Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1896)
- Date
- 1896-03-27
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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15:0 Moritz Steinschneider wurde in Proßnitz (nach Nikolsburg die größte jüdische Gemeinde Mährens) am 30. März 1816 (Rosch Chodesch Nissan) geboren. Zu den Gebildeten der Gemeinde, in der sich schon zu Anfang dieses Jahrhunderts ein besserer Geist und ein Streben nach Bildung zeigte, gehörte auch Jakob Steinschneider, der Vater unseres Moritz, der in Prag mehrere Jahre als Erzieher lebte lind neben talmudischem Wissen sich auch die Kenntniß moderner Sprachen angeeignet hatte. Sein Haus wurde der Mittelpunkt eines kleinen Kreises vou Gelehrten; ihm gehörte auch der Arzt Gideon Brecher an, der den Kusari mit einem noch heute geschätzten hebräischen Kommentare versehen, über die Unsterblichkeitslehre der Juden u. A. geschrieben hat und zu Steinschneider in verwandtschaftlicher Be-' Ziehung stand. Wie viele andere geistig begabte jüdische Knaben wurde auch Moritz, der von seinem aufgeklärten Vater in die christliche Schule geschickt wurde, schon in früher Jugend zum Studium des Talmud angehalten; schon im Alter von dreizehn Jahren besuchte er die talmudischen Vorträge des R. Nachum Trebitsch, der ans Empfehlung des R. Mordechai Benet als Rabbiner nach Proßnitz berufen wurde, und als dann sein Lehrer im Jahre 1832 zunl Nachfolger Beuels gewählt wurde, folgte er ihm nach Nikolsburg, dem Sitze des mährischschlesischen Oberlandesrabbiners. . Nicht älter als siebzehn Jahre, begab er sich nach Prag, wo er bis 1836 dem Studium der Philosophie, der Pädagogik und der neueren Sprachen oblag, imb von 1836 bis 1839 betrieb er in Wien geschichtliche und damit verwandte Studien. Hier wurde er durch den Verkehr mit dem sechs Jahre älteren Leopold Dukes, der schon damals seine „Ehrensüulen und Denksteine zu einem küuftigen Pantheon hebräischer Dichter und Dichtungen" herausgegeben hatte, auf die neuhebräische und orientalische Litteratur geführt. Um sich in den orientalischen Sprachen auszubilden, wollte er in die orientalische Akademie' eiutreten; als Jude wurde ihm jedoch der Eintritt nicht gestattet; selbst Auszüge aus dem hebräischen Katalog der K. K. Hofbibliothek zu machen, wurde ihm untersagt, und nach Beendigung seiner Studien an der Wiener Universität ihm die Erlaubniß zum ferneren Aufenthalt in der Kaiserstadt, trotz der Bemühung des bei den Behörden in hohem Ansehen stehenden Predigers Mannheimer, nicht ertheilt. Er entschloß sich daher, die mit Eifer von ihm betriebenen arabischen Studien in Leipzig unter Leitung des berühmten Fleischer fortzusetzeu. Im Herbste des Jahres 1839 begab er sich nach Berlin, um an der dortigen Universität vergleichende Sprachknnde bei Bopp, Geschichte der orietalischen Litterakur und andere Kollegien zu hören. Hier trat er auch mit Leopold Zunz und mit Abraham Geiger, der sich zeitweilig in Berlin aufhielt, in nähere Beziehung. Nach einem mehr denn zweijährigen Aufenthalt in Berlin kehrte er nach Prag zurück, wo er neben seinen Studien als Lehrer an einer Töchterschule wirkte und mit S. L. Rappoport sowie mit anderen Prager Gelehrten, besonders mit Michael Sachs, freundschaftlich verkehrte; ihm folgte er auch nach Berlin, als derselbe im Herbste 1845 dort die Stelle als Rabbiuats-Assessor und Prediger antrat. Steinschneider nahm nunmehr seinen bleibenden Aufenthalt in Berlin. Den Plan, Rabbiner zu werden, gab er ans verschiedenen Gründen, welche wir hier nicht weiter erörtern wollen, völlig auf. Von mehreren christlichen Gelehrten, Professoren und Akademikern wurde er ermuntert, sich der akademischen Laufbahn zu widmen; aber als Jude standen ihm mannigfache Hindernisse im Wege; vorder Hand legte er das Nektorexamen ab und suchte um das preußische Bürgerrecht nach. Auch da stieß er auf viele Schwierig- , testen, und erst auf die Fürsprache und Empfehlung hochgestellter Persönlichkeiten wurde es ihm endlich ertheilt: an dem denkwürdigen Abend des 17. März 1848 unterschrieb Friedrich Wilhelm IV. das Niederlaffuugsdrekret; es war wohl das letzte, das er unterschrieb. Die Ereignisse des Jahres 1848 führten auch Steinschneider, der der Politik sonst fern stand, auf das politische Gebiet; so war er im Sommer 1848 als Berichterstatter der „Nationalzeitung" über die Verhandlungen des deutscheil Parlaments und als Korrespondent der von Professor Hasner redigirten „Prager Zeitluig" thätig. Ohne Amt und ohne Stellung lebte er fortan in voller Hingebung, wenn auch nicht immer sorglos, der Wissenschaft, auf den Ertrag seiner litterarischen Thütigkeit angewiesen. Im Jahre 1860 übertrug ihm die Berliner Gemeinde die für einen Mann von seiner Bedeutung wenig geeignete Stelle, als „jüdischer Gelehrter" bei der Eidesabnahme more jiulaico zu fungiren, eine Stelle, welche er mit innerem Widerstrebell neun Jahre bekleidete. Seit 1869 wirkte er als Direktor der jüdischen Gemeinde-Töchterschule; nach fünfnndzwanzigjähriger segensreicher Thütigkeit legte er dieses Amt nieder. Zur Annahme einer Lehrstelle an einem jüdischtheologischen Seminar konnte er sich nicht entschließen. Den von mir im Namen der Seminar - Kommission im Jahre 1876 ihm gestellten Antrag, eine Professur an der neuerrichteten Landes- Rabbinerschule in Budapest anzunehmen, lehnte er ab, und zwar aus denselben Gründen, wie die einige Jahre früher ihm angetragene Wirksamkeit an der 1872 in Berlin eröffneten Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin. Die Vorlesungen, welche er an der Beitel Heine Ephraim'schen Lehranstalt seit 1859 hielt, erfreuten sich immer einer aus jüdischen uub christlichen Studirenden bestehenden zahlreichen Zuhörerschaft. Mit seinen litterarischen Arbeiten, seinen monumentalen Werken und vielen Abhandlungen in deutscher, lateinischer, italienischer und hebräischer Sprache, sowie in holländischen, russischen, englischen und schwedischen Journalen reiht sich Steinschneider unmittelbar an Zunz an! Hat Zunz das unbestrittene Verdienst, den Grundstein für die Wissenschaft des Judenthums gelegt und dauernde, feste Resultate seiner Forschung geliefert zu haben, so muß die unparteiische Kritik anerkennen, daß Steinschneider das große wissenschaftliche Gebäude so zu sagen unter Dach und Fach gebracht und einzelne Disziplinen der jüdischen Litteratur in die allgemeine Wissenschaft eingeführt hat. Er war der Erste, der die jüdische Litteratur bis zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts, nach Epochen eiugetheilt, übersichtlich darstellte, und der Erste, der nachwies, was die Juden im Mittelalter auf dem Gebiete der Philosophie, der Medizin, der Mathematik, der Astronomie u. a. geleistet haben. Steinschneider ist eine unübertroffene Autorität in der jüdischen Bibliographie, überhaupt wohl der bedeutendste Bibliograph der Gegenwart. Er war der Erste, der im Aufträge öffentlicher Bibliotheken die Kataloge der in denselben befindlichen hebräischen Werke und Handschriften bearbeitete. Seinen Ruf als Bibliograph begründete sein Katalog der Bodlejaua, zu dessen Ausarbeitung er vier Sommer in Oxford weilte; dieser Katalog, zwei starke Quartbände, ist die Frucht einer dreizehnjährigen anstrengenden Arbeit; ich verwahre noch das Briefchen, in welchem er mich zur Barmizwahfeier dieses Katalogs einluv; sie wurde im engsteu Freundeskreise begangen, — Zunz und Frau fehlten natürlich nicht. Dieser und die anderen von ihm bearbeiteten Kataloge, der der hebräischen Handschriften in Leyden, der königlichen Bibliothek in München, der Stadtbibliothek in Hamburg, der königlichen Bibliothek in Berlin u. a., die 21 Jahrgänge seiner „Hebräischen Bibliographie", sind eine Fundgrube des Wissens im