Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 37 (1873)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1873)
- Date
- 1873-05-20
- Page
- Seite 344 (sequence 8)
- Language
- German
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344 pariser Alliance treu geblieben sind, indeß in England und' Oestreich selbstständige Alliancen sich gebildet haben. Der Versuch, in Berlin ebenfalls eine selbstständige Alliance zu gründen, j fand bekanntlich bis jetzt in den deutschen Provinzen und in i Berlin selbst lebhaften Widerstand. Dies zeugt jedenfalls, das; in Deutschland der Sinn für den allgemeinen Verband am Stärksten ist, und man ihn möglichst zu erhalten strebt. — Eine zweite Frage ist, ob der wiener Verein in den Ländern des Kaifcrstaates diesseits und jenseits der Leitha einen nachhaltigen Anklang finden werde? Es ist bekannt, daß die Wiener in ihren wohlthätigen Veranstaltungen stets sehr liberal gegen die Provinzen verfahren. Viele ihrer Vereine und Anstalten kommen zum größten T heile den Hülfsbedürftigen aus den Provinzen zu Gute. Ties hat aber die Begüterten in den Provinzen noch niemals bewogen, den wiener Anstalten ihre Mithülfe irgend verhältnismäßig zuzuweneen. Sie lassen die Wiener sorgen und Opfer bringen, ohne zu erwägen, daß eS ihre Pflicht sei, sich in den auf's Allgemeine gerichteten Bestrebungen thatkräftig zuzugesellen. Man braucht nur einen Blick auf den Verein zur-Unterstützung der Studirenden, der Handwerker, die Blindenanstalt, das Taubstuimneninstitut u. s. w. zu werfen, um diese Bemerkungrichtig zu finden. Es fragt sich daher, ob die neu begründete Alliance ein besseres Schicksal haben werde. Hat sie dieses, so wäre es anzuerkennnen, daß diese Alliancen in den einzelnen Staaten ungleich kräftiger die Theilnahme der sonst Gleichgültigen zu wecken vermögen, also dem Gcsammtzwecke bedeutendere Mittel zuzuführen befähigt find. Sie thäten also der allgemeinen Alliance keinen Schaden, und es käme nur darauf an, ob sich alle diese einzelnen Alliancen so zu verständigen, so in lebendigem Verkehre und in Zusammenwirkung zu erhalten vermögen, das; gemeinsame Zwecke mit gemeinsamer Anstrengung erreicht werden können. Bei gutem Willen, bei dem Wegfalle aller Eifersüchteleien, und jedesmaliger Ausgleichung, wenn verschiedene Ansichten vorhanden sind, wird dies nicht unmöglich sein. Eine jede Allianz kennte sich ein besonderes Feld der Thätigkcit. das ihr näher gelegen und zugänglicher wäre, aussnchen, und sich in ganz allgemeinen Fragen mit den Anderen vereinigen. Wie wir hören, beabsichtigt das Eentralcomitü in Paris iru Laufe res Jahres eine auswärtige Generalversammlung zu halten, und ist nur noch über den Ort zweifelhaft, ob in Amsterdam, Wien, oder anderswo. Es wäre gut, wenn derselben eingehend« schriftliche Verhandlungen vorangingen, um dann in der Versammlung selbst eine Verständigung zu ermöglichen. Drohobycz, 30. April. Zur Charakterisirung der Zustände in Galizien Heilen wir hier Folgendes auS der „4t. fr. Pr." mit: Die an imerrffartten Vorgängen reichen Gemcinderathswahlen sind zu Ende. Schroff standen die national-klerikale Partei des ehemaligen ReichsrathSabgeorkneten und nunmehrigen DirectorS unseres Machen Gymnasiums, 1\ Barewicz, und die mit den gemäßigten Polen und der ruthenischen Intelligenz verbündeten Israeliten, als liberal-verfassungstreue Partei, unter Führung des allgemein geachteten Advocaten und bisherigen Bürgerineisterftellvertreters Dr. Wohllerncr einander gegenüber. Bei Eröffnung der Wahl der dritten Wählerclasie am 23. d. war der einzige zur Wahlcommission führende Zugang von Tumultuanten vollständig occupirt, von welchen die jüdischen Wähler beim Dnrchdrängen zur Stimmgebung wiederholt angegriffen wurden. Die städtische Sicherheitswache erwies sich zur Aufrechtcrhaltnng der Ruhe und Ordnung als unzureichend, weßhalb rer k. k. Bezirkshauptmann Gendarmerie als Succurs zu rcquiriren sich genölhigt sah. Trotzdem war es den jüdischen Wählern gegen Abend bei wiederholten heftigen Attaquen nicht mehr ohne Lebensgefahr möglich, ihre Stimmzettel abzugeben, und die Sorge für ihre persönliche Sicherheit gebot ihnen, der Gewalt zu weichen und die Wahl im dritten Wahlkörper aufzugeben. Mil solchen Waffen hat die Partei Barewicz sich zwölf Sitze im neuen Gemeiuderathe erkämpft. Allein die Revanche der liberal-vcrfassungStrcuen Partei ließ nicht lange auf sich warten. Am 24. und 25. d. hat der zweite und erste Wahlkörper sechzehn Israeliten, zwei liberale gemäßigte Polen und sechs der angesehensten und intelligentesten verfassungstreuen Ruthenen als Gemeiuderathe gewählt. Nun droht zwar P. Barewicz, er werde beim Statthalter in Lernberg einen Wahlprotest mit Erfolg überreichen; allein Niemand beachtet diese Drohungen. Czecnowltz, 8. Mai. Heute wurde im Beisein der Spitzen der Behörden, des Militärs und der Honoratioren die Grundsteinlegung zum ersten israelitischen Tempel vollzogen. Abends findet ein Festbankett statt. Großbritannien. London, C>. Mai. Hiesige Blätter melden, daß Sir Adolph von Rothschild im Begriffe ist, eine allgemeine nirrstergültige Blindenheilanstalt in Genf auf seine Kosten zu errichten und auszustatten. Wir können diesem edelen Borhaben nur den innigsten Beifall schenken, ' und nebenbei mit Beziehung auf die in Nr. 13 und H dieses Blattes besprochene Frage über eonsessionelle Stiftungen den wiener Fragesteller aufmerksam machen, wie die Juden ihren allgemeinen Menschenpslichten wohl zu genügen wissen, ohne darum ihrer Evnfession abzustehen. Asien. Ein neuerer Reisender giebt von dem im alten Mesopotamien (Babylonien) in den Gegenden des Euphrat und des Tigris wohnenden Juden folgende Schilderung. Die babylonischen Juden sind wohl der schönste und merkwürdigste Menschenschlag unter den Sonnten, und zugleich der älteste, der sich rein und unvermischt erhalten hat. Die Ahnenreihe dieser