetzt als Geheimer Staatsarchivar in Berlin. Als Heilmittel gegen den einreißenden Abfall galten Emanzipation und Einführung gottesdienstlicher Reformen. Um diese Güter entbrannte der Kampf. Da ist es denn betrübend zu sehen, daß manche von denen, welche die Bannerträger in diesem Kampfe sein wollten, der Fahnenflucht im eigenen Hause nicht zu steuern vermochten oder gar selber überliefen. Zur Zeit, als der Jude noch wie das liebe Vieh seinen Leib verzollen mußte, wenn er von einen: der 266 Fetzen Deutschlands zum anderen gelangen wollte, entfaltete der wackere Wolf Breideubach eine unermüdliche Thätigkeit, um diese Schmach von den Söhnen seines Volkes abzuwälzen. Sein eigener Sohn wußte einen bequemeren Weg; er rettete sich aus allen Widerwärtigkeiten heraus durch einen kühnen Sprung — ins Christenthum und wurde dadurch sogar ein Herr „von"?) Der Erste, welcher religiöse Reformen, wie hochdeutsche Predigt, Orgel u. s. w. in die Synagoge einführte, war Israel Jacob so hn. Jacobsohn predigte selber gern, obgleich er eigentlich kein gelernter Prediger war. Sein Sohn wurde wirklicher Prediger, aber — der christlich-katholischen Gemeinde?) Dies ist allerdings insofern weniger auffallend, als bereis dem Vater von seinem Biographen eine „christliche" Empfindungsweise uachgerühmt wird?) Den Gesetzkodex, Schulchan Aruch, für die Reformer schrieb Michael Creizenach. Sein Sohn Theodor wählte aber statt des neuen Schulchan Aruch lieber das Neue Testament. Er war die Seele eines Reformvereins gewesen, welcher in Frankfurt a. M. 1843 ein Judenthum ohne Beschneidung und ohne Messias gegründet *) Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, Bd. V, Seite 29. 2) Sulamith III. 1 (Kassel 1810) S. 258. 3) Saat auf Hoffnung 1864, Heft 1, S. 6. 4) Geadelte jüdische Familien (Salzburg 1891) S. 15. 5) Jüdische Presse 1891, S. 647. e) Arthur Kleinschmidt: Dr. Israel Jaeobsohn (o. O. u. I.) S. 12.