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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-07-22 · Heft 30 (22.7.1879) · p. Seite 473

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 30 (22.7.1879)
Date
1879-07-22
Page
Seite 473 (sequence 9)
Language
German
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473 Oesterreich-Ungarn. Ans Galizien, 10. Juli. (Privatmitth.) Wenn Ihr gefch. Wiener Correspondent sagt, daß das Vorgehen der galizischen Juden in der Wahlbewegung unerklärlich sei; wenn ferner Ihr Lembergs Corresp. in Nr. 28 die Ursachen mehr andeutct als klar kennzeichnet, so gestatten Sie mir wohl unverblümt und unbefangen mich darüber auszusprcchen. Selbstverständlich liegt das Interesse daran nicht sowohl in dem Resultate, ob die hierländischen Juden einiger Vertreter in den Rcichsrath senden, als vielmehr in der Charaktcrzeichnung, welche unsre hiesigen Glaubensgenossen von sich selbst gegeben haben, in den Zuständen, die sich daraus so deutlich ergeben. Es wäre ganz irrig, wenn man im Auslande voraussetzte, daß in der Zersplitterung, in der namenlosen Verwirrung, in welche die galizischen Juden bei den gegenwärtigen Wahlen gerathcn sind, das religiöse Moment, etwa die Spaltung zwischen „orthodox" und „reformistisch" eine Nolle gespielt habe. Dies ist nicht der Fall. Traten doch der orthodoxe Nabb. Ornstein und der reform. Lötvenstein zugleich in den polnischen Wahlausschuß. Standen sich doch jüdische Candidaten derselben religiösen Richtung gegenüber. Nicht minder wäre cs eine falsche Vorstellung, wenn man glaubte, daß die Juden Galiziens oder auch ein Theil derselben die Ueberzeugung erlangt hätten, daß das Beste für ihre Glaubensgenossenschaft die Verbindung mit den Polen sei, daß sie dadurch ihre verfaffungsmäßige Gleichberechtigung am nachdrücklichsten tvahrten, und von den Früchten des polnischen Sieges ihren Theil erhalten würden. Das glaubt Niemand, auch der nicht, der cs öffentlich sagt. Wir Alle wissen, daß wo der Pole herrscht, jeder Andere dienen muß, und daß die Polen unter allen Umständen uns so viel Leides zufügen, wie es eben in ihrem Können liegt. Endlich tveiß Jeder, der mit Galizien bekannt ist, daß wirklich die Juden in vielen Städtewahlen den Ausschlag geben könnten, weil ihre Bevölkerungszisfer in vielen Städten eine bedeutende ist. Nun, wird man fragen, was ist denn der Grund dieser Zerrüttung und Zerfahrenheit gewesen? Nichts als der persönliche Ehrgeiz und die' persönliche Anmaßung. Wer nur irgend etwas Ansehen besitzt, wollte gewählt sein, und da man dies durch Hingabe an die Polen zu bewirken glaubte, begab man sich unter deren Schutz und — wurde getäuscht. Denn die Polen dachten nicht daran, die Wahl von Juden zu befördern, sondern zu beseitigen, und von der anderen Seite wurde die jüdische Partei dadurch gesprengt und ein großer Theil der Juden stimmte gegen die jüdischen Candidaten, welche die Polen scheinbar empfahlen. Dies ist die ganze Lösung des Näthsels. Der persönliche Egoismus verblendete diese Individuen so sehr, daß sie nicht allein das Jnteresie ihrer Glaubensgenossen außer Augen setzten, die Verfaffungstreue, die unser einziger Schutz, unddie sie sonst innncrfort auf den Lippen tragen, mit Füßen traten, sondern sich auch einbildeten, das Recht zu haben, sich als Führer der Juden zu benehmen und die jüdische Maste würde ihnen unbedingt folgen. Die Wirkungen dieser Vorgänge! werden lange andauern. Zunächst hat man den Verein „Schomer-Jsrael" auf's Aergste compromittirt und nicht minder den galizisch-israelitischen Gcmeindebund. Beide Vereine, der zweite eine noch sehr zarte Pstanze, sind völlig erschüttert. Hätten die Vorsteher dieser Vereine ihre Pflicht als solche irgend beachtet, so würden sie gemeinsame Verathungcn derselben hcrvorgerufen und eine allgemeine Verständigung erzielt haben. So aber haben sie den Polen den Weg gezeigt, auf welchem sie den Wahleinfluß der Juden neutralisiren können. Sie brauchen nur einige Juden auf ihre Seite zu locken, um die Juden zu verwirren und aus einander zu sprengen. AuS Galizien, 0. Juli. (Privatmitth.) Um das Resultat der Reichsrathswahlen in Galizien richtig zu beurtheilen, muß man sich vergegenwärtigen, daß dieses Kronland von 47 Procent Ruthenen, 40 Procent Polen, über 10 Procent Juden, und etwas über Procent Deutschen bewohnt ist. In Ostgalizien fallen sogar 67 Procent auf die Ruthenen, 20 auf Polen, und 13 auf Juden. Bei den jetzigen Reichsrathswahlen sind nun von den 63 Sitzen 57 Mandate den Polen, 3 den Ruthenen, 2 den Juden und 1 den Deutschen zugefallen. Dies ist ein außergewöhnliches Mißverhältniß, welches von den Wiener Blättern dein Hochdruck zugeschrieben wird, den die polnischen Beamten ausgeübt haben. Indes; ist wiederum dieser doch nur durch die Apathie der Ruthenen sowie durch die Zerfahrenheit der Juden zu erklären. Denn da Jedermann sein Wahlrecht hat, braucht sich die große Maste doch wahrlich nicht von der Handvoll Beamten cinschüchtern und beherrschen zu lassen. Namentlich die Juden haben sich ihre Niederlage durch ihre Uneinigkeit und durch den Ehrgeiz der Einzelnen, die möglichst allcsammt gewählt sein möchten, zuzuschreiben. Darum haben wir auch wenig Hoffnung, daß sie sich aus diesen Vorgängen eine Lehre ziehen werden, meinen vielmehr daß sich bei der nächsten Gelegenheit das ganze Spiel wiederholen werde. Ärakau, 6. Juli. Es ist curios zu sehen, lvie der Rabbiner Schreiber von den Polen plötzlich und ohne sein Zuthun als national-polnischer Candidat proclamirt wird. Schreiber ist bekanntlich der Sohn des sel. R. Moses Sofer. In seinem 17. Lebensjahre vcrheirathete er sich und 22 Jahre alt wurde er Rabbiner in Mattersdorf. Im Jahre 1858 wählte ihn die hiesige Gemeinde zu ihrem Rabbiner. Als Talmudist und Kabbalist besitzt er einigen Ruf. Gegenwärtig ist er 60 Jahre. Er wird eine eigenthümliche Erscheinung im Reichsrathe ausmachen, jedoch lvohl nur zu den Statisten gehören. Lemberg, 8. Juli. Der gestern im Städtcbezirk Kolomea- Sniatvn-Buczacz mit 1143 von 2251 abgegebenen Stimmen 30

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