Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1896)
- Date
- 1896-03-27
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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149 dehnung der weiblichen Berufsarten. 2. Einschränkung der Fabrikarbeit verheiratheter Frauen. Herr Stöcker wirft die Angeln nach allen Steiten aus und sucht besonders unter den Arbeitern und Antisemiten zu werben. Wohl bei beiden vergebens. * Der den Juden so oft gemachte Vorwurf, daß sie sich die Landessprache schwer aneignen, wurde in den jüngsten Tagen wieder einmal schlagend widerlegt durch die Antwort, welche der ungarische Kultus- und Unterrichts-Minister Wlassics auf Grund amtlich eingeholter Berichte auf eine Interpellation ertheilt hat. Vor zwei Jahren wurden nämlich in einer Interpellation an den damaligen Kultusminister Grafen Cjäky die Fragen gerichtet: „Bei welcher Konfession giebt es Seelsorger, die nicht gut ungarisch wissen, und wie viele giebt es solche? Bei welcher Konfession werden die Predigten nicht in ungarischer Sprache gehalten?" Aus der Antwort des Ministers ergiebt sich, das; sich Ende des Jahres 1894 in Ungarn unter 7114 christlichen Seelsorgern 444 und in 411 jüdischen Matrikelbezirken 90 Rabbiner, und in Siebenbürgen in 3275 christlichen Gemeinden 1020 Seelsorger, und in 50 jüdischen Matrikelbezirken 7 Rabbiner, in ganz Ungarn also 1464 christliche Seelsorger und 97 Rabbiner fanden, welche nicht gut ungarisch wußten, beziehungsweise nicht ungarisch sprachen. Bedenkt man, daß die ungarische Sprache erst seit fünfzig Jahren als Amtssprache in Gebrauch ist, daß sie nach der ungarischen Revolution von der österreichischen Regierung unterdrückt und in den Schulen gar nicht oder nur spärlich unterrichtet wurde, daß sich unter den Juden in Ungarn viele aus Böhmen, Mähren und Galizien eingewanderte befinden, so ist das Resultat ein geradezu überraschendes und der beste Beweis, wie leicht und schnell die Juden sich die Landessprache aneignen. Was die Sprache betrifft, in welcher die Predigten gehalten werden, so wird, während in 410 Kirchen nur deutsch, in 549 Kirchen nur slovakisch, in vielen Kirchen in beiden Sprachen, slovakisch und deutsch und gar nicht ungarisch, bei den Juden, nach der Antwort des Ministers, ausschließlich ungarisch gepredigt in den Konntaten Csongrad und Udvarhely, in den Städten Stuhlweißeuburg, Hodmezö- Vasarhely, Kecskemet, Fünfkirchen, Schemnitz, Szegedin, Temesvar und Zombor, an allen übrigen Orten abwechselnd ungarisch und deutsch, an manchen Orten noch in einem jüdisch-deutschen Jargon. Uebrigens werden in niehreren der genannten Städte, wie Fünfkirchen, Temesvar, selbst in den echt ungarischen Szegedin, Stuhlweißenburg und Kecskeinet, aus Rücksicht gegen die älteren Gemeinde-Mitgliedern, welche ungarische Predigten noch nicht verstehen, von Zeit zu Zeit auch deutsche Predigten und die sogenannten Deraschot am 7. Adar, an den Sabbathen vor dem Peßachfeste und vor dem Versöhnungstage, in den meisten. Gemeinden in deutscher Sprache gehalten. * Einen sehr merkwürdigen Brief hat derRegus Menelik von Abessynien am 3. Februar an den englischen Missionar Mr. Clarke gerichtet. Dies merkwürdige Schreiben des afrikanischen Herrschers predigt den Europäern — Toleranz, erweist also, daß der Absender über die Zustände in gewissen Kulturländern ziemlich genau informirt sein muß. Der Brief lautet nach einigen Eingangsworten: Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß Ihre Fürbitten mich gleichgiltig lassen. Die Bitten aller Gläubigen haben Werth für mich. selbst wenn sie von Kindern Europas stammen. Nicht alle Europäer sind ja Feinde meines Reiches, nicht alle begehen die Unbilligkeit, sich auf jene zu werfen, die sie für die Schwächeren erachten: nicht alle haben das Knie vor Baal, dem Gotte der Zerstörung und des Brudermords, gebeugt. Ich bin davon überzeugt, daß es viele giebt, die jetzt noch in Wahrheit den Gott des Kreuzes, der Gerechtigkeit und des Friedens anbeten. Mit diesen fühle ich mich eines Glaubens und bin glückselig, wenn sie für mich, für die Meinigen und für mein Volk beten. Ich wünschte nur, daß sie die Wahrheit in das Heiligthum einziehen ließen, daß sie anstatt eines verstümmelten Evangeliums, das die Verwirrung und den Unglauben der Völker Europas erklärlich macht, zu dem echten Evangelium, das mit der Schöpfung der Welt beginnt, zurückkehren .möchten. Mit welchem Recht löschen sie Alles aus, was der Ankunft Christi vorausgeht, mit welchem Recht haben sie abgeschafft, was Gott eingesetzt hat für alle Zeiten? Das, was Ihr das alte Testament nennt, ist eben so wahr wie das neue, und sein Inhalt muß berücksichtigt und beobachtet werden von Allen, die dem Heiland und seinen Aposteln, deren Kommen die Propheten verkündet haben, folgen. Auch das Zeichen des Bundes, das Jesus aufzuweisen hatte, ist nicht von ihm abgeschafft worden. Zu unterdrücken, was Gott für alle Zeiten, von Ewigkeit zu Ewigkeit festgesetzt, heißt den Glauben abjchwächen und ein Schauspiel geben, wie — die Christen in Europa es thun. Nicht nur nach außen hin begehen sie Gewaltthätigkeiten, nein, auch im Innern, im eigenen Lande, namentlich gegen die Juden, die im christlichen Sinne Seelen haben, und denen wir den Heiland verdanken. In meinem Reiche giebt es mehr als 300,000 Juden, und obwohl sie eine fast vollständige Unabhängigkeit besitzen, sind sie ergebene und fleißige Unterthanen. Sie lassen sich nie in Verschwörungen ein, zahlen alle Abgaben und ehren ebenso wie die Christen unsere „Abuna". Sollten sie in Europa vielleicht schlechter sein, so könnte das nur daran liegen, das dort auch die Christen schlechter gerathen sind. Der Heiland hat ihnen am Kreuze verziehen, weshalb verfolgt man sie noch? Sie, allerdings. Sie mein Herr, verfolgen sie nicht. Möchten doch die anderen Christen in Europa Ihr Beispiel nachahmen! Nothwendig ist es, zu Gott zurückzukehren, alle seine Gebote zu befolgen, Moses und die Propheten nicht mehr von den Aposteln zu trennen oder Sanct Peter gegen Sanct Paul auszuspielen. Wer Gott dienen will, muß sich ihm unterwerfen. Sie verstehen das, der Sie ein Botschafter Gottes sind. Lehren Sie es in Europa und in Asien, ich, Menelik, lasse es lehren in Afrika. Ist dieser Brief echt — was wir zu prüfen augenblicklich nicht in der Lage sind — so ist derselbe in der That eines der interessantesten Dokumente zur Geschichte unserer Zeit. Moritz Steinschneider. Von Dr. M. Kayserling. m 30. März vollendet Professor Dr. Moritz Steinschneider sein achtzigstes Lebensjahr. Einen so bedeiltungsvollen Abschnitt eines an Arbeit und Erfolgen reichen Lebens dürfen wir nicht ohne eine innige und würdige Feier vorübergehen lassen. Der Mit- und Nachwelt die Leistungen und Verdienste dieses trefflichen Mannes, der nahezu sechzig Jahre unverdrossen im Dienste der jüdischen Wissenschaft steht, ins Bewußtsein zu rufen, ist an einem solchen Tage ebenso Pflicht als eigene Befriedigung. Steinschneiders Lebens- und Bildungsgang dürfte nur sehr Wenigen bekannt sein. Wie mühsam und dornenvoll der Pfad für diejenigen war, welche sich in dem ersten Drittel dieses Jahrhunderts dem Studium der jüdischen Wiffenschaft widmeten, davon hat das jüngere Geschlecht, dem in den jüdisch-theologischen Seminarien das zu ihrem praktischen Lebensberufe nöthige Wiffen recht bequem geboten wird, kaum eine Ahnung.