Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1872)
- Date
- 1872-01-23
- Page
- Seite 63 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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63 Heilbronn, als Verfasser der Petition, Lehrer Kahn in Ludwigsburg und Eichberg in Stuttgart. Herr Liebmann, Lehrer in Eßlingen, hat bis zum 2. August 1872 volle 50 Jahre seines Lebens dem Lehramt gewidmet. Freunde und Schüler des Seminarlehrers bereiten dem Jubilar eine Ueberraschung vor. Bonn, 14. Januar. (Notizen als Zeichen der Zeit.) In Belgien wurde in diesen Tagen der jetzige Justizminifter in den klerikalen Blättern, besonders im Bien public, heftig angegriffen, weil er dem Begräbniß eines Protestanten, eines Mitgliedes des Cassationshofes, beigewohnt hatte. Ein anderes klerikales Blatt, das Journal de Bruxelles, vertheidigt den Justizminister , indem es eine Reihe von Stellen aus streng katholischen Schriften bewährter Theologen citirt, welche ein solches Verfahren in Ländern, wo die nichtkatholische Bevölkerung eine bedeutende ist, billigen; das wäre freilich in Belgien nicht der Fall, aber unglücklicher Weise gehöre dieses Land zu denjenigen, in welchen andre Glaubensgenossen gleiche Rechte besitzen. Die liberalen Blätter, wie die Inddpendance beige, machen sich darüber lustig. Wir finden es traurig, daß derartige Dinge noch immer und in solcher Weise discutirt werden können, und daß diejenige Partei, von welcher solches ausgeht, das Ministerium und die Mehrheit in den beiden Kammern einnimmt, folglich die größere Hälfte der Bevölkerung für sich hat. — Die Berliner „Kreuzzeitung" klagt in sehr wehmüthiger Weise über den Mangel an Kirchen in Berlin, deren Zahl und Größe in gar keinem Verhältniß mit der stets wachsenden Bevölkerung der Residenz stehe; das Volk entfremde sich dadurch der Kirche und der Religion immer wehr, und Sittenverderbniß nehme täglich zu. Nun, warum bauen die Herren Protestanten nicht ebenso Kirchen auf ihre Kosten, wie die Juden Synagogen aus eignen Mitteln bauen? Bei solchen Gelegenheiten zeigen auch diejenigen Juden, welche sonst dem cultuellen Wesen wenig huldigen, dennoch eine Opferwilligkeit, die das in ihnen vorhandene warme Interesse für ihre Religion erweist. SiegVurg (bei Bonn), 12. Januar. (Privatm.) Esist in diesen^ Blatte bereits wiederholt hervorgehoben worden, daß Geisteskrankheiten mehr Juden befallen, als Abkömmlinge andrer Volksstämme, namentlich in Deutschland. Auch bei unsrer stark besuchten Irrenanstalt ist dies der Fall. Diese hatte im Jahre 1871 574 Geisteskranke in Behandlung, welche sämmtlich bis auf 13 aus der Rheinprovinz waren. Es befanden sich darunter 384 Katholiken, 176 Protestanten und 14 Juden. Da nun nach der letzten Volkszählung in der Rheinprovinz der 94. Mensch demJudenthume angehört und der 4. Theil der Bevölkerung protestantisch ist, während nach den obigen Angaben unter den in unsrer Anstalt behandelten Geisteskranken schon der 41. ein Jude ist und der 3. ein Protestant, so ergiebt sich daraus, daß noch einmal so viel Juden und ein viertelmal so viel Protestanten unter den Geisteskranken sich befinden, als es nach dem Verhältniß der Bevölkerung sein sollte, während bei den Katholiken die Zahl der Geisteskranken die des Verhältnisses zur Gesammtbevölkerung nicht ganz erreicht. Oesterreichischungarische Monarchie. Preßburg, 1. Januar. Gestern 2 Uhr Nachmittags verschied' an einer Lungenlähmung der hiesige Oberrabbiner Herr S. W. Schreiber im 46. Lebensjahre, Sohn und Nachfolger des seligen Moses Sofer. Mit ihm ist abermals ein sehr einflußreicher Führer der streng orthodoxen Partei verschieden. So bald nach dem Tode des altonaer Oberrabbiners Ettlinger ist der Verlust um so empfindlicher, als es in der Reihe der Orthodoxen an wirklichen Talmudgelehrten fehlt?) *) Um die Richtigkeit dieser letzten Bemerkung zu erweisen, führen wir als ein schlagendes Beispiel eine Bemerkung über „fromme Unwissenheit" an, welche die „Ung. jüd. Wochenschr." brachte: „Das Mainzer „Centralorgan für das orthodoxe Judenthum" läßt sich in seiner Nr. vom 20. d. M. aus Altona einen längeren Bericht über das Ableben des dortigen hochgelehrten Rabbiners E ttli ng er schreiben , der mit hebräischen Citaten so gespickt ist, daß man ordentlich Respect vor der Gelehrsamkeit des Einsenders bekommt. Am Schluffe der Trauernachricht heißt es nun: 1221-ivn Nb«*1 Dipwir b. h.: „der Herr ersetze unfern Verlust!" Wäre es auch nur im entferntesten möglich, hierbei an eine absichtliche grobe Beleidigung- und Verhöhnung des Verstorbenen zu denken, müßten wir es wohl thun; da wir aber das unmöglich annehmen können, so haben wir es hier 4