Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1896)
- Date
- 1896-03-27
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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152 aber verweigert, es-ihm zu geben, da Sabbath sei und sein Vieh nach Gottes Gebote ruhen müsse. Schudt fährt fort: „Ich bin versichert, so man dem ärmsten Laus- und Betteljuden würde 1000 Dukaten am Schabbes zu verdienen geben, er würde nimmermehr zu einem Werk oder Handel, solche zu gewinnen, sich bewegen lasten. Die Christen beobachten ihrer: Sabbath nicht, als nur mit - Schwelgen und Spazierengehen. Aber die Juden halten ihn mit Abstehung von der Arbeit und fleißiger Lesung des göttlichen Gesetzes." Wenn der gute Schudt heute wieder kommen würde, würde er wahrscheinlich den Refrain des Studentenliedes singen: 0 quae mutatio rerum. Im übrigen bringt er aus den Maaseh-Büchern, d. h. aus den' Geschichtenbüchern, mit deren Lektüre sich unsere Vorfahren in den Ghettos die Zeit vertrieben, eine Reihe von Anekdoten: wie ein auf der Reise befindlicher Jude, der den Sabbath gehalten, durch einen Bären beschützt worden sei, während feine Genossen, die den Sabbath brachen, um weiter zu reisen, von Räubern beraubt worden, wie dann der Bär die Räuber erschreckt, so daß sie dem frommen Juden ihre Beute gegeben haben. Dann kommt die Geschichte einer Kuh, die von einem Juden an einen Christen verkauft worden sei und am Sonnabend nicht habe ackern wollen. Auf die Beschwerde des Käufers habe der Jude der Kuh ins Ohr geflüstert: „Liebe Kuh, Du bist jetzt bei einem Goy; darum, daß ich mög haben Frieden, geh und acker vor Dich". Darauf habe die Kuh angefangen zu ackern. Der Goy sei aber so erstaunt gewesen, daß er laut geweint habe. Er sei später mit seinem ganzen Hause jüdisch geworden und habe den Namen R. Chaninah angenommen. Dann kommt wieder eine von Schudt in Altona erlebte Geschichte: Neben seiner Behausung habe eine jüdische Wittib gewohnt, die hatte sich Freitags in die Synagoge begeben; „ihre beiden Töchter aber, so einen Topf mit Speise bei dem Feuer hatten, beobachteten so gleich nicht, daß der Schabbes angangen; da sie es merkten am den Lampen anderer umher wohnender Juden, liefen sie mit einem Zeter-Geschrei, als ob das Haus brennte, auf die Straße und klagten, daß sie den Topf nicht dürften vom Feuer rücken, weil sie es versehen und nun der Sabbath eingetreten, worüber sich viel Gelächter erhob, bis sich endlich ein armer Christenknabe mit Versprechung eines doppelt Schillings nach verflossenem Sabbath bewegen ließ, ihnen den Topf vom Feuer abzuziehen." Der Verfasser fügt auch noch die Erzählung von Joseph dem Sabbathfeirer bei, in der Sie Anklänge an den Ring des Polykrates finden werden. Joseph ist ein frommer, aber nicht reicher Mann, der den Sabbath dadurch ehrt, daß er stets die besten und theuersten Fische kauft. Neben ihm wohnt ein reicher Geizhals, der ihn deswegen verspottet. Die Sterndeuter weissagen ihm, daß sein Vermögen auf Joseph übergehen würde. Um dieser Gefahr zu entgehen, verkauft er alle seine Güter, schafft für den Erlös leicht transportable Kleinodien an, die er an seinen Hut heftet und wandert damit aus. Auf der See nimmt ihm ein Sturm den Hut fort, worauf das Kleinod von einem Fisch verschlungen wird; diesen Fisch kauft dann der fromme Joseph und findet darin die kostbare Hutschnur, die nun sein rechtmäßiges Eigenthum wird. Es ist sehr interessant, diese aus alten jüdischen Quellen geschöpfte Version mit der von Schiller wiedergegebenen griechischen Erzählung zu vergleichen. Der Stoff ist identisch: Auffindung eines verlorenen Kleinods im Bauch eines Fisches. Auch die Grundstimmung ist dieselbe: „Niemand kann seinem Schicksale entgehen." Der jüdische Volksdichter giebt dies in einer recht plumpen Komposition, während bei Schiller das ästhetisch Wirkungsvolle darin liegt, daß er sein Gedicht abbricht, ohne zu erzählen, wie sich das Fatum erfüllt, und daß er so die Ausmalung der Katastrophe dem Leser und Hörer überläßt. Aber der Unterschied in der Moral ist äußerst bedeutungsvoll: Bei dem in griechischen Anschallungen sich bewegenden deutschen Klassiker der Neid der Götter, die dem Sterblichen sein Glück nicht verzeihen; bei dem jüdischen Erzähler die Belohnug des Frommen, der die Gesetze hält, durch einen unerhörten Glücksfall! Eine fernere Nachricht, die uns der Magister überliefert, ist noch die, daß die Frankfurter Juden, um das biblische Gebot zu beobachten, nach welchem alles Erstgeborene Gott geweiht sein solle, einen erstgeborenen Stier frei auf ihrem Friedhof umherlaufen ließen. Dieser wurde mit der Zeit sehr üppig, richtete viel Unheil an und mußte zuletzt von Magistratswegen durch Stadtsoldaten erschossen werden. Der letzte Band des Werkes enthält dann noch im Original einige Purimspiele in Knittelversen „von der Verkaufung Josephs" und „Haman, Mardochai und Esther" und andere Urkunden, z. B. der Frankfurter Juden Stättigkeit und Ordnung, d. h. die polizeilichen Vorschriften, nach denen sie sich zu richten hatten. ■ Doch genug von Schudt! Freilich hat man häufig Veranlassung, sich darüber zu ärgern, was für eine Menge kleinlichen Klatsches m:d engherzigen Raisonnements hier zusammengetragen und durch die Drucklegung verewigt worden ist. Aber im Großen und Ganzen kann ich nicht anders sagen, als daß ich bei der Lektüre des dickleibigen Folianten genau so empfunden, wie Schudt voll den Inden in der oben gedachten freundlichen Anrede voraussetzt: „Es kann Euch nicht anders als vergnüglich sein, wenn ihr in diesen: Werk ordentlich findet, wo in allen vier Theilen der Welt Juden anzutreffen, wie sie da leben, was ihre Kleidung, Sitten, Gewohnheiten und Affären sind in gleichem allerhand kurieuse Begebeilheiten und rare Zufälle, so sich mit ihnen zugetragen, als die unbillige harte Verfolgungen in Spanien und Portugal u. s. w." Wer nun die jüdische Volkskunde nicht wie ich, als Laie und Dilettant, sondern als wissenschaftlicher Fachmalln betreiben will, der muß aber die litterarischen Quellen noch tiefer aufsuchen. Er muß die oben genannten Maaseh-Bücher in der Urschrift lesen und wird hier eine reiche Fundgrube finden. Meine Herrschaften! Daß solch ein ernstes systematisches Studium bald in Angriff genommen werde, ist dringend ilothwendig. Denn trotz des soweit zurückliegenden, vielversprechenden Anfangs, den ich Ihnen geschildert habe, ist wenig geschehen. Eille wirklich gründliche Volkskunde der Jude:: kann meines Erachtens doch nur vor: Juden geschaffen werden. Nun haben sich zwar jüngere Gelehrte jüdischer Absta:i:mung und jüdischen Bekellntnisses alleil denkbaren wissenschaftlichen Disziplinen gewidmet. Selbst hervorragende christliche Theologen sind aus dem Judenthum hervorgegangen. Aber die jüdische Volkskunde ist noch nicht mit dem modernen wissenschaftlichen Rüstzeug in Angriff genommen. Wir müssen uns die Aeußerungen jüdischen Volkslebens aus der belletristischen Litteratur zusammensuchen. Was Bernstein in seinem Vögele der.Maggid und Mendel Gibbor geschaffen, ferner die Schriften vonLKulke, Kompert, Karl Emil Franzos u. v. A. werden Ihnen allen bekannt sein. Aber in allen diesen Werken ist doch die Poesie die Hauptsache und nicht die wissenschaftliche Sammlung des Materials. Das einzige systematische Werk, das in der letzten Zeit erschienen ist, rührt von seinem christlichen Gelehrten her: RichardAndree, der bekannte Geograph hat unter dem Titel „Zur Volkskunde der Juden, Leipzig 1881" ein solches geschrieben. Es ist ein kleiner Band von 286 Seiten; wohl-