Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1879)
- Date
- 1879-05-06
- Page
- Seite 294 (sequence 6)
- Language
- German
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294 2sei/fcimcj 6itac&tlclateti/. Deutschland. Berlin, 25. April. Man schreibt von hier: Der Direktor und das Curatorium des Reichenheim'schen Waisenhauses der jüdischen Gemeinde haben für das Jahr 1d78 einen Bericht über „den ökonomischen Zweig der Verwaltung" veröffentlicht. Aus demselben geht hervor, daß die Einnahmen 53,160 Mk., die Ausgaben 46,000 Mk. betrugen. Von dem Zuschüsse der Gemeinde im Betrage von 25,000 Mk.. sind, da die Bewilligung für 75 Kinder gemacht tvar, durchschnittlich indessen nur -0 Pflege im Waisenhause genossen haben, 7099 Mk. zurückgezahlt, worden. Der Beitrag der Gemeinde für ein Kind betrug 259 Mk., der Kostenbetrag pro Kopf 635 Mk., die Beköstigung pro Person, das Beamten- und Dienstpersonal eingeschlossen, 161 Mk. für das Jahr, die Bekleidung 70 Mk. jährlich für das Kind — Wir ersehen ferner aus dem Berichte, daß aus Spenden von Wohlthatern ein allgemeiner Sparkassen-Fonds für alle Kinder und ein besonderer für solche, welche sich durch Fleiß und gutes Betragen auszcichnen, gebildet wurde. Es besteht außerdem eine Stiftung für entlassene Zöglinge, aus welcher Waisen, für die keine Angehörigen eintreten können, zu weiterer Ausbildung oder als Zuschuß zur Wohnung und Ernährung, Unterstützungen erhalten: Es wird in dem Berichte mit Recht hervorgehoben, daß die schwere Zeit für auch auf sich selbst gestellte Waisen, namentlich für Mädchen, erst beginnt, wenn sie das Waisenhaus verlassen haben und „die Aufmerksamkeit edler Menschenfreunde" auf ein Institut gelenkt, dem bis jetzt, weil es noch zu kurze Zeit existirt, wenig Vennächtnisse zu Theil wurden. Die jüdische Gemeinde tritt mit anerkennenswerther Humanität für die Erziehung der Verlassenen bis zum 15. oder 16. Lebensjahre ein; darüber hinaus abrr bleibt die Befriedigung des vorhandenen dringenden Bedürfnisses weiterer Fürsorge lediglich auf die Privatwohlthätigkeit angewiesen. — Anzuerkennen ist, was im Berichte beiläufig erwähnt wird, daß die entlassenen Zöglinge sich jeden Sonntag im Waisenhause zu gemeinschaftlicher- Lektüre und Unterhaltung zusammenfinden. Sie finden so in ihrem früheren Erziehungshause eine immer offene Heimstätte. Berlin, 27. April. (Privatmitth.) Es ist bedauerlich, aber erklärlich, daß unter den russischen Nihilisten sich verirrte jüdische Jünglinge befinden, die freilich ihr Judenthum, wenn auch nicht formell, vorher längst abgethan hatten. Wer in vor. Nr. dieser Zeitg. die Expectorationen Disraeli's gelesen, wird es erklärlich finden^-daß---ein—glühendere. Ehrgeiz einen jüdischen Jüngling ebenso in die Reihen der Nihilisten wie in die der Aristokraten, was bei Disraeli der Fall war, zu führen vermag. In diesen Tagen wurden hier drei jüdische junge Männer, zwei zu 9 Monaten, einer zu 4 Monaten Gefängniß vom Criminalsenat des Stadtgerichts verurtheilt. Unter den beiden ersten befand sich Liebermann Llia8 Freemann, von dem die A. Z. d. I. richtig berichtet hat, daß er der Verfasser des nihilistischen Aufrufs an die jüdische Jugend gewesen, da das Schriftstück bei ihm gefunden worden. Uebrigens zeichnet sich dieser Aufruf wie auch die übrigen Schriftstücke, die bei diesen Leutchen saisirt worden, durch ihre grenzenlose Verrücktheit und bei bösen Absichten, nebelhafte Phrasen als ein Machwerk verbrannter Gehirne aus, deren Gefährlichkeit jedoch nicht abgeleugnet werden soll. Judenfeinde werden voraussichtlich bald die ganze nihilistische Bewegung in Rußland auf das Conto der Juden stellen, so ungeheuerlich dies auch ist, und so klar auch die bis jetzt bekannt gewordenen Namen der russischen Nihilisten das Gegentheil bezeugen. Berlin, 27. April. (Berichtigung.) Wir ersuchen Sie, folgender Berichtigung in Ihrer gesch. Zeitg. Raum zu geben: „In Nr. 17 dieser Blätter reproducirt ein hiesiger Berichterstatter auf Grund einer Notiz in einer Berliner Zeitung*) einige seiner Meinung nach „unrichtige und taktlose Worte", deren sich bei der Feier des Aub'schen 50jährigen Rabbiner- Jubiläums einer der Redner bedient haben soll. Wir wissen nicht, von welchem Reporter jene Notiz herrührt, sind aber in der Lage versichern zu können, daß die von ihm angeführten Worte bei der Begrüßung des Jubilars in seiner Wohnung und der Ueberreichung eines Ehrengeschenks an denselben nicht gesprochen worden sind. Es sprachen bei der Begrüßung überhaupt nur die Vorsitzenden beider Gemeindebehörden, Stadtrath Magnus und Justiz-Rath Makower. Ersterer wies in einer kurzen Ansprache nur ganz allgemein auf die „segensreiche Thätigkeit" des Jubilars hin, auf dessen Wirken „in Lehre und Leben, in Gotteshaus und Schule", auf seine „Festigkeit in der Gesinnung und Milde in der Amtswaltung". Demnächst nahm der Vorsitzende der Repräsentanten-Versammlung das Wort. Derselbe beglückwünschte den .Jubilar im Namen der Nepräsentanten-Versammlung und sprach wörtlich Folgendes: „Das heutige Fest hat nicht nur eine persönliche, sondern auch eine fachliche Bedeutung." „Sie können, verehrter Herr, mit Recht davon befriedigt sein, daß der heutige Tag Sie an der Spitze der größten und vielleicht auch einflußreichsten jüdischen Gemeinde unsres Vaterlandes findet. Hieraus allein erhellt schon, daß Ihrem eifervollen Bemühen der schönste Lohn, die Anerkennung der Genossen, nichts gefehlt hat noch fehlt." i) Es war die „Rational-Zeitung". Redaction.