Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-02-06 · Heft 6 (6.2.1872) · p. Seite 115

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 6 (6.2.1872)
Date
1872-02-06
Page
Seite 115 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226852-3226859--30306-3253176
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

llgemetitc Zeitung -cs Zu-enthums. Femlleton-Leilage M Ar. 6. Leipzig, den 6. Februar 1872. Vertrauliche Briefe, v. Allerdings hat die Cultur die Bedürfniffe der Menschen in ausgedehntem Maße vermehrt, denen zu genügen viel Arbeit, Mühe und Sorge verursacht, und deren Vorhandensein vielfache und oft schmerzhafte Entbehrungen auferlegt. Ja, die fortschreitende Cultur erzeugt immer neue Bedürfnisse, und indem sie zur Befriedigung dieser Bedürfniffe die Mittel und Werkzeuge vermehrt, macht sie diese abermals zu neuem Bedürfniß. Es handelt sich hierbei zunächst um die Vermehrung, Vervielfältigung und Verfeinerung in allen zur Erhaltung des Lebens notwendigen Dingen. Welchen Standpunct nehmen jetzt unsre unentbehrlich gewordenen Nahrungsmittel, unsre Wohnung, Bekleidung, unser Bedarf an Licht und Wärme gegen frühere Cultursiufen ein! Hieran reihen sich die Erfordernisse für Bequemlichkeit, Behaglichkeit, Comfort und Luxus, deren Kreis in fortwährender Ausdehnung begriffen ist. Ein andres Gebiet ist dem Vergnügen, den Genüffen geweiht, welche sich von der Rohheit älterer Zeiten zu höchster Verfeinerung erhoben haben, sich immer vervielfältigen und die mannichfaltigsten Richtungen einschlagen, von denen man früher auf niederer Culturstufe keine Ahnung hatte. Endlich die Thätigkeit des Geistes: welche Großartigkeit der Bedürfnisse an Werkzeugen, Denkmälern, Werken der Kunst und der Wissenschaft schafft sie und vermehrt sie von Tag zu Tage! Aber hiermit sind wir noch lange nicht zu Ende. Zu dem eigentlichen Bedürfniß gesellt sich die von der Cultur geschaffene Convenienz, der Anstand, die Ansprüche des Standes, der Ehre. Man kann behaupten, daß nicht, was der Mensch braucht, die meiste Arbeit und Sorge veranlaßt, sondern das einfache Wörtchen: „Es schickt sich", oder „Es schickt sich nicht". Welche Anstrengungen des Familienvaters, der vermeintlichen Schicklichkeit in allen sichtbaren Theilen des Hauses, in allen Verhältnissen der Familie nach außen zu genügen! Wie viele Entbehrungen legt man sich auf, um nach außen hin den Anstand zu bewahren! Wie viele gefährden ihre Zukunft, ja rumiren sich, um-den Ansprüchen deS Augenblicks auS conventionellen Rücksichten nachzukommen! Freilich kommt hierbei viel darauf an, ob Verstand oder Unverstand, ob Bescheidenheit oder Hochnmth die Gränzen des Erforderlichen absteckt. Aber dies gerade führt noch weiter in die Gebiete der Leidenschaften hinein, die, wenn gleich oft kleinlicher Natur, doch den Menschen nicht weniger erdrücken oder an den Abgrund führen, als die gewaltigen, aufreibenden Affecte. Eitelkeit, Ehrgeiz, Eifersucht, Prahlerei, ^Putzsucht und wie sie alle heißen, die sich vorzugsweise in der äußern Erscheinung und in Dingen der Außenwelt bekunden, bringen die Menschen zu Ausschreitungen, die ihr Vermögen erschöpfen und sie zu den übermäßigsten Anstrengungen verleiten, um die errungenen Mittel in nichtigen Dingen zu vergeuden. — Daß dieses alles Folgen der Civilisation sind, kann nicht geläugnet werden, und die Gegner der letztern legen oft genug hierauf den Hauptton ihrer Anklagen. Sie empfinden die Folgen oft an ihrer eigenen Person gar sehr und rufen die Resignation desfen, der einmal im Strome schwimmt, zu Hülfe. Auch die Frommen im Lande, welche über all die Eitelkeit der Civilisation ihr verketzerndes Urtheil aussprechen, sind nicht immer die enthaltsamsten. Doch alles dieses berührt nur die Oberfläche der Dinge, und eine tiefer gehende Prüfung lehrt sie uns ganz anders verstehen. Mit tiefem Sinne werden nicht an Noah oder ein späteres Geschlecht, sondern an Adam selbst gleich nach dem Austritte aus dem Paradiese, also schon an den ersten Menschen die Worte gerichtet: „Mit Beschwerde sollst du vom Erdboden essen alle Tage deines Lebens", und: „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du Brod verzehren"; und es war auch noch keine hochcivilisirte Zeit, als Hiob ausrief: „Hat be* Mensch nicht Dienst auf Erden? Sind wie Löhnerstage seine Tage nicht?" In der That ist es auch nur eine Fabel, daß der Mensch im rohen Naturzustände ohne Mühe und Arbeit, ohne Sorge und Entbehrung seine Bedürfniffe befriedigen konnte, als wenn ihm das Korn aus der Hand wüchse und die Natur ihr Füllhorn mit reichen Gaben ihm in den Schooß schüttete. Gerade das Gegenteil. Auf dieser Stufe muß der Mensch erst recht sich anstrengen und entbehren um des Leibes Nothdurft. Biele Tage streift der wilve Säger umher, bevor er ntit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.