Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1879)
- Date
- 1879-05-06
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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„Ueberwiegend jedoch ist die Bedeutung, welcher dieser Tag in sachlicher Beziehung hat. Er beweist, daß die freisinnige Richtung, in welcher sie seit einem halben Jahrhundert gearbeit haben, zum Siege gelangt ist. Seit dem Beginn Ihrer seelsorgerischen Thätigkeit schlossen Sie sich den wackeren Männern an, welche eine Reform im Judenthume herbeizuführen suchten. Die Anfänge und Fortschritte waren schwer; langsam und allmälig mußte der Schutt abgetragen werden, welcher sich im Laufe der Zeilen über den grundlegenden Wahrheiten der Religion gesammelt hatte. Unsere Geschichte zählt nach Jahrtausenden. Gleichzeitig mit der Abwehr der gegnerischen Angriffe mußte das Vorurtheil der eigenen Genossen bekämpft werden. Die gebildeteren und vorgeschritteneren Elemente unter den Juden mußten zur gemeinsamen Fahne zurückgerufen und die durch bevorstehende Aenderungen beängstigten Gemüther mit Vertrauen erfüllt werden, daß es sich bei der Reform nur darum handelt, zur Erhaltung und fruchtbaren Verwerthung des idealen Kerns die F o r m den geänderten Lebensverhältnissen anzupassen. Sie haben im Verein mit Ihrem seligen Freunde dem vr. Geiger, unserem hochgeehrten Lehrer, immer die Meinung vertreten, daß die Juden der Gegenwart als Bürger des Landes, in welchem sie leben, und als. freie Männer andere Gebräuche, Gewohnheiten und Gesinnungen haben können und sollen, als zu den traurigen Zeiten der Heimathlofigkeit. Diesen Kampf gegen Widerwillige und Gegner haben Sie nach der, schon von Geiger erkannten glücklichen Anlage Ihrer Natur in so milden Formen geführt, daß jede unnöthige Härte und dadurch jede Ausschreitung, was aber besonders erfreulich, jede Spaltung vermieden wurde. Daß Sie unangefochten, und wegen der Liebe zur Wahrheit, der Gesinnung und der Lauterkeit des Charakters von uns Allen verehrt an der Spitze unserer religiösen Gemeinschaft stehen, beweist, daß die Reform, welche Sie anstrebten, zum Durchbruch und zur Anerkennung in weiten Kreisen gelangt ist. Wie w i r uns dieser Thatsache freuen, so können Sie mit um so größerem Rechte freudig auf diesen Erfolg blicken, als Sie einer der eifrigsten Beförderer der Reformwerkes waren. Es bleibt mir nur noch übrig. Ihnen Namens der Ne- Präsentanten-Versammlung den Zoll unserer Verehrung auszudrücken, und Sie zu bitten, unserer steten Dankbarkeit versichert zu sein." Breslau, den 20. April. (Privatmitth.) Wenige Jahre sind verflossen, seitdem das hiesige jüdisch-theologische Seminar den Verlust seines ersten Direktors zu beklagen hatte, und schon wieder betrauert es das Hinscheiden des Mannes, der geeignet befunden wurde, der Nachfolger Frankel's zu sein und diese Stelle auch nach allen Seiten hm würdig ausfüllte. L. Lazarus (geb. 1822 zu Filehne) gehötte einer alten Gelehrtenfamilie an; seine Ahnen waren seit Generationen Rabbiner, und auch er wurde von seinem Vater, welcher selbst \ Rabbmats-Verweser in Filehne war, diesem Stande gewidmet. Als Knabe genoß er den Unterricht seines Vaters und seine- Oheims, welche als Schüler R. Akiba Eger's selbst bedeutende Talmudgelrhrte waren. Nach kaum vollendetem 13. Lebensjahre wurde der durch ungewöhnliche Geistesgaben ausgezeichnete Knabe in die damals in hoher Blüthe stehende Talmudschule zu Kurnik gebracht, woselbst er einer der hervorragendsten Schüler der Herren Rabbiner Bleicherode und Ettinger wurde. Später bezog er die unter Leitung des R. Akiba Eger stehende Talmudschule zu Posen und genoß dort als ganz junger Mann den Ruf eines so hervorragenden Talmudgelehrten, daß er, als der Prediger zu Sondershausen einen jungen Mann suchte, welcher ihn für das Nabbinats-Examen vorbereiten sollte, dorthin gesendet wurde. In Sondershausen suchte er, neben seiner Beschäftigung als Talmudlehrer, sich auch eine gründliche klassische Bildung anzueignen.. Er trat, nachdem er sich selbst vorbereitet, in die Prima des dortigen Gymnasiums ein und bestand im Jahre 1844 daselbst die Maturitäts-Prüfung. Zur Absolvirung seiner akademischen Studien begab er sich nach Berlin, woselbst er Orientalin, Philosophie und klassische Philologie stüdirte und gleichzeitig auch im Talmud unterrichtete. (Zu seine« Schülern geh orte auch der berühmte Berliner Prediger I)r. Michael Sachs). Im April 1850 wurde er zum Rabbüier der Synagogen-Gemeinde zu Prenzlau berufen, woselbst er volle 25 Jahre segensreich wirkte. Welch hoher Verehrung und Liebe er sich dort zu erfreuen hatte, zeigte sich am deutlichsten' bei Gelegenheit seines 25jährigen Amtsjubiläums. Nach dem Tode Frankel's berief das Curatorium der Fränkel'schen Stiftung, in Uebereinstimmung mit den hervorragensten Rabbinern Deutschlands, Herrn vr. Lazarus, der bis dahin in bescheidener Zurückgezogenheit gelebt und gewirkt hatte, zum Direktor des jüd. theolog. Seminars und auch in seiner neuen Stellung, die er leider nur 3'/z Jahr verwaltete, hat er die Herzen Aller, die das Glück hatten ihm näher zu treten, eingenommen. Seine Schüler hingen mit einer Liebe und Verehrung mr ihnt, wie sie nur selten einem Lehrer zu Theil wird. Dies zeigte sich denn auch bei der, Freitag den 18. h. stattgehabten Beerdigungsseierlichkeit, die nicht nur nächst den klagenden Angehörigen und den trauernden Schülern eine große Schaar jeden Standes und jeglich er Partei versammelt, sondern auch viele von ihm in die Gemeinden gesandte Rabbiner zum Theil aus weiter Feme herbeigerufen hatte. Sie alle umstanden klagend und erschüttert ob des unersetzlichen Verlustes die irdische Hülle des Meisters, von dessen edlem, hingebendem und aufopferndem Wirken als Direktor des Seminars Herr vr. Steckclmacher aus Boskowitz in Mähren, ein Hörer der Anstalt, an der Stätte, wo der Verblichene zuletzt noch seinen Schülem die Liebe zum Talmud-Studium eingeflößt hatte, ein tiefergreiferckes, wahrheitsgetreues Bild vorführte. Ebenso innig und ergreifend, wirkte die Rede, welche Herr Rabbiner