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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-02-06 · Heft 6 (6.2.1872) · p. Seite 116

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 6 (6.2.1872)
Date
1872-02-06
Page
Seite 116 (sequence 20)
Language
German
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seinen unvollkommnen Waffen ein eßbares Wild erlegt; Tage lang hat er der Nahrung entbehrt und ißt sich nun tüchtig satt an dem mitgebrachten Vorrath, bis ihm sein gutes Glück wieder etwas in den Weg bringt, um seinen und der Seinigen Hunger zu stillen. Der nvmadisirende Hirt erliegt mit seinen Heerden der ersten Dürre, welche den Fluren das ernährende Gras und Kraut nimmt, wie einst Abraham mit seinen Kameelen und Eseln, Rindern und Schafen nach Aegypten getrieben, wurde. Auch der ansässige Landmann mit seiner primitiven Bodencultur zittert vor der schrecklichen Geißel Hungersnoth. Ein einziger Mißwachs verzehrt oft nicht allein seinen ganzen Wohlstand, sondern bringt Tausenden im Lande den Tod, denn im Gefolge des Hungers zieht Seuche und Pest einher. Und ist solche Dürre, solcher Mißwachs nicht unvermeidlich, und kommen nicht stets nach Jahren des Ueberflusses Jahre des verzehrenden Mangels? Bei dem Fehlen aller Eommunicationsmittel und des Handels kann aber ein solches Volk vor den traurigen Folgen von Zeit zu Zeit wiederkehrender Hungersnoth gar nicht geschützt werden. Man hat oft nach, den thatsächlichen Ursachen jener großen Wanderungen geforscht, welche man die Völkerwanderung nennt. Das augenscheinlichste Motiv liegt darin, daß viese Völkerschaften bei stärkerer Vermehrung in ihren Ursitzen nicht mehr Nahrung genug fanden, und große Abtheilungen derselben sich deshalb auf den Weg machen mußten, um neue Wohnstätten, die sie zu ernähren vermöchten, aufzusuchen. Die Civilisation macht es durch Communicationsmittel und ausgedehnten Handel möglich, auch die von Mißwachs und Dürre betroffnen Länder mit den nöthigen Lebensmitteln zu versehen, so daß in ihnen zeitweise wohl eine Theuerung, aber keine Hungersnoth entstehen kann, und sie vermehrt andrerseits die Fruchtbarkeit des Bodens, die Menge der natürlichen und künstlichen Erzeugnisse und die Herbeischaffung der mannichfachsten Nahrungsmittel so sehr, daß ein Wachsthum der Bevölkerung eher vorteilhaft auf die Vermehrung der Products wirkt, als daß es auf die Nothwendigkeit großer Auswanderungen hinwiese. Zu erwägen ist hierbei allerdings, daß es vorzugsweise die Halbcultur ist, welche tiefgreifende Nachtheile und Schäden herbeiführt, die erst durch fortschreitende Civilisation beseitigt werden können. So brachte das Mittelalter, indem es einige bevorzugte Kasten mit Macht und Reichthum versah und die große Masse des Volkes unfrei machte, unsägliches Elend über die letztre, und zwar in einem Maße, wie es das im Verhältniß zum Mittelalter hoch cultivirte Alterthum nicht kannte. Denn die Sklaven im Alterthum waren zumeist viel besser gestellt als die Leibeigenen im Mittelaller. Die höhere Cultur aber verbreitet Freiheit und Wohlstand in ungleich größeren Maßen, giebt selbst den untersten Schichten Bewußtsein und anzuerkennende Ansprüche, denen allmälig immer mehr genügt wird, und nimmt schon im allgemeinen Interesse die Beschaffenheit der unentbehrlichen Lebensbedürfnisse in schärfere Obacht, so daß die Bedingungen einer behaglicher» Existenz auch in der großen Masse des Volkes mehr und leichter Beftiedigung erlangen. Hierzu kommt noch, daß eben mit der Vermehrung der Bedürfnisse sich auch die Genüsse mehren, daß daher der civilisirte Mensch aus unzähligen Dingen Genuß und Freude zieht, von welchen der rohe Mensch in seiner Stumpfheit keine Ahnung hat. Hat dieser seine sinnlichen Triebe befriedigt, so versinkt er in Apathie und starrt in das Leere.hinaus. Den civilisirten Menschen aber erwarten nach geschehener Arbeit so mannigfaltige Gegenstände ruhiger Beschäftigung, welche sein inneres Leben bewegen und afficiren, so daß er sich seines Daseins bewußt wird. Er findet in der Arbeit selbst, wenn sie nicht übermäßig ist, vielfachen Genuß und mannigfache Befriedigung, so daß zuletzt, selbst wenn er mehr arbeitet und sorgt, als seine Vorfahren im Naturzustände, ihm ein mannichfaltiger Lohn für seine Anstrengung zu Theil wird. Nur die Cultur weckt im Menschen alle diejenigen Kräfte, welche längst in ihm schlummerten: sie macht den Menschen erst zum Menschen. Dies führt uns zu dem Verhältniß der verschiedenen Classen der menschlichen Gesellschaft zu einander, zur Betrachtung von arm und reich, vornehm und gering, und wie diese zu einander stehen. Diesem, lieber Freund, sei mein nächster Brief gewidmet. Joseph Zedner. Nekrolog. Wir entnehmen aus einem von Herrn Steinschneider in Berlin verfaßten, im „Magazin für die Literatur des Auslandes" veröffentlichten Nekrologe folgende Notizen. Am 13. October vorigen Jahres wurde die Leiche des am 10. Oct. im jüdischen Krankenhause zu Berlin verstorbenen Gelehrten Joseph Zedner beerdigt. Er war am 10. Februar 1804 in Glogau geboren, ein Schüler des Rabbi Akiba Eger in Posen und nach 1827 Lehrer an der jüdischen Schule zu Strelitz (Mecklenburg). Ein Schulprogramm vom Jahre 1829 enthielt eine Abhandlung von Zedner „Ueber den Wortton in der hebräischen Sprache". Der dortige Oberlehrer Levy, ebenfalls aus Glogau, verließ 1832 seine Stelle, um sich in Berlin als Buchhändler „Lehfeldt" mit Dr. Veit zu associiren, und ein angesehenes Haus zu gründen. Zedner folgte ihm bald nach, um sich später einer ähnlichen Beschäftigung zu widmen, aber mit weniger äußerm Erfolg. Ein angeknüpftes eheliches Verhältniß löste sich vor der Vollziehung, und Zedner blieb unverheiratet. Als Lehrer im Hause des

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