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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-03-27 · Heft 13 (27.3.1896) · p. Seite 151

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 13 (27.3.1896)
Date
1896-03-27
Page
Seite 151 (sequence 7)
Language
German
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151 Bereiche der jüdischen Litteratur, der Bücher- und Autorenkunde?) Seine wissenschaftlichen Arbeiten, als deren jüngste sein. 1893 erschienenes großes, von der Academie des Inscriptions preisgekröntes Werk „Die hebräischen Uebersetzungen des Mittelalters", zu dem er das Material beinahe fünfzig Jahre gesammelt hat, hier zu nennen ist, setzten ihn in Korrespondenz mit einer großen Anzahl von Gelehrten in Deutschland, England, Frankreich, Italien, Holland und Rußland; schon im Jahre 1878 nahm, seiner eigenen Versicherung nach, seine Korrespondenz mehrere Bände ein. Innig befreundet war er mit Leopold Zunz, den er stets hochverehrtee, mit S. D. Luzzatto, Abraham Geiger, Adolf Jellinek, F. Lebrecht u. A. Ferner mit Bardinel, dem Oberbibliothekar der Bodlejana, Professor Juhnbole in Leyden, Professor Wright in Dublin, mit den Italienern Perreau und Lasinio, mit dem Fürsten Boncopagni in Rom und vielen Anderen. Für das große Publikum schrieb Steinschneider nid)t. „Ich schreibe nur für Leser, welche Sachkenntniß besitzen, lernen wollen und können," bemerkt er einmal in einer Auseinandersetzung mit einem jüngeren Bibliographen, der ihn in früheren Jahren mit einer gewissen Geringschätzung den „Katalogisten" nannte, „vor das große Publikum gehören meine bibliographischen Studien ganz und gar nicht, und eilfertigen Kompilatoren, denen die ersten Voraussetzungen der Kritik fehlen, das Geschäft zu erleichtern, ist durchaus meine Absicht nicht." Gegen unberufene und unehrliche Schriftsteller, welche seine Werke ausbeuteten, ohne ihn gar zu nennen, war er, ein unbestechlicher Richter, schonungslos in seiner Kritik; hingegen hatte er stets Worte der Anerkennung für jede wissenschaftliche Leistung; den populär-wissenschaftlichen Arbeiten ist er nicht sonderlich hold. Er selbst hat, wie bereits erwähnt, für das große Publikum wenig oder nichts, wohl aber für das kleine, für die Jugend, und zwar — eine Fibel nach neuer Methode und für die Sassoon- Schule der Beni Israel in Bombay ein Spruchbuch geschrieben. Und doch hat der Mann strenger Gelehrsamkeit seine litterarische Laufbahn eigentlich mit einer schöngeistigen Arbeit begonnen. „Aus bloßer Liebe für das liebende Publikum", lieferte er 1839 für das von Sigmund Saphir redigirte „Pester Tageblatt", „eine Uebersicht der Wissenschaften und Künste, welche in Stunden der Liebe nicht zu übersehen sind", und acht Jahre später ließ er ein Bändchen Dichtungen, .Nachbildungen jüdischer Poesie, erscheinen, welche er unter dem Titel „Manna" seiner Braut, seiner „theueren Auguste", „nachdem ihre Freundschaft die schwerste Probe der Trennung bestanden," gewidmet hat. Im Juli 1848 ließ er sich mit seiner Auguste, geb. Auerbach, in der Nähe Berlins trauen; an seinem reichen Schaffen hat seine vortreffliche Frau wesentlichen Antheil. Steinschneider kann au seinem achtzigsten Geburtstage mit dem hohen Bewußtsein vielfacher Anerkennung und Verehrung auf ein arbeitsreiches Leben zurückschauen. Möge ihm ein langes und kräftiges Greisenalter beschieden sein! y Dr. A. Berliner hat die Schriften des Dr. M. Steinschneider zu seinem 70. Geburtstage zusammengestellt (Berlin 1886). Inzwischen sind noch mehr als fünfzig Nummern zu diesem stattlichen Katalog, der selbst eine Bibliothek im Kleinen darstellt, hinzugekommen. Zur Volkskunde der Juden. Bortrag, gehalten von Syndikus Dr. Georg Minden im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur zu Berlin. II. er erste Baud des Buches von Schudt enthält geographische und geschichtliche Nachrichten über die Juden aus allen damals bekannten vier Welttheilen. Der Verfasser kennt die Unterschiede von Rabbauiten und Karüern. von Portugiesen und Aschkenasim. Sein wissenschaftliches Urtheil ist meistens gesund; so weist er die wissenschaftlichen Phantasien, daß die Indianer von den Inden abstammen, energisch zurück, ebenso die Behauptung, daß die Zigeuner Juden seien. Ein besonderes Kapitel widmet er den „Judentzern", d. h. den Christen, die sich den Anschauungen der jüdischen Religion nähern, u. A. der Sekte der Sabbatharier. Merkwürdigerweise rechnet er zu den Judentzern auch den berühmten holländischen Rechtsgelehrten Hugo Grotius, den Schöpfer des europäischen Völkerrechts. Der zweite Theil des Buches beschäftigt sich mit den Frankfurter Juden. Schudt hat hier das Meiste direkt aus dem Leben geschöpft. Die Ueberschriften einiger Kapitel scheinen allerdings Uebelwollen zu verratheu, z. B.: „Von der Frankfurter Juden Wucher und Schacherei!, Von der Frankfurter und anderer Juden List und Verfortheiligung im Handel. Von einiger Frankfurter Juden Jnsolentz, Uebermnth und überinüthiger Frechheit. Von Frankfllrter Juden Hochmuts»." Aber seinem Versprechen gemäß fügt der Verfasser, wenn er einzelne tadelnswerthe Handlungen der Juden angeführt, auch ähnliche Erzählungen von Christen bei. Bei der Erzählung von Shylock giebt er z. B. auch diejenige Version, nach welcher der unglückliche Schuldner, welchem das Pfund Fleisch ausgeschnitten werden soll, ein Jude und der unbarmherzige Gläubiger, der auf seinem Schein besteht — ein Christ ist?) Auffassend ist uns, daß Schudt, wenn er eine alt überlieferte Sage erzählt, immer genau zu untersuchen bestrebt ist, ob die Begebenheit auf Wahrheit beruht, — während den heutigen Forscher interessirt, wie der betr. Balladenstoff von einem Volke zum anderen gewandert ist und welche Veränderungen er in der Bearbeitung erlitten hat. Ju anderen Kapiteln finden sich dann ganz objektive Beschreibungen jüdischer Sitten und Ceremonien, z. B. Verheirathung und Ehe, Verlöbniß und Hochzeit. Kindbett, Begrübniß, Sabbathfeier und Festtage, besonders Püriin. Wir erfahren auch von Nationaltäuzen, insbesondere von einem, den man in Altona getanzt habe und der „Abraham sein Pferd" genannt wurde. Auch die Synagogen hat er eifrig besucht. So beschreibt er z. B. den Priestersegen, das Duchnen, erwähnt das Verbot, bei dieser Gelegenheit den Priestern auf die Hände zu sehcn, weil dort die Majestät Gottes wohne, fügt aber spöttisch hinzu: „Ich bin vom Anschaueu solches Juden-Segens am Jom Kippur Anno 1714 nicht blind worden." Die strenge Sabbathfeier der Juden lobt er sehr. Er erzählt, daß Sr. Exzellenz der dänische Präsident, Herr von Jessen zu Altona, bei dessen Söhnen er Hauslehrer war, 1689 in hochwichtigen königlichen Affären nach Hamburg habe fahren müssen, daß ihm eins seiner Pferde vernagelt gewesen und er den portugiesischen Juden Abenzur um sein Pferd habe ausprechen lassen. Dieser habe 9 Anm. Die Geschichte spielt zu Rom zur Zeit des Papstes Sixtus V. Der Christ heißt Paul'Maria Secchi, der Jude Simson Coneda. Secchi drang mit Gewalt auf die Erfüllung des ausgerichteten Kompromisses. Der Papst verbot die Verurtheilung.

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