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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-05-20 · Heft 21 (20.5.1873) · p. Seite 343

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 21 (20.5.1873)
Date
1873-05-20
Page
Seite 343 (sequence 7)
Language
German
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343 So lange z. B. der protestantische Pietist Herr über die Ehe-! schließung ist, kommt cs wenig darauf an, ob er ein -wissenj schaftliches Examen gemacht hat. — Wir können uns der Ansicht nicht verschließen, daß gerade das einzige Correcliv für die jetzt so energisch eingeschlagene Richtung der Unterstellung der Kirche unter den Staat die Anerkennung sei, daß der Weg nach jener Trennung als Ziel hinzuleiten sei, und es scheint uns ein böseö Geftändniß der Negierung, das in der Behauptung liegt, jener Grundsatz sei ein Zrrthum gewesen, während sie doch andererseits zugiebt, daß der bisherige Weg der Staatsregiernng ein Jrrthum gewesen sei. — Was man einwendet, daß es der Hierarchie, wenn man die Kirche ganz freigicbt, gelingen werde, das Volk immer mehr unter die Herrschaft des Obscurantismus zu bringen, scheint uns falsch, sobald man der Kirche die Schule entzogen, und der Gemeinde das ihr zugehörige Wahlrecht ihrer Geistlichen gegeben hat. Tie Hauptsache ist, daß man in Preußen der protestantischen Kirche nicht zu nahe treten will, und deshalb in die wirklichen Trenuungsmomente einzutreten vermeidet, wie schon die ganz unschuldige Civilehe beweist. Um sich nun zu decken, sucht man den Grundsatz der Trennung selbst in den Kreisen verdächtig zu machen, wo er bis jetzt anerkannt war. Daß man übrigens auf falschem Wege die Verwirklichung eines Principes, auf welches die Zeit lossteuert, nicht aus die Dauerverhindert, hat die neueste Zeit genügend gezeigt, und gerade diese vier kirchenpolitischen Gesetze werden das Ihrige dazu thun. Sie werden so viele Verlegenheiten mit sich bringen, daß ein anderer Ausweg nicht übrig bleiben könnte. Auf diesem Gebiete spricht das Judenthum ein beweisendes Wort. Der Staat hat für dasselbe die Trennung streng aufrecht erhalten, und Beide haben sich dabei gut befunden. —. In den letzten Tagen hat unsere Gemeinde einen empsindlichen Verlust durch den Tod zweier ausgezeichneter Männer, des Dr. Breßler und Hermann Friedländers, die beide seit langer Zeit dem Collegium der Stadtverordneten angehörten, und in ihm hervorragende Stellungen einnahmen, wie in der Sitzung vom!. Mai der Vorsitzende Vorsteher K o chhann mit schönen und würdigenden Worten auSeinantersetzte. Friedländer war auch Vorsteher des Lettevereines, sowie rer Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Juden im preußischen Staate. — Der Fonds der Hockrschule für die Wissenschaft des Judenthumeö hat in jüngster Zeit wieder einigen Zuwachs erhalten. Herr Isaak K önigSwarter in Frankfurt am Main hat Kmo fl., Siegmund Sulzbach 500 Thlr. und Theodor Stern daselbst ebenfalls 500 Thlr. gespendet. Möchten diesem schönen Beispiele recht Viele folgen! Berlin, 1 k. Mai. (Privatmittheil.) In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom ll. wurden die kirchenpolitischen Gesetze mit den Veränderungen, welche das Herrenhaus beschlossen hatte, fast ohne Debatte angenommen, nachdem in der Generaldebatte die Redner des Ccntrums ihren ganzen Zorn noch einmal auSgegosscn hatten, ohne eine Erwiederung außer der dcS CultuS- ^Ministers zu erhalten. Da nun über die Unterzeichnung dieser Gesetze Seitens des Königes kein Zweifel besteht, so können sie als perfect angesehen werten. Es wird nun die Frage sein, ob die Regierung dieselben energisch in Ausführung bringt, und welche 'Wirkungen sie haben werden? Von der gegnerischen Seite ist freilich fortwährend Alles gethan worden, um die Regierung im höchsten Maße zu reizen, und sie ihre Ehre darein setzen zu machen, diese Gesetze mit aller Strenge durchzuführen. Rech in der letzten Stunde wurden maßlose Beleidigungen den Ministern an den Kopf geworfen. Man könnte fast glauben, der entschiedenste Bruch sei beabsichtigt. Wie in diesen Blättern wiederholt auseinander gesetzt worden ist, haben diese Gesetze für das Jndenthnm nur eine beschränkte Bedeutung. Es ist dadurch der Austritt aus dem Judenthmne ohne Uebertritt zu einer Kirche ermöglicht. Warten wir ab, ob hiermit eine Schädigung verbunden sein werde; jedenfalls kann dies nur eine äußerliche Schädigung sein. Breslau, 11. Mai. (Privatmilcheil.» An der hiesigen Universität ist eine neu errichtete außerordentliche Professur für Mathematik dem bisherigen Privatdocenten I)r. Jakob Rosanes übertragen worden. Derselbe stammt aus einer der berühmtesten jüdischen Familien; er ist ein Enkel von Akiba Eger. Oestreichisch-ungarische Monarchie. Wien, 5. Mai. (Privatmitth.» Die hier begründete „Alliance in Oestreich" hat einen überaus günstigen Anfang genommen. Sie zählt bereits über 4 cm» Mitglieder, und trotzdem sie schon ansehnliche Beihülfe zur Unterstützung der Glaubensgenossen im Oriente geleistet hat, ist ihr Fonds auf 31000 Fl. in Papier und 2G0oo Fl. in Baarem gestiegen. Man sieht, daß es in Wien nicht allzu schwer ist, Gelmnittel zu beschaffen, wenn man eine bewegliche Saite anschlägt. Schwieriger ist in solchen Dingen die richtige Anwendung. Denn so beträchtlich diese Summen klingen, so vermögen sie doch nichts Durchgreifendes, um wesentlich und dauernd dem Mangel und dem Verlangen der orientalischen Juden abzuhelfen, und eine eingreifende civilisatorische Wirkung zu üben.. ES kommt daher hierbei viel mehr darauf an, wie man cs versteht, mit vcrhältnißmäßig kleinen und klug vertheilten Mitteln Impulse zu schaffen, als einem Bedürfnisse vollständig abzuhelfen. Ob dies nun dem Vorstände dieser neuen Alliance von Wien aus gelingen werde, muß dahin gestellt sein, bis die Thatsachen ein Urtheil gestatten. Merkwürdig ist es übrigens, daß, während die pariser Juden nach dem Kriege von IS70—7! gegen ihre d entschen Glaubensgenossen so erhitzt waren, daß sie selbst die Frage aufwarfen, ob ein deutscher Jude in die pariser Chebrah ausgenommen werden solle? jetzt die deutschen Juden die einzigen sind, welche der

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